Der Schiffsanleger Kottbusser Brücke Teil 2


Von Schmidt zu Liptow und Riedel. Die Ankerklause heute

Der Anleger Kottbusser Brücke

Teil 2. Die Reederei Otto Schmidt und die Ankerklause

Blick von der Terrasse der Ankerklause.

Zweiter Teil. Inhalt und Kapitelübersicht

Ihr Klick zum Kapitel

Bus7

7 |  Eierfahrten und Busfahrdienste

Nachdem Schiffsfahrten von der Kottbusser Brücke aus ins Umland, das nun zur "Sowjetischen Besatzungszone" (ab 1949 DDR) gehörte, bereits ab 1952 unmöglich wurden, bot nun die Reederei Otto Schmidt notgedrungen Fahrten ausschließlich innerhalb West-Berlins an. Zu den vom Schiffsanleger an der Kottbusser Brücke angesteuerten Zielen gehörte u. a. die Pfaueninsel, Fahrten zum Oktoberfest am Lützowplatz und, natürlich, wie bereits schon vor dem Krieg weiterhin die traditionellen Eierfahrten nach Schildhorn. 

 

Traditionell fanden an jedem Ostersonntag zum Saisonstart die schon legendären "Eierfahrten" mit den Schiffen der Reederei Otto Schmidt statt. Der Brauch sah vor, das der Gastwirt, bei dem im Frühling zuerst ein Schiff anlegt, der Besatzung einen Korb mit einer Mandel (15 Stück) gefärbter Eier spendiert, während die Fahrgäste jeweils ein Ei erhielten. Und so fuhren die Schiffe der Reederei Schmidt jedes Jahr aufs Neue zum mit Otto Schmidt befreundeten "Schildhornwirt" E. Brunow . Auch, als die Schildhorn-Gaststätte in eine "Wiener-Wald Hähnchen-Braterei" umgewandelt worden war, setzte Otto Schmidt die werbeträchtigen Schiffsfahrten weiterhin fort.

 

Neben den "Eierfahrten" erfreuten sich auch seit den 1950er Jahren die kombinierten  Fahrten mit Schiff und Autobus großer Beliebtheit. Otto Schmidt hatte hierzu mehrere Autobusse beschafft, welche den Namen seiner Schiffe trugen. Ein Novum, denn eigene Autobusse statt gemieteter setzte zuvor keine Berliner Reederei dauerhaft ein.  

Bus der Reederei Schmidt.

| Einer der von Otto Schmidt beschafften Autobusse, die alle den Namen der zugehörigen Schiffe erhielten. Der Bus "Kreuz-As" war ein "Ford-NWF-Schnellbus" - also ein Karosserie-Aufbau der heute nicht mehr bestehenden "Nordwestdeutschen Fahrzeugbau" (NWF) auf einem Ford-Fahrgestell. Produziert wurde das Fahrzeug von 1952-54. 

farbe1

Schildhorn und Restaurant E. Brunow.

| Die Veranda der Schildhorn-Gaststätte zur Zeit des mit Otto Schmidt befreundeten Inhabers E. Brunow. Im Hintergrund ist die Havel zu sehen. 

farbe1
Übergabe eines Präsentes an Otto Schmidt.

| Otto Schmidt erhält am Anleger der Schildhorn-Gaststätte E. Brunow (Name rechts auf dem Schultheiss-Schild auch zu lesen) zur Begrüßung ein Präsent.  


Zeitungsartikel Eierfahrt 1962.

| Zeitungsbericht der "Nacht-Depesche" vom 16. April 1962 über die Eierfahrt zur mittlerweile von der Restaurantkette "Wienerwald" betriebenen Schildhorn-Gaststätte. 

Restaurant Schildhorn als Wienerwald.

| Die Schildhorn-Gaststätte als "Wienerwald"-Restaurant.  

farbe1

Jubel8

8 |  40-jähriges Jubiläum der Reederei

Das 40-jährige Jubiläum der Reederei Otto Schmidt am 2. September 1960 stellte, ohne das es den meisten bewusst war, einen Zeitenwende dar. Noch einmal wurde groß gefeiert. Doch schon bald würde das letzte Schiff der Reederei Otto Schmidt für immer vom Ufer ablegen...

 

Beinahe alle Mitarbeiter der Reederei sind aus diesem Anlass für ein Foto (Bild rechts) angetreten. Von links nach rechts: 1. Bürokraft Frau Schneider, mit dunkler Mütze Hans Turn (Schiffsführer), rechts neben ihm Frau Erni (war mit Hans Turn liiert), in weißer Kellner-Uniform Herr Kappelt, mit weißer Mütze Fahrkartenverkäufer Herr Otto Zwetschge.

 

In der Mitte des Fotos steht mit geblümten Kleid Anni Schmidt und Ehemann Otto Schmidt. Rechts neben Herrn Schmidt mit Krückstock der Eislieferant der Reederei, der zugleich auch zwei Fischstände in den Markthallen Moabit und Alt-Tegel besaß. Neben diesem Frau Hannelore Schmidt (Ehefrau von Heinz Schmidt). Rechts davon in zweiter Reihe stehend mit dunkler Kapitänsmütze Schiffsführer Herr Bauer. 

