Das ehemalige Restaurant und Kino "Tivoli". Erster Teil


Der Bau des Tivolis

Das Tempelhofer "Tivoli"

Teil 1. Der Bau des Tivolis

Das Tempelhofer Tivoli an der Friedrich - Karl - Straße. Blick auf das heute als Selfmade - Creative Store genutzte Gebäude.

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Erster Teil. Inhalt und Kapitelübersicht

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Vorgeschichte1

1 |  Vorgeschichte. Eine Fahrt nach Tempelhof

Text und Bild: Lutz Röhrig 

Immer diese Überraschungen. Als meine Partnerin mir erklärte, dass sie unbedingt bei unserer nächsten Fahrt nach Tempelhof in das neue, erst vor wenigen Monaten eröffnete Stoff- und Nähzubehörgeschäft unweit des Hafens gehen würde, war es noch nicht klar, dass mich dieser Besuch an etwas zurückdenken lassen würde, das ich eher durch Zufall vor vielen Jahren fotografiert hatte. 


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Damals wurde ich eher zufällig auf Abbruchmaßnahmen in einer Seitenstraße des Tempelhofer Dammes aufmerksam. Diese ließen unvermutet ein älteres, mit Stuck versehenes Gebäude hinter all den abzureißen Anbauten hervortreten, dem man ansah, das es wohl einst einer ganz andere Zweckbestimmung als ausgerechnet der Unterbringung eines Supermarktes diente. Also nahm ich meine Kamera, machte ein paar Fotos bevor, wie ich dachte, auch das freigelegte Hauptgebäude wohl irgendeinem gesichtslosen Neubau weichen würde. Doch es sollte anders kommen... 

Das Tempelhofer Tivoli an der Friedrich - Karl - Straße. Schematischer Grundriss des Gebäudeensembles.

1 | Schematischer Grundriss des Gebäudeensembles Tempelhofer Damm / Friedrich-Karl-Straße. 

 

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Handelsweg2

2 |  Ein alter Handelsweg

Das Tempelhofer Tivoli an der Friedrich - Karl - Straße. Selfmade - Creative Store. Gebäudefront.

2 | Der einstige Saalbau der Gastwirtschaft "Tivoli" wird heute, nach dem Auszug des Fitnessstudios, vom Selfmade Näh- und Kreativstore genutzt.  

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Wenn man von Mahlow aus über den Straßenzug Kirchhainer-, Lichtenrader-, Mariendorfer- und Tempelhofer Damm fährt, dann nutzt man dabei unbewusst jenen alten Handelsweg von und nach Dresden, der einst über die zum Kreis Teltow gehörenden und bis 1920 selbstständigen Gemeinden Alt - Lichtenrade, Mariendorf und Tempelhof nach Berlin führte.

 

Und klar, wo ein derartiger Handelsweg verläuft, da gab es damals wie heute auch Geschäfte, Gasthöfe und Vergnügungslokale, in denen durstige Reisende ebenso einkehrten konnten, wie vergnügungs- oder erholungssüchtige Berliner Ausflügler. Und Letzteren musste in der einstigen Landgemeinde Tempelhof, die damals zum Kreis Teltow gehörte, schon etwas geboten werden angesichts der unweit entfernten Tempelhofer und Mariendorfer Konkurrenz mit weithin bekannten Namen wie etwa dem Etablissement der Familie Kreideweiß (in dem regelmäßig auch Bismarck logiert hatte und das 1906 für das Wohn- und Geschäftshaus "zum Kurfürst" mit Kinosaal abgerissen wurde) an der heutigen Ecke Alt-Tempelhof/ Tempelhofer Damm und dem Restaurant der Familie Freiberg in Mariendorf am Blümelteich.   


Zur trink- und feierfreudigen Kundschaft gehörten aber nicht nur Ausflügler aus Berlin, sondern auch die Soldaten der an dem Straßenzug liegenden Kasernen, so etwa denen des 1. Garde-Dragoner-Regiments (Dragoner-Areal) an der Belle-Alliance- Straße ( heute Mehringdamm) oder dem Garde-Train-Bataillon an der Berliner Straße (Tempelhofer Damm). Nicht zu vergessen all jene tausende von Zuschauern, die jedes Jahr zum Tempelhofer Feld (heute Flughafengelände) zur Truppenabnahme im Beisein ihrer kaiserlichen Majestät zogen. Es verwundert daher also nicht, dass eines der schönsten Tempelhofer Gebäude auf jene Zeit zurück geht, als sich an der damaligen „Berliner Straße“ ein Lokal an das andere reihte. 

