Carisch Kaffee, Kaiser's, Otto Reichelt

Drei Berliner Unternehmen und ihr Niedergang


Inhalt und Kapitelübersicht



Carisch

Kaffee



Bild und Text: Lutz Röhrig 

Oft stehen Sie am Rande viel befahrener Straßenzüge, ohne dass sie die Aufmerksamkeit vorbeihastender Fußgänger oder Autofahrer finden würden: Ehrfurchtgebietende oder auch ganz unscheinbare Bauten, die oft eine große Geschichte zu erzählen haben. Ein solches Gebäude ist auch das Haus Potsdamer Straße 144.

 

Wohl viele können sich sicher noch an die Berliner Lebensmittel – Filialkette „Carisch Kaffee“ erinnern - ein Name, der einst so häufig im Sadtbild anzutreffen war wie „Bolle“ oder „Gebrüder Manns“. Vor über 100 Jahren war das Unternehmen in Berlin durch den Kaufmann Carl Richard Schmidt begründet worden, von dessen Namen sich auch die Bezeichnung Ca(rl) Ri(chard) Sch(midt) ableitete.

 

Nach bescheidenen Anfängen gelang Schmidt ein bemerkenswerter Aufstieg, der es ihm bald ermöglichen sollte, seine Geschäfte von einem eigens errichteten Geschäftshaus an der mondänen Potsdamer Straße aus zu leiten. Um den Ansprüchen des Standortes an der Potsdamer Straße gerecht zu werden, wählte Schmidt den damals bekannten Architekten Rudolf Zahn, welcher in der Potsdamer Straße 14 bereits ein Geschäftshaus mit dem namhaften Restaurant „Zum Fürsten Bülow“ errichtet hatte.

 

In den Jahren 1907 – 1908 entstand nun durch Zahn ein aufwendiges, mit rotem Sandstein verkleidetes Geschäftshaus an der Potsdamer Straße 60 (heute 144), in dem sich Zahn mit seinem Architekturbüro auch gleich selbst einmietete. Zahn blieb, nicht zuletzt auch auf Grund dieses dem damaligen Anspruch nach Repräsentation entsprechenden Gebäudes, bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs erfolgreich. 1916 jedoch fiel er bei den Kämpfen um Verdun.

 

Die Familie Schmidt betrieb hingegen ihre Lebensmittelkette weiterhin erfolgreich. In den 1930er Jahren entstanden Pläne für eine Lebensmittel - Fabrik in Tempelhof, angeblich an der Ecke Zastrow- und Volkmarstraße durch den damaligen „Generalbauinspektor der Reichshauptstadt“, Albert Speer.

 

Wurden auch dies nicht realisiert, so überstand das Unternehmen doch den Zweiten Weltkrieg. Das Ende von Carisch Kaffee sollte erst 1973 kommen, als die Familie Schmidt langsam den Drang von den immer schwieriger werdenden Tagesgeschäften zum Rückzug aus dem Handel verspürte. Im selben Jahr verkaufte die Familie die noch 45 Geschäfte umfassende Berliner Ladenkette an den Mühlheimer Unternehmer Erivan Karl Mathias Haub, welcher als Geschäftsführer und Teilhaber der Handelskette „Tengelmann“ mittlerweile ein Lebensmittel-Imperium zusammengezimmert hatte.

 

Erst zwei Jahre zuvor hatte Haub die „Kaisers Kaffee Geschäfte“ übernommen und setzte zu diesem Zeitpunkt mit seinem bundesweit 460 Super- und Verbrauchermärkten mehr als zwei Milliarden DM um. Eine Größenordnung, die damals selbst Versandhaus- und Einzelhandelsriesen wie Neckermann oder Horten in den Schatten stellte.

 

Mit der Integration der Lebensmittelfilialen von Carl Richard Schmidt in die „Kaisers Kaffee Geschäfte“ erlosch der Name Carisch Kaffee für immer. Damit wurde es auch langsam still im Hause Potsdamer Straße Nummer 144, das nun anderen gewerblichen Zwecken diente.

Zentrale Carisch Kaffee Potsdamer Straße

Die einstige Zentrale von Carisch Kaffee in der Potsdamer Straße 144. Längst wissen nur noch wenige um die Bedeutung dieses Gebäude.