 

Auch das Einladungsschreiben, das einst an die Festgäste verschickt worden war, blieb nach all den Jahrzehnten erhalten. Bewegende Dokumente einer einst stadtbekannten Reederei, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

farbe0
Jubiläumsfoto der Reederei Schmidt.

| Das Jubiläumsfoto. Legende im nebenstehenden Text. 

 

Einladung zum 40-jährigen Jubiläum der Reederei Otto Schmidt am Neuköllner Maybachufer in Berlin.

| Einladung zum 40jährigen Jubiläum am 2. September 1960 - mit kleinem Rechtschreibfehler. "Labskaus" ist hierzulande allerdings auch nicht ganz gebräuchlich. 


Eierfahrt9

9 |  Die letzte Eierfahrt

Die letzte Eierfahrt.

| Zeitungsartikel der "Bild" vom 22. April 1963 über die letzte Eierfahrt. 

farbe1

Am 21. April 1963 machte Otto Schmidt, mittlerweile 63 Jahre alt, zum letzten mal die Leinen zu einer Eierfahrt auf seinem bereits von der Reederei Hans Liptow gecharterten Flaggschiff, der "Pik As", los. Denn sein ursprünglich zum Nachfolger ausersehene Neffe Joachim Schmidt lebte in Glindow in der DDR, die sich zwei Jahre zuvor durch den Mauerbau endgültig abgeriegelt hatte. Und dessen Bruder Heinz war, wie auch Otto Schmidt selbst, zu diesem Zeitpunkt ernstlich erkrankt. So blieb, wie mir Heinz Schmidt erzählte, nur noch der Verkauf der Reederei. 

 

1963 ging die "Kreuz AS" an die Reederei Karl-Heinz-Winkler, welche das Schiff in "Europa" umbenannte. Die in Spandau ansässige Reederei A. Haupt übernahm die "Herz As" und taufte sie in "Frohsinn" um. Die "Pik AS", mit der Otto Schmidt 1963 zum letzten Mal gefahren war, übernahm 1964 endgültig die Reederei Hans Liptow, an welche auch die Schiffsanlegestelle an der Kottbusser Brücke überging. 

 

Otto Schmidt verstarb am 5. August 1966 nach langer schwerer Krankheit. Seine Beerdigung fand am 12. August 1966 auf dem Städtischen Friedhof in Heiligensee in der Sandhauser Straße unter der Anteilnahme vieler Berliner Schifffahrtsangehöriger, Gaststättenbesitzer und Vertreter der Weihnachtsbaumgroßhändler statt. Mit Otto Schmidt ging ein Berliner Original verloren, dessen Humor und Geschäftssinn weithin bekannt waren.  


Sarg Otto Schmidts.

| Ehrenrunde mit dem Sarg Otto Schmidts. Auf dem Sarg liegt seine Kapitänsmütze. Davor stehend mit Blick auf den Sarg, sein Enkel Heinz Schmidt.  

Nachruf auf Otto Schmidt.

| Nachruf auf Otto Schmidt im "Telegraf" vom 14. August 1966. 

farbe1

Riedel10

10 |  Übernahmen durch Liptow und Riedel

1964 hatte die Reederei Hans Liptow den Anleger an der Kottbusser Brücke einschließlich der "Ankerklause" übernommen. Fortan sah man daher auch die bereits 1953 für die Reederei gebaute "Brigitte" nun an der Kottbusser Brücke. Hinzu kam die von Otto Schmidt übernommene "Pik As". Nachdem bereits die Reederei Schmidt in den 1960er Jahren das Gebäude der Ankerklause in Richtung des damals noch unmittelbar an der Brücke vorhandenen Zeitungskiosks erweitert hatte, wurde durch die Reederei Liptow das Gebäude auf der anderen, dem Treppenabgang zur Schiffsanlegestelle gelegenen Seite um einen zusätzlichen Anbau ergänzt. Dieser Teil wird bis heute von einem großen, unterhalb mit einem aus abgetreppt angeordneten Ziegelsteinvorsprung versehenem Fenster dominiert. Hinzu kam eine über die gesamte Straßenfront reichende  offene, allerdings bereits überdachte Terrasse.  

 

1974 wurde die Reederei Liptow durch die Reederei Riedel übernommen, welche den Anleger bis heute betreibt. Durch die Reederei Riedel sollte die "Ankerklause" zu ihrer heutigen Größe ausgebaut werden...  

farbe0
Blick zum Maybachufer und den Schiffen der Reederei Schmidt.

| Die "Pik-As" und die dahinterliegende, für Hans Liptow bereits 1953 gebaute und 1965 auf 32m verlängerte "Brigitte" Mitte der 1960er Jahre an der Kottbusser Brücke. Postkarte der Reederei Hans Liptow. 


