Industriebahn Neukölln (IGB) 2


Gleise mit Verwöhnaroma

Industriebahn Neukölln

Gleise mit Verwöhnaroma

Teil 2

6 | Die Zöllner-Werke und Philip Morris

Die 1796 gegründeten Zöllner-Werke, vormals S. H. Cohn, gehörten zu den bedeutendsten Herstellern von Lacken. Diese fanden im Flugzeug- und Automobilbau aber auch etwa bei der Lackierung von Straßenbahnen oder Booten Verwendung. Die hohe Qualität der Farben und Lacke machte sich auch das Militär, insbesondere beim Flugzeugbau, zunutze. 

 

1928 erwarb Wilhelm Ernst Zöllner den "Rosenhof" in Lindow (Mark), Ortsteil Klosterheide und ließ das Gebäude durch den bekannten Schweizer Architekten Otto Rudolf Salvisberg umbauen. Für die Gartengestaltung konnte er den gleichfalls bekannten Landschaftsarchitekten Ludwig Lesser gewinnen. Wilhelm Ernst Zoellner war bis 1933 Vorstandsmitglied der Zöllner-Werke. 1935 emigrierte er nach London. 1936 Verkauf des Rosenhofs an Fritz Jay von Opel (Mitinhaber der Opel-Werke in Rüsselsheim).

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| Haupteingang der Philip Morris Berlin GmbH an der Neuköllnischen Allee


| Luftaufnahme des Werksgeländes von Philip Morris, ca. 1990. Am rechten Bildrand sind die gerade für eine Erweiterung des Werkes im Abbruch befindlichen alten, von Otto Rudolf Salvisberg entworfenen Gebäude der Zöllner-Werke erkennbar. Im Auftrag von Philip Morris wurde durch das Architekturbüro Autzen & Reimers vor dem Abbruch eine denkmalgerechte Bestandsaufnahme des Bauwerks durchgeführt.

1936-1938 erfolgt der Umbau des Rosenhofs unter teilweisem Abbruch für den Automobilfabrikanten Fritz Jay durch Otto Rensch im neo-barocken Stil. 2002 wurde das inzwischen verfallene Gebäude an die Familie Zöllner rückübertragen und verkauft. 2004 wurden die Gartenanlagen durch Gabriella Pape (Königliche Gartenakademie Berlin) wiederhergestellt. 

 

Eigentümer der Neuköllner Zöllner-Werke war nach der Emigration von Wilhelm Ernst Zöllner ab 1936 die Roth-Büchner AG. Der Rasierklingenhersteller war seinerseits 1926 von der amerikanischen Gillette übernommen worden. In den 1930er Jahren verfügten die NS-Machthaber, dass das Unternehmen keine Gewinne mehr in die USA überführen dürfe, sondern in Deutschland zu reinvestieren habe. In der Folge erwarb Roth-Büchner neben dem Erweiterungsgelände in der Oberlandstraße, an dem sich der Betrieb noch heute befindet, 1936 auch die Zöllner-Werke. Während des Krieges beschäftigten die Zöllner-Werke in Neukölln auch Zwangsarbeiter.

 

Das Werk, dessen Gebäude von dem bekannten Schweizer Architekten Otto Rudolf Salvisberg stammten, befand sich auf dem Gelände des seit 1972 hier ansässigen Zigarettenproduzenten Philip Morris an der Neuköllnischen Allee. Die Erweiterung des Werkes von Philip Morris Anfang der 1990er Jahre und die damit in Aussicht genommene Schaffung von neuen Arbeitsplätzen führte zu einem öffentlich viel diskutierten Abbruch der Bauwerke von Otto Rudolf Salvisberg.


| Blick in Richtung Willstätterstraße. Rechts das Werk von Philip Morris.

| Nach dem Verlauf entlang der Rückseite des Philip-Morris- Werkes kreuzt das Gleis der Neuköllner Industriebahn nun die Haberstraße.


| Kurz nach der Haberstraße erreicht das Gleis die Rösterei der Alois Dallmayr Kaffee Berlin GmbH, an der es jedoch lediglich vorbeiführt. Beliefert wird hier per LKW. 

| Blick in Richtung Nobelstraße. Hinter dem Pflanzenbewuchs befindet sich das ehemalige Gelände der Meiereizentrale Berlin "emzett", deren Gebäude heute andere Gewerbebetriebe beheimaten.


| Von der Haberstraße kommend, biegt hier die Neuköllner Industriebahn in die Nobelstraße ein....

| ...wo es nach Kreuzung der Nobelstraße in Höhe des WISAG-Gebäudes auf die andere Straßenseite wechselt.