 

Wer also von den Ausflüglern und Reisenden am alten Handelsweg nach Dresden profitieren wollte, der musste angesichts der Konkurrenz schon etwas Besonderes bieten. Ein Mann mit Erfahrung im Gaststättengewerbe war der Restaurantbesitzer und Weinhändler Hermann Gerting, welcher in der Kreuzberger Bergmannstraße 11 bereits eine Großdestille betrieb. Es erschien ihm offenbar als eine gute Idee, in der unweit entfernten Gemeinde Tempelhof einen weiteren Restaurationsbetrieb großen Stils zu errichten. Vielleicht ist sogar der Name "Tivoli", welcher er der Gaststätte verlieh, eine Anlehnung an das unweit der Bergmannstraße am Rande des Kreuzbergs befindliche Vergnügungslokal gleichen Namens, dessen Standort heute zum ehem. Areal der Schultheiss-Brauerei gehört. 

Die Gaststätte "Kreideweiss" in Tempelhof um 1900.

3 | Gaststätte mit Saalbau und Garten der Familie Kreideweiß. Die wohl bekanntestes Tempelhofer Gaststätte, in welcher auch Bismarck des Öfteren logiert hatte, befand sich an der heutigen Ecke Alt- Tempelhof / Tempelhofer Damm. 1906 Entstand hier das Wohn- und Geschäftshaus "Zum Kurfürst", in dem sich bis in die 1960er Jahre auch ein Kino befand. 

 

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Gerting3

3 |  Der Restaurantbesitzer Hermann Gerting

Das Tempelhofer Tivoli an der Friedrich - Karl - Straße. Blick um 1905 von der Berliner Straße (heute Tempelhofer Damm) in die Friedrich-Karl-Straße.

4 | Blick von der Berliner Straße (heute Tempelhofer Damm) in die Friedrich-Karl-Straße um 1905. Vermutlich entstand die Karte kurz nach Fertigstellung der Großgaststätte  "Tivoli" im linken Eckgebäude. Zu dieser führten damals vom Gehweg aus einige Treppenstufen empor.  Zur Gaststätte gehörte ein großer, unmittelbar an das Gebäude in der Friedrich-Karl-Straße angrenzender Saalanbau, in dem sich später ein Kino und heute der Selfmade Näh- und Creative Store befindet.  

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Im März 1892 stellte Hermann Gerting einen ersten Bauantrag zur Errichtung eines dreistöckigen, im mittleren Teil von einer Kuppel überkrönten Gebäudes mit anschließender offener Restaurationshalle an der damaligen Berliner Straße Nr. 50 - 52 (ab 1910 Nr. 98 - 97, heute Tempelhofer Damm) Ecke Lankwitzer Weg (heute Friedrich-Karl-Straße). Der Antrag war an den ersten hauptamtlichen Bürgermeister Tempelhofs, Friedrich Mussehl (1855 - 1912) gerichtet. Mussehls lebte und arbeitete im "Amtshaus" (heute Alt-Tempelhof Nr. 26), wo eine Gedenktafel an ihn erinnert. Denn ein Rathaus sollte der spätere Bezirk Tempelhof erst in den 1930er Jahren erhalten. 

 

Am 2. September 1892 wurde der mittlerweile durch die Tempelhofer Baubehörde geprüfte und dem Landratsamt in Teltow - dem damals die Gemeinde Tempelhof unterstand - vorgelegte Entwurf genehmigt, wenn auch mit einigen Auflagen. Angefertigt worden war der Entwurf im Auftrage Gertings durch das Büro Neander & Co. Im Nachhinein kam es jedoch zu einer kompletten Änderung der Pläne, denn dem ersten Bauantrag folgte ein zweiter am 6. Oktober 1892, für dessen erheblich umfassenderen Entwurf nun der Maurermeister C. Müller verantwortlich war. Müller war in Berlin kein unbekannter. Von ihm stammten u. a. ein Mietshaus und Mühlengebäude (Victoriamühle) in der Schlesischen Straße 38 in Kreuzberg oder das Gebäude der damals bekannten Weinhandlung Trarbach (1905-05 mit Richard Walter) in der Behrenstraße 47. Der neue Entwurf entsprach nun weitestgehend der späteren Bauausführung und wurde am 28. Dezember 1892 - mit einigen Auflagen wie dem Bau einer feuersicheren Wendeltreppe zum Dachboden über dem Tanzsaal - genehmigt. 


