Der Zauberkönig

Ein Zauberkönig in Berlin

seit 1884

Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Aussenansicht des Ladens in der Herfurthstraße.

Ein Zauberkönig in Berlin


Topanker

Inhalt und Kapitelübersicht

Ihr Klick zum Kapitel


Jüdisches Leben in Berlin


Vorgeschichte1

 1 | Vorgeschichte. Drei Besuche, zwei Läden


…irgendwann in den 1970ern nahm uns Kinder ein Onkel mit seinem VW-Käfer mit nach Neukölln. Er wolle etwas Besonderes für meine Schwester und mich kaufen, was man nicht alle Tage in den Kaufhäusern findet. Gespannt fuhren wir also den Kottbusser Damm, den Hermannplatz und die Hermannstraße entlang, bis wir auf Höhe der dortigen Friedhöfe waren – und hielten vor einem unscheinbaren Flachbau. Eigentlich eher unspektakulär - bis auf die Schaufenster, die sofort unsere Aufmerksamkeit fanden. Was es da alles zu sehen gab…

 

Gekauft wurde für uns übrigens eine eigenartige, rot – cremefarbene Kunststoffdose mit dem geprägten Namenszug "Spring", die uns noch viele Jahre begleiten sollte – bis das Solitärspiel irgendwann spurlos verschwand…

 

Vierzig Jahre später. Urplötzlich taucht die Nachricht aus der üblichen Pressewolke auf, dass eine noch aus der Nachkriegszeit stammende Ladenzeile in der Hermannstraße abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden soll. Bald war klar, dass unter den vom Abriss betroffenen Geschäften wohl auch der „Zauberkönig“ sein muss – jener Laden also, den wir als Kinder einst besuchten. Grund genug, einen Ausflug mit meiner Kamera dorthin zu unternehmen – gern begleitet wie damals von meiner Schwester.

 

Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Aussenansicht des abgerissenen Ladens in der Hermannstraße.

| Das alte Ladengeschäft des "Zauberkönigs" existierte seit 1952 in einem eigens errichteten Flachbau am Rande des Friedhofsgeländes an der Hermannstraße 84 - 90. Inzwischen wurde es zu Gunsten eines Büro- und Geschäftshauses abgebrochen....

 



 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Blick auf die gesamte Ladenzeile an der Hermannstraße.

| Der aus einem Nachkriegsprovisorium entstandene Landen des Zauberkönigs hatte über all die Jahrzehnte vor allem deswegen so lange Bestand, da er in der Einflugschneise des Flughafens Tempelhofs lag. Mit dem Ende des Flugverkehrs wurde das Areal zu Bebauung freigegeben. Das Foto entstand anlässlich des Abschiedsfestes des Zauberkönigs am 12. Mai 2018 - und wie zu sehen war der Andrang groß.

 

Empfangen wurden wir von einer freundlichen Dame, mit der wir sehr schnell ins Gespräch kamen. Bald war neben der Erstellung von Fotos auch von der langen Geschichte des „Zauberkönigs“ die Rede, die von den beiden Inhaberinnen erst zum Teil eruiert werden konnte. Durch meine Recherchen stieß ich jedoch auf eine bewegende Geschichte - eine Geschichte, die, wie so oft, auf Grund der Zeitereignisse eine Geschichte voller Umbrüche ist mit tragischen Auswirkungen für den Einzelnen...

 

Der "Zauberkönig" an der Hermannstraße 84 - 90, den einige der nachfolgenden Fotos noch dokumentieren,  ist seit dem 22. Dezember 2018 Geschichte. Die aus der Nachkriegszeit stammenden, seit über 60 Jahren bestehenden "Provisorien" am Rande der Friedhöfe werden durch Neubauten ersetzt. Längst gibt es keinen Flugverkehr zum alten Flughafen Tempelhof mehr, der eine niedrige Bebauung weiterhin erfordert.

 

Daher haben sich die beiden Inhaberinnen des Zauberkönigs eines neuen magischen Ort suchen müssen - und ihn in der unweit gelegenen Herrfurthstraße 6a in einem an der Ecke zur Weisestraße gelegenen Wohn- und Geschäftshaus gefunden. Klar, dass ich den Damen des Zauberkönigs auch dort einen Besuch mit der Kamera abstattete. Die Verlegung des "Zauberkönigs" von der Hermannstraße zur Herrfurthstraße einige Häuser weiter ist letztlich einer der vielen Umbrüche, die er in seiner wechselvollen Geschichte zu bestehen hatte...