Carisch - Kaffee, Mariendorfer Damm

Oben: Eine unter vielen: Carisch Kaffee Filiale Mariendorfer Damm Ecke Kaiserstraße. Später wurde diese Filiale vom Mode- und Handarbeitsgeschäft  "Wolle - Pfeiffer" übernommen und beherbergt heute ein Radio- und Haushaltswarengeschäft.



Kaiser's

Lebensmittelmärkte



Kaisers Hildburghauser Straße

| Kaisers - Filiale in der Marienfelder Hildburghauser Straße. Inzwischen auf "REWE" umgeflaggt.

Wie einst die Geschäfte von Carisch – Kaffee, so sind auch die Kaiser's – Lebensmittelmärkte inzwischen selbst verschwunden. Im Dezember 2016 fand ein zwei Jahre währender Kampf um den Verkauf des mittlerweile ins Trudeln geratenen Tengelmann – Konzerns, zu dem auch die Kaiser's – Märkte gehörten, sein Ende. Das Bundeskartellamt stimmte der Aufteilung des Tengelmann – Konzerns zwischen Edeka und Rewe zu. In Berlin übernahm Rewe von den bestehenden 120 Kaisers – Märkten 62, einschließlich zweier Neubauten. Edeka übernimmt in Berlin den Rest, bundesweit hingegen 338 Filialen des Tengelmann – Konzerns, zu dem auch Märkte unter anderen Bezeichnungen gehören.

 

2500 Mitarbeiter von Kaisers in Berlin gehören damit zu Edeka, welche den Namen „Kaiser's“ nicht weiterführte. Der Aufteilung der Märkte unter Rewe und Edeka vorausgegangen war eine Minister – Entscheidung Sigmar Gabriels, der mit dem Verkauf der Tengelmann – Gruppe an Edeka eine vollständige Zerschlagung des Konzerns verhinderte und zudem fünf Jahre Bestandsschutz der rund 15000 Angestellten (in Berlin 5600) erreichte. Eine Entscheidung, gegen die u. a. Rewe klagte. Nach mehrjähriger Auseinandersetzung zwischen Rewe und Edeka konnte 2016 endlich eine Lösung gefunden werden.


Kaiser's Hildburghauser Straße

| Die Grinsekanne - nicht ganz unähnlich dem Carisch - Kaffee - Markenzeichen, aber eigens für Kaisers 1914 durch Peter Behrens entworfen.

Einkaufs - Chip Kaiser's

| Einkaufswagen - Chip von Kaiser's. Ein Zufallsfund irgendwo auf dem Weg zur Arbeit...


Kaiser's Mall of Berlin

| Auch in der Mall of Berlin hat es im Untergeschoß bis zum Verkauf eine Kaiser's Filiale gegeben.

Kaiser's Markthalle Tempelhof

| Carisch- Kaffee wurde schließlich von Kaiser's übernommen. Inzwischen ist Kaiser's selbst zwischen EDEKA und Rewe aufgeteilt worden. Bild: Filiale Markthalle Tempelhof  



Otto

Reichelt



Derzeit gibt es in Berlin 53 Reichelt– Lebensmittelmärkte. Noch. Denn die zur Edeka – Gruppe gehörenden Märkte werden demnächst ihren Namenszusatz „Reichelt“ verlieren. 1903 begründete Otto Reichelt in Berlin das Unternehmen, das bis 1939 vor allem auch durch Übernahmen auf etwa 135 Ladengeschäfte anstieg.

 

1948 wird die Zentrale des Unternehmens von der Schlesischen Straße in Kreuzberg zur Marienfelder Daimlerstraße verlegt. Ab 1950 befindet sich das Unternehmen im Besitz der niederländischen Industriefamilie de Gruyter, welche 1960 in Marienfelde die Produktion von Fleisch- und Wurstwaren aufnehmen lässt.

 

Nach 1990 wird das Netz der Reichelt – Filialen auch auf die neuen Bundesländer und Ost – Berlin ausgedehnt. Doch die im oberen Preissegment angesiedelte Otto Reichelt AG kann ihre Stellung bald nicht länger behaupten.

 

1995 erfolgt die Abgabe der Otto Reichelt AG durch die Familie de Gruyter an EDEKA, die sich 2003 von den verbliebenen Aktionären trennt. 2016 wurde bekannt, dass der Name „Otto Reichelt“ aufgegeben werden soll.

Reichelt Hildburghauser Straße

|  Reichelt - Filiale in der Hildburghauser Straße in Marienfelde



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