Mit projektiert wurde zudem ein großzügiger Restaurationsgarten hinter dem Saalgebäude, welcher bis zur Victoriastraße durchreichte. Es ist daher auch anzunehmen, das die niedrigeren Vorbauten an der Gartenseite, welche ursprünglich auch eine aufwendig gestaltete Brüstung erhalten hatten, mit einer begehbaren Dachterrasse versehen werden sollten. Als offiziellen Baubeginn war den Behörden der 19. März 1893 gemeldet worden. Am 29. September 1893 bat Gerting die Behörden um die Abnahme des kleineren Restaurationsgebäudes, dessen Wände und Träger bereits so stark ausgeführt worden sind, das darüber Wohnungen errichtet werden können.

 

Am 23. Oktober 1893 wurde die Genehmigung für das spätere Eckgebäude erteilt. Doch Gerting hatte sich mit seinem erweiterten Bauprojekt offenbar finanziell überhoben und geriet in Zahlungsschwierigkeiten. Noch im Oktober 1893 musste er daher den begonnenen Rohbau wieder veräußern – an keinen Geringeren als den Amtsbaumeister der Gemeinde Tempelhof, Paul Oskar Waldemar Opitz (18. Mai 1849–1904) . 

Postkarte der Dorfstraße (heute Alt-Tempelhof) in Tempelhof.

5 | Die Dorfstraße (heute Alt - Tempelhof) war das damalige Verwaltungszentrum Tempelhofs. Postkarte Sammlung Röhrig. 

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Das Tempelhofer Tivoli an der Friedrich - Karl - Straße. Erster Entwurf von Hermann Gerting zur Errichtung einer Großgaststätte.

6 | Der erste, 1892 auch genehmigte Entwurf von Hermann Gerting. Er sah die Errichtung eines drei Stockwerke umfassenden, von einer Kuppel überkrönten Gebäudes am heutigen Tempelhofer Damm (damals "Berliner Straße") vor, an dem sich eine lange, im Winkel verlaufende und zum Garten hin offene "Restaurations - Halle" anschloss. Der Bau des markanten Eckhauses war noch nicht vorgesehen - und auch die Grundfläche wurde in noch relativ geringem Maße ausgenutzt. Quelle: Bauaktenarchiv des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg. 

Das Tempelhofer Tivoli an der Friedrich - Karl - Straße. Tatsächlich zur Ausführung gelangter Entwurf von Hermann Gerting.

7 | Ebenfalls noch 1892 wird ein erheblich aufwendigerer Entwurf von Hermann Gerting genehmigt, für den der Architekt C. Müller verantwortlich ist. Dieser zeigt den tatsächlich auch gebauten Zustand mit dem Eckhaus am Tempelhofer Damm. Zugleich belegt dieser Entwurf auch die ehemals enge Verzahnung der Gaststättenräume im Eckhaus mit dem angrenzenden Saalbau in der Friedrich-Karl-Straße. Die blauen Linien geben die Lage der Stahlträger über den Fensterstürzen und als Auflage für Erker, Balkone und Treppen wieder. Quelle: Bauaktenarchiv des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg. 

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Das Tempelhofer Tivoli an der Friedrich - Karl - Straße. Fassadenrisse des Ausführungsprojektes.

8 | Fassadenrisse des Eckgebäudes und des angrenzenden Saalbaus. Ein Teil der Ornamentik ist heute verloren. Ebenfalls nicht mehr vorhanden die vom Eckhaus ausgehende Mauerwerks-Einfriedung mit überkuppeltem Seiteneingang zum Biergarten und zum Saalbau. Andeutungsweise ist dies auf der ersten Postkarte oben in diesem Bericht zu sehen. Quelle: Bauaktenarchiv des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg. 

Das Tempelhofer Tivoli an der Friedrich - Karl - Straße. Die Rückseite des Saalbaus.

9 | Fassadenriss der Rückseite des Saalbaus. Die Zeichnung von 1895 trägt bereits die Unterschrift des neuen Eigentümers Paul Opitz. Auch die Gebäuderückseite ist heute in der Stuckatur erheblich reduziert, Eingänge und Fenster zum Teil vermauert. Quelle: Bauaktenarchiv des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg. 

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Das Tempelhofer Tivoli an der Friedrich - Karl - Straße. Die Rückseite des ehem. Saalbaus heute.