 


 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Schaufenster des alten Ladens in der Hermannstraße.

| Der Blick in die beiden Schaufenster des alten Ladens an der Hermannstraße. Was es hier alles zu sehen gab. Ganz links das lächelnde Pferd mit Hut... 

 

Friedrichstrasse2

 2 | Das Geschäft in der Friedrichstraße


Begonnen hat diese Geschichte nicht etwa in Neukölln, sondern in der damals für ihre vielen Theater und Varietés berühmten Friedrichstraße mit klangvollen, ja geradezu legendären Namen wie dem „Metropoltheater“, das Apollo – Theater, dem Passage – Theater und natürlich, dem legendären „Wintergarten“. Dieser war tatsächlich aus dem 2000 qm großen Wintergarten des 1880 eröffneten „Central – Hotels“ hervorgegangen und wurde schon früh für diverse Veranstaltungen genutzt. 1884 wird der Wintergarten endgültig zum separaten Programm – und Verzehrtheater umgewandelt, welches sich alsbald einen hervorragenden Namen vor allem mit seinen Varieté – Vorstellungen erwirbt.

 

Es ist somit nicht verwunderlich, das Joseph Leichtmann, welcher 1880 bereits in Wien seinen ersten Zauberladen eröffnete hatte und 1884 in München sein nächstes Projekt wagte, noch im gleichen Jahr auch in Berlin eine derartiges Geschäft eröffnet, um hier den zahlreichen Varieté – Künstlern und Magiern eine Stätte zu bieten, in denen sie ihr für ihre Auftritte benötigtes Zubehör erhalten können. 

 

 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Innenansicht des alten Ladens in der Hermannstraße.

| Blick in das alte Geschäft in der Hermannstraße: In jeder Ecke trotz des geringen Platzes Überraschungen...



 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Masken an der Decke des alten Ladens Hermannstraße.

| Masken in allen Varianten, Lampions - man kann sich kaum sattsehen an den vielen Dingen, die es auch schon in dem eigentlich kleinen Laden an der Hermannstraße zu sehen gab...

 

In bester Lage, in der Friedrichstraße 54, etwa am Standort der heutigen Galerie Lafayette, richtete er ein bald weithin bekanntes, sich über zwei Etagen erstreckendes Geschäft für Zaubereiartikel ein. Auch seine vier Töchter Rosa, Melanie, Leonie und Charlotte ließen sich im Laufe der Jahre von der Zauberei begeistern und führten die als „Zauberkönig“ firmierenden vier Ladengeschäfte ihres Vaters weiter fort. 

 

Während Rosa Leichtmann die Hamburger Filiale übernahm, wurde

Melanie das Geschäft in Köln übertragen, Leonie erhielt den Laden in München und Charlotte als älteste Tochter den Zauberkönig in Berlin. Alle vier wurden unterstützt durch Ihre Ehemänner, die gleichfalls aus der Branche kamen und z. T. namhafte Illusionisten waren.

 

Doch allzu schnell änderten sich die Zeiten. Nach dem Untergang der Monarchie erlebte die Zauberkunst in der Weimarer Republik zwar durch den erneuten Aufstieg des Varietés eine neue Glanzzeit. Doch mit dem Niedergang der Weimarer Republik änderte sich für die vier Familien der Zauberkönig – Geschäfte der Alltag radikal.


 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Blick auf Regale und dem alten Ofen im Laden Hermannstraße.

| Im Hintergrund in der Ecke und lediglich am roten Rohr erkennbar: der alte Kohlenofen. Eine andere Beheizungsmöglichkeit gab es in dem Nachkriegsprovisorium nicht...

 

 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Blick auf regale im alten Laden Hermannstraße.

| Neben allerlei Zauberhaftem gab - und gibt es - im Zauberkönig auch Kostüme. Nicht nur für Magier...


NSZeit3

 3 | Die Zauberkönigläden in der NS - Zeit


Während das Hamburger Geschäft am Jungfernstieg wie auch Rosa Leichtmann vermutlich auf Grund des aus Ungarn stammenden, „arischen“ Ehegatten Joseph Bartl – einem bekannten Magier - keinen Repressalien ausgesetzt war, sah es in Köln anders aus. Hier wurde Melanie Leichtmann ins KZ Theresienstadt deportiert - wo sie den Zweiten Weltkrieg jedoch überlebte. Nach dem Krieg baute sie den Kölner „Zauberkönig“ zusammen mit ihrer Tochter wieder auf. Deren Sohn, Karl-Dieter Opp, wurde einer der bekanntesten deutschen Soziologen und war als Professor an diversen in- und ausländischen Universitäten tätig.