7 | Ein Gegentrend - nicht nur der Umwelt zuliebe

Doch es gibt im Bereich der Industriebahn Neukölln auch einen Gegentrend. So wurde etwa der Güterbahnhof Treptow, seit 1998 stillgelegt, 2006 von den Klöster Baustoffwerken in Kerpen erworben und zum 1. Juli 2010 wieder in Betrieb genommen. Seit 2011 verkehren Ganzzüge der Fa. Klösters von deren Kieswerken in Röderau und Mühlberg nach Berlin. Als Betreiber des Bahnhofs Treptow fungiert im Auftrag der Fa. Klösters die Vepas Bahnservice GmbH aus Ludwigsfelde.

 

Im Güterbahnhof wurden zwei Gleise reaktiviert, die 2014 auf über 555 m verlängert wurden. Ebenfalls noch 2014 wurde eine Weichenverbindung zwischen den Gleisen eingebaut, um ein gleichzeitiges Entladen der Kieszüge auf beiden Gleisen zu ermöglichen. Die IGB führte bis 2015 den Verschub der Waggons der Fa. Klösters vom Güterbahnhof Neukölln nach Treptow durch. 

| JDE-Werkseinfahrt für LKW an der Nobelstraße. Davor das Gleis der Neuköllner Industriebahn, das nach links zur Einfahrt für Schienenfahrzeuge verläuft. Im Gleis sind noch Reste einer Weiche zu einem ehem. weiteren Anschließer vorhanden.


| Im Werk steht Waggons jenes inzwischen weithin bekannten, fast schon legendären "Kaffeezugs". Das in Resten noch vorhandene, nach hinten abzweigende Gleis führte zum Speditionsunternehmen "Kunzendorfer".

Doch auch heute noch sind Züge der IGB im Bahnhof Treptow anzutreffen. Grund dafür ist die 1993 getroffene Entscheidung des Großrösters Jacobs Douwe Egberts (JDE), den als Ausgangsprodukt benötigten Rohkaffee per Bahn von Bremen aus in ihr Neuköllner Werk transportieren zu lassen. JDE spart damit, so schreibt das Unternehmen, durch den Wegfall von rund 5000 LKW-Fahrten bis zu 1000 Tonnen CO2 – eine Bilanz, die sich nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht sehen lassen kann.

 

Das Beispiel der Fa. JDE zeigt, dass auch heutzutage der Betrieb eines Eisenbahnanschlusses eine sinnvolle Entscheidung sein kann. Sie ist es aus ökonomischer Sicht die Einsparung von 5000 LKW Transporten spart Kosten und den dahinter stehenden Verwaltungsaufwand - und sie ist es als ein deutliches Zeichen für unsere Umwelt. Ein mehr den je wichtiger Aspekt, auch und gerade aus Sicht der heutzutage besonders bewussten Verbraucher.  Umweltaspekte, Straßenentlastungen und wirtschaftliche Vorteile - Kann man sich eine bessere Werbung als jenen fast schon legendären „Kaffeezug nach Neukölln“ vorstellen? Auch eine "Frau Sommer" der Jakobs-Fernsehwerbung der 1970er und 80er Jahre mit ihrer Betonung des "Verwöhnaromas" hätte da ihr Nachsehen... 


| Die mit Containern des Bremer Hafendienstleisters J. Müller beladenen Waggons des "Kaffeezuges" auf dem JDE-Werksgelände an der Nobelstraße. 