10 | Blick auf die Rückseite des ehem. Saalanbaus, in dem sich heute der Selfmade Store befindet. Zwar sind die Stuckornamente etwas reduziert und einige Fenster zugemauert, doch noch immer ist der große Bogen vorhanden, der einst die Bühne im Gebäudeinneren auch nach Außen kenntlich machte. Man vergleiche die rechts nebenstehende Postkarte... 

Das Tempelhofer Tivoli an der Friedrich - Karl - Straße. Blick in den Biergarten.

11 | Der große Biergarten, welcher sich auf der Rückseite des Saalgebäudes erstreckte, auf einer alten Postkarte. Das Restaurant Tivoli wird zu diesem Zeitpunkt von Hermann Stein geführt.  

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4 |  Amtsbaumeister Paul Opitz

Das Tempelhofer Tivoli an der Friedrich - Karl - Straße. Der Tanzsaal mit Theaterbühne.

12| Blick in den Saalbau um 1900. Der Saalanbau konnte nicht nur als Gastwirtschaft, sondern dank des links zu sehenden, von roten Stoffdrapierungen gerahmten und von einem schweren Bühnenvorhang verschlossenen Podiums auch für Musikkonzerte und Theateraufführungen genutzt werden. Der Durchgang daneben führte zu einem Vorraum mit dem Eingang vom Garten aus. Von dem im oberen Raumteil zu sehenden Wandmalereien sind heute noch Reste im Selfmade Store vorhanden.  

Paul Opitz konnte sich in dieser Zeit kaum über mangelnde Aufträge beklagen, was sicher auch an der engen verwandtschaftlichen Verflechtung mit der Tempelhofer Oberschicht gelegen haben dürfte. So war Opitz seit dem 6. November 1878 mit Louise Bredereck (1857-1943) verheiratet, Tochter von Johann Wilhelm Bredereck und Marie Berlinicke. Marie Berlinicke war die Tochter  des Tempelhofer Kirchen- und Schulvorstands und ehrenamtlichen Gemeindevorstehers, Johann Gottlieb Berlinicke, der gleichfalls wie die Brederecks zu den wohlhabendsten und einflussreichsten Gutsbesitzern Tempelhofs gehörte. 

 

Dementsprechend lang ist die Liste der von Opitz errichtete Gebäude. So u. a. das Gebäude des heutigen "Yorckschlösschens" in Kreuzberg, das Eckhaus Albrechtstraße / Friedrich - Franz - Straße 6, das er 1903- 04 für den Architekten August Buch errichtete oder das unweit vom Tivoli entfernte Schulgebäude an der Ecke Karl-Friedrich-Straße und Werderstraße. Opitz wurde auf dem alten Friedhof an der Tempelhofer Dorfkirche bestattet. Das Grab, für das Opitz ein aufwendiges Monument geschaffen hatte, blieb bis heute erhalten. Opitz sah offenbar den Kauf der Gebäude der halbfertiggestellten Großgaststätte Tivoli in einem größeren Rahmen, gehörten ihm doch bereits einige Nachbargrundstücke an der Berliner Straße (heute Tempelhofer Damm, Nr. 55-70). Er selbst übrigens wohnte an der Tempelhofer Blumenthalstr. Nr. 8, in einem ihm ebenfalls gehörenden Wohnhaus.  

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Bis 1895 ließ Opitz den angefangenen Rohbau des "Tivoli" weiterhin unter der Leitung und nach den Plänen des Maurermeisters C. Müller fertig stellen. Die Ausführung oblag dabei dem Maurermeister H. Pählchen. Pählchen betrieb ein gut gehendes Baugeschäft in einem eigens von ihm errichteten Gebäude in der Friedenauer Wilhelmstraße (heute Görrestraße 21). Von ihm stammten u. a. die Wohn- und Geschäftshäuser Perelsplatz 17 (1890), Rheinstraße 17 (1883) und 18 (1893-94) sowie weitere Bauten insbesondere in Friedenau.

 

Am 20. Januar 1895 erfolgte die offizielle Bauabnahme, der am 1. Februar 1895 die Baugenehmigung folgte. Die Eröffnung des Restaurantbetriebs erfolgte im Mai 1885. Mit der Errichtung weiterer Gebäude im Gartenbereich (Pferdestall, Abortgebäude, Restaurations-Gartenhalle) zum 29. Mai 1895 war das Ensemble nun fertiggestellt.