 

Auch im Münchner „Zauberkönig“ liefen die Geschäfte, vermutlich ebenfalls auf Grund des Ehemanns von Leonie, Otto Mösch, nahezu unverändert weiter.

 

Doch ebenso wie Melanie in Köln sah sich auch Charlotte in Berlin härtesten Repressionen durch die Nazis  ausgesetzt. Seit 1909 führte sie mit ihrem gleichfalls jüdischen Ehemann Arthur Kroner das Geschäft. 1938 musste Charlotte das Geschäft an Regine Schmidt, einer Angestellten des Zauberkönigs, abgeben, da die Führung eigener Geschäfte allen Juden fortan verboten war.

 

 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Blick auf den Schriftzug des Zauberkönigs und der Anflugbefeuerung des alten Ladens in der Hermannstraße.

| Mittlerweile gibt es diese beeindruckende Perspektive mit den Masten der Anflugbefeuerung und dem Zauberkönig nicht mehr.



 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Der Zauberkönig - Automat vor dem alten Laden in der Hermannstraße.

| Ein Automat mit Scherzartikeln - wohl einmalig in Berlin

Die wirtschaftliche wie allgemeine Lage der Juden in Deutschland wurde damit immer prekärer. Ein Teil der Familie Kroner konnte sich in die Immigration retten. Charlotte und ihr Ehemann sowie ihre älteste Tochter Meta, welche man zur leitenden Angestellten des Zauberkönigs degradiert hatte, verblieben jedoch in Berlin.

 

Meta wird Anfang der 1940er Jahre schließlich verhaftet und nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Charlotte und etwas später auch ihr Ehemann Artur Kroner begehen angesichts ihrer aussichtslose Lage 1943 Selbstmord.

 

An Charlotte und Artur Kroner erinnert heute ein Stolperstein vor dem Haus Friedrichstraße 55.

 


Nachkriegszeit4

 4 | Von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart


Nach dem Krieg führt Regina Schmidt, der man das Geschäft während der NS – Zeit übertragen hatte, in der Friedrichstraße den Berliner „Zauberkönig“ zunächst weiter. Doch da sie im Westteil der Stadt ihren Wohnsitz hatte, das Geschäft jedoch im östlichen lag, wird sie 1952 durch die DDR – Machthaber enteignet.

 

Noch im selben Jahr eröffnet sie daher in einer eigens errichteten Baracke auf dem Gelände der Friedhöfe an der Hermannstraße ein neues Geschäft mit dem Namen "Zauberkönig". 1978 stirbt Regina Schmidt. Der Zauberkönig wird 1979 von Günter Klepke erworben.

 

Der nicht mit Regina Schmidt verwandte Berliner Illusionist übergibt 1995 das Geschäft an seine Tochter Mona Schmidt, die es 2011 ihrer Nichte Karen Goetzke (nach Heirat German) überträgt. Zusammen mit Kirsi Hinze leitet sie den "Zauberkönig" bis heute.

 

Auch nach der Schließung des alten Zauberkönigladens Ende 2018 und dem Abbruch der aus der Nachkriegszeit stammenden Behelfsbauten an der Hermannstraße gibt es den Zauberkönig zum Glück auch weiterhin. Doch statt wie geplant nach einjähriger Pause in den entstehenden Neubau an der Hermannstraße zu ziehen, dessen plötzlich durch die Kirchengemeinde geänderte Mietskonditionen kaum tragbar gewesen wären, fand man ein neues Quartier...   

 

 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Günter Klepke im alten Laden Hermannstraße.

| Günter Klepke in seinem Zauberkönig. Als namhafter Illusionist führte er gern das ein oder andere Kunststück seinen Kunden vor - auch den Klassiker "Stich mit der Nadel in einen aufgeblasenen Ballon". 

 


 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Kirsi Hinze und Karen German vor dem alten Laden Hermannstraße

| Die Inhaberinnen des Zauberkönigs Kirsi Hinze und Karen German während der Abschiedsfeier am 12. Mai 2018 auf der Bühne von dem alten Laden in der Hermannstraße. Nur noch bis Ende 2018 sollte der alte Laden Bestand haben, dann wird ihn die Kirchengemeinde zu Gunsten des geplanten Wohn- und Geschäftshauses abreißen...