| Der am Britzer Verbindungskanal gelegene Werksteil von JDE. Die linke Uferseite gehörte während der Teilung zu Ost-Berlin. Fotografiert von der Chris-Gueffroy-Brücke. Die Chris-Gueffroy-Allee verläuft rechts (hier nicht sichtbar) am Werksgelände entlang, stößt auf die Nobelstraße und endet an der Neuköllnischen Allee. 


| Ob "Frau Karin Sommer", dargestellt von der bekannten österreichischen Schauspielerin Xenia Katzenstein und Fernseh-Werbegesicht der Marke "Jacobs" zwischen 1972-1984, je hier war? Oder vielleicht doch eher in der Bremer Zentrale... Nun, wir wissen es nicht. Bekannt ist hingegen, dass die Marke "Jacobs" heute zum Unternehmen "Jacobs, Douwe, Egberts (JDE) gehört, in welcher das Kaffeegeschäft von Mondelez International und D. E. Master Blenders seit 2015 gebündelt worden ist. JDE wird mehrheitlich von der JAB Holding der Familie Reimann kontrolliert. An der Holding hält wiederum der Konzern Mondelez International eine (bedeutende) Minderheitsbeteiligung.   

| Die über den Britzer Verbindungskanal führende "Britzer-Allee-Brücke". Die 39,4 m lange Brücke wurde 1994 als Ersatz für einen im Zuge der Grenzsicherung abgerissenen Vorgänger errichtet. Die Britzer Allee ist seit dem 13. August 2010 nach Chris Gueffroy benannt, dem letzten Mauertoten in Berlin und der gesamtdeutschen Grenze überhaupt. Am 5.2.1989 versuchte er mit einem Freund von der damals zu Ost-Berlin gehörenden Uferseite (im Hintergrund) unter Überwindung der dortigen Sperranlagen nach West-Berlin zu fliehen. Er und sein Freund wurden durch DDR-Grenzer beschossen. Während Gueffroy starb, wurde sein Freund schwerverletzt festgenommen.



8 | Der Nordostteil: Sonnenallee - Dieselstraße

Im nördlichen, zwischen der Sonnenallee und der Dieselstraße befindlichen Teil der Neuköllner Industriebahn wurden zuletzt nur noch zwei Anschließer sowie an einem Sonderbahnsteig das Hotel Estrel im Gelegenheitsverkehr bedient. Zudem befand sich hier der Lokschuppen mit der Betriebswerkstatt der Industriebahn Neukölln.

 

Der Neubau der BAB 100 sowie die Erweiterung des Hotel Estrels führten dann zur Einstellung des Bahnbetriebs auf dem gesamten Teilabschnitt im Jahr 2015. 2024 wurde dann der seither nicht mehr betriebene Lokschuppen einschließlich der Betriebswerkstatt abgebrochen.

 

Ob in früherer Zeit auch ein Gleis entlang der Kaimauer der Ziegrastraße verlief, ist unbekannt. Zuletzt hatte hier die Fa. ALBA ihre Verladung von per LKW angelieferten Schrott auf Binnenschiffe durchgeführt. Der Betrieb besteht hier inzwischen nicht mehr, lediglich die beiden Portalkräne blieben noch erhalten. 

| Im nordöstlichen, zwischen der Sonnenallee und der Dieselstraße gelegenen Teil der Neuköllner Industriebahn befand sich bis zum Bau der Autobahn u. a. auch der Lokschuppen mit angeschlossener kleiner Betriebswerkstatt. 


| Der alte Lokschuppen wird im Februar 2024 abgerissen. Zum Glück durfte ich ein paar Fotos dieses im Verschwinden begriffenen Stücks Zeitgeschichte machen. Blick aus Richtung Dieselstraße auf die Gebäuderückseite. Links wurde schon der Anbau der Betriebswerkstatt abgerissen. 

| Die parallel zur neu entstehenden Autobahn (daher auch die blauen Entwässerungsrohre) verlaufende Seite des Lokschuppens. Der kleine Anbau der Betriebswerkstatt wurde bereits abgerissen.


| Die Gleisseite des Lokschuppens. Von hier verlief das Gleis der Industriebahn Neukölln zur Sonnenallee. 

| Ein letztes Bild - inzwischen wird der Lokschuppen zur Gänze verschwunden sein.