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Das Tempelhofer Tivoli an der Friedrich - Karl - Straße. Selfmade - Store. Historische Wandmalereien II.

13 | Erhalten blieben bis heute der umlaufende Deckenfries und die vorspringenden Pilaster sowie zwei bemalte Wandfelder. 


Zeichnung des Gartenpavillons des Tempelhofer Tivolis.

14 | Zeichnung des Gartenpavillons, 1897. 

 

Das Stall- und Abortgebäude des Tempelhofer Tivolis in Berlin.

15 | Stall- und Abortgebäude, das vor allem den Nutzern des Biergartens zur Verfügung stand. Es befand sich direkt neben dem Eckgebäude am heutigen Tempelhofer Damm, siehe Abbildung 41. 

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Entstanden war das im Wesentlichen noch heute bestehende Gebäudeensemble aus dem Eckhaus am Tempelhofer Damm und dem zugehörigen Saalbau in der Friedrich-Karl-Straße mit seinen beiden Seitenflügeln. Während der linke, von einer Kuppel bekrönte Saalanbau den Ausgang und Durchgang zum Biergarten enthielt, war im rechten Saalanbau die 5 Bahnen umfassende Kegelhalle untergebracht. Der Haupteingang lag in der Mitte des Saalgebäudes und war über einen kleinen, von Mauern und einer steinernen Pergola flankierten Garten direkt von der Friedrich-Karl-Straße aus zu erreichen. Zusammen mit der aufwendigen Raumausstattung aus mit Stuck und Malereien versehenen Wand- und Deckenflächen sowie mit der großen Kegelhalle entsprach der Saalbau damit den damals weit verbreiteten Vergnügungspalästen, von denen heute keiner mehr bis auf das ehem. Tivoli in dieser reichhaltigen Form erhalten ist. 

 

Doch schon bald nach Fertigstellung begannen Überlegungen, das Gebäude weiter auszubauen. Am 20. April 1897 reichte der Sohn von Paul Opitz und Louise Bredereck, der spätere Architekt Willy Opitz (1879-1952), Pläne für den Bau einer Vorhalle ein, die vor dem Saalbau errichtet werden sollte. Sie wird jedoch nicht ausgeführt. Nach dem Tod von Paul Opitz 1904 ging das Eckhaus samt Saalbau an seine Witwe, Louise Opitz über. 1910, nach dem nun auch die Witwe verstorben war, wird Paul Opitz Tochter, die am 1. März 1884 geborene Margarethe Emilie Johanna Raffalovich, 1910 neue Eigentümerin des Tivolis. 1910 reichte Frau Raffalovich einen Antrag zur Errichtung einer Musikhalle im nun als "Concertgarten" bezeichneten ehem. Biergarten ein, der schließlich genehmigt und ausgeführt wurde. Margarethe Opitz hatte fünf Jahre zuvor, am 25. September 1905, den "Leutnant im Pommerschen Train - Bataillon Nr. 2", Konstantin Raffalovich, geheiratet. Nach über 20 Jahren, am 22. November 1929, wurde die Ehe allerdings geschieden.

 

Stellte der Bau des Musik-Pavillons eher eine Ergänzung des Tivolis dar, so Bedeutete doch der Verkauf von fast der Hälfte der Fläche des Biergartens an bauwillige Interessenten in der Nachbarschaft, zu denen auch der Ehemann von Margaretehe Raffalovich gehörte, einen erheblichen Eingriff. Zugleich erhielten das Gartengelände und das Eckhaus nun die Hausnummern "Berliner Straße 98 und 97". 


Das Tempelhofer Tivoli an der Friedrich - Karl - Straße. Der von Helmuth Nieke betriebene Biergarten des Tivolis.

16 | Postkarte des Tempelhofer Tivolis mit dem Namen des Wirts Helmuth Nieke. Ansicht des Eckgebäudes sowie des Biergartens auf der Rückseite des Saalgebäudes. 

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Das Tempelhofer Tivoli an der Friedrich - Karl - Straße. Porzellanverschluss eines Bierkrugs des Tempelhofer Tivolis. Inhaber Helmuth Nieke.

17 | Porzellanverschluss mit der Beschriftung des Tempelhofer Tivoli und dem Namen des damaligen Gaststätteninhabers Helmuth Nieke, siehe Bild 16. Bodenfund von Jan Evers. Mit freundlicher Genehmigung.