 

 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Abschiedsfeier vor dem alten Laden in der Hermannstraße.

| Während der Abschiedsfeier mit dabei: Befreundete Magier mit ihrer etwas ungewöhnlichen Show...

 


NeuerLaden5

 5 | Der neue Laden des Zauberkönigs


 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Innenansicht des neuen Ladens in der Herfurthstraße.

| Blick in den neuen Laden an der Herfurthstraße. Irgendwie scheint es, als sei viel von dem alten Charm des Ladens an der Hermannstraße mit hinüber gerettet worden...

 

Am 15. Februar 2019 eröffneten die beiden Inhaberinnen an der Herfurthstraße 6a Ecke Weisestraße Ihren neuen Zauberkönig. Im Februar 2020, nach dem sich der Zauberkönig am neuen Standort wieder fest etabliert hat, wurde es Zeit, den beiden Damen einen Besuch abzustatten - klar, dass sich mir wieder meine Schwester anschloss, begleitet von ihrem Sohn und meiner gleichfalls neugierigen Partnerin.

 

Was sofort auffällt sind die fünf großen Schaufenster - echte Hingucker, noch verstärkt durch die Ecklage des neuen Geschäftes. Vieles, Vertrautes meint man wiederzuerkennen - und stand da nicht auch schon in der Hermannstraße dieses lächelnde Pferd mit Hut im Schaufenster? Schön, dass es den Weg in die Herfurthstraße gefunden hat...

 

Auch der Laden selbst scheint den alten Stil aus der Hermannstraße gut in das neue Domizil übertragen zu haben. Noch immer findet man hölzerne Regale mit liebevoll arrangierten Artikeln, hölzerne Verkaufstresen mit Glaseinlagen, die langen Reihen von Masken unter der Decke, Kostüme und allerlei Scherzartikel, die man auch schon aus dem Laden kannte - und ja, den täuschend echten und viel zitierten ....haufen aus Plastik gibt es auch noch...

 



 

Was der Laden aber auf Grund seiner Größe in jeden Fall bietet sind eine vernünftige Heizung, die nicht mehr aus einem wackeligen Kohleofen besteht, Toiletten, so das man keine Nachbarn mehr ansprechen muss und Nebenräume, in denen vielleicht auch einmal kleine Zauberkunststücke aufgeführt werden sollen. Denn schließlich möchte man sich auch dem Kiez und allen Interessierten öffnen.

 

Und das eine große Sympathie für den Zauberkönig im nahen und weiterem Umkreis besteht, das hatte schon die mehr als gut besuchte Abschiedsfeier an der Hermannstraße gezeigt. Wir wünschen Karen German und Kirsi Hinze jedenfalls allen erdenklichen Erfolg. Und sicher wird dies nicht unser letzter Besuch im Zauberkönig gewesen sein...

 

 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Karen German und Kirsi Hinze im neuen Laden in der Herfurthstraße

| In guter Laune: die beiden Inhaberinnen Karen German (links) und Kirsi Hinze hinter dem Tresen ihres Zauberkönigs.

 


 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Blick über den Innenbereich des neuen Ladens in der Herfurthstraße

| ...woran die Masken unter der Decke wie auch die alten Holzregale ihren Anteil haben - und natürlich die liebevolle Präsentation all der vielen Dinge, die man nicht nur für die Zauberkunst so benötigt.

 

 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Masken im neuen Laden in der Herfurthstraße

| ...auch wieder mit dabei: Masken - wobei der Gruselcharakter sich nicht nur in faltiger Haut oder langen Zähnen festmacht, sondern allein schon der Anblick allzu bekannter Konterfeis einem das Blut in den Adern gefrieren lässt...

 


 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Fixierbild im neuen Laden in der Herfurthstraße.

| In der Magie ist es mitunter wie im richtigen Leben. So manches, das seriös zu seien scheint...

 Der Zauberkönig in Berlin - Neukölln. Fixierbil des Schreckens im neuen Laden in der Herfurthstraße

| ...offenbart bei Betrachtung aus einem anderen Winkel seine wahre Gestalt.

 



Möchten Sie regelmäßig über alle Neuigkeiten auf zeit-fuer-berlin.de informiert werden? Dann melden Sie sich für den kostenlosen Newsletter an - und lesen Heute, was Morgen nur noch Geschichte ist...

Sie möchten gern einen Kommentar oder Hinweis zu meinen Artikeln geben? Sie wünschen, dass auch über Ihr  Unternehmen berichtet wird? Nutzen Sie einfach das Kontaktformular