Ankerklause zur Zeit der Reederei Liptow

| Die hier bereits von der Reederei Liptow betriebene "Ankerklause" in den 1960er Jahren. Im Vordergrund ist der offene Verandaanbau zu sehen, welcher erst in jenen Jahren hinzukam. Rechts, zwischen dem seitlichen Fenster und der Telefonzelle,  der Treppenabgang zur Schiffsanlegestelle. 

farbe0
Planzeichnung der Schiffsanlegestelle von 1987.

| Anfang der 1980er Jahre wurde die Ankerklause erheblich erweitert, siehe auch nachfolgendes Kapitel. Grundrissdisposition der Ankerklause des Architekten Jürgen Soltkahn. Kioskanbau und Veranda- Verglasung, 1987, Maßstab 1:50. Links, zwischen dem ursprünglichen Bestandsbau und der Kottbusser Brücke, ist der zur Nutzung als Kiosk vorgesehene Erweiterungsbau (an Stelle des einzeln stehenden Zeitschriftenstandes) erkennbar. Zur Straßenseite wurde zudem die bislang offene Veranda der Ankerklause in einen mit verschließbaren Fenster- und Türelementen ausgestatteten Anbau umgewandelt. Hier nicht eingezeichnet ist die im gleichen Jahr genehmigte und ausgeführte Terrasse zur Kanalseite. 


Ankerklause11

11 |  Erweiterungen der Ankerklause

Blick auf die Ankerklause 2017.

| Die "Ankerklause" 2017. Links der Bestandsbau mit der 1988 angefügten wasserseitigen Terrasse. Rechts der 1988 errichtete, die Lücke zwischen der Ankerklause und der Brücke füllende Kioskanbau. 

Die Reederei Riedel übernahm die Ankerklause zunächst ohne große Veränderungen. Erst Mitte der 1980er Jahre begannen Planungen, die Ankerklause in der Grundfläche um den ehem. Standort des Zeitungskiosk direkt bis an die Brücke zu erweitern. Zeitschriften sollten nun direkt innerhalb des erweiterten Gebäudes verkauft werden, wozu der Anbau Fenster an der Brückenseite erhielt. 

 

Größter Eingriff in den Bestand bedeutete jedoch die Anlage einer wasserseitigen, 2,5m breiten Terrasse, deren Bau - wie auch schon der neue Kiosk und die Schließung der straßenseitigen Veranda mit Fenster- und Türelementen - noch 1987 genehmigt und 1988 schließlich ausgeführt wurde.

 

Dabei mussten unter dem vorhandenen Gebäude Stahlträger zur Aufnahme der Bodenelemente eingeschoben werden, die ihrerseits durch weitere, schräg in das vorhandene Ufermauerwerk eingebrachte Stahlstreben abgestützt wurden. Planung und Ausführung erfolgten durch den Architekten Jürgen Soltkahn - welcher in der Bauleitung durch seinen Sohn Tassilo Soltkahn unterstützt wurde - sowie die statischen Berechnungen durch den Dipl. Ing. Adolf Trampert. 

farbe1

Damit war im Wesentlichen der Zustand geschaffen, in dem sich die Gaststätte auch nach dem Verkauf der Ankerklause durch die Reederei Riedel an Frau Aumüller und Herrn Schallenberg bis heute präsentiert. Das Image der Gaststätte jedoch hat sich seitdem erheblich gewandelt. Auswahl und Qualität der angebotenen Speisen und Getränke wurde erheblich verbessert, die Ankerklause auf das eher szenelastige Publikum des Umfelds ausgerichtet. 

 

Zu einer inzwischen legendären Einrichtung ist der "First Thursday Club" geworden, welcher jeden 1. Donnerstag im Monat in der Ankerklause stattfindet. Mit stadtbekannten DJ's an den Turntables und der Ankerklause als einzigartige Location kommt Danceclub-Fieber auf. Wünschen wir, dass die Ankerklause noch viele Jahrzehnte bestehen wird.  

farbe0
Die Ankerklause im Jahr 2017 mit Blick von der Kottbusser Brücke.

| Die "Ankerklause" 2017. Blick von der Brücke auf den Kioskanbau. Heute befindet sich hinter den Fenstern kein Zeitungskiosk mehr, sondern die Küche der Ankerklause. 


Fenster an der Seite zum Treppenabgang.

| Das Fenster im kleinen Anbau zum Treppenabgang (zur Anlegestelle) entstand noch unter der Reederei Liptow.  

Terrasse an der Straßenseite der Ankerklause.

| Die Straßenseite der Ankerklause mit den Erweiterungen und Umbauten von 1987.  

farbe0

Blick auf die Bar der Ankerklause.

| Die originelle, mit Blechen verkleidete Bar der Ankerklause, dahinter die Küche.

 

Innenraum mit Ausblick.

| Gastraum mit Blick zur verglasten straßenseitigen Terrasse.  

farbe0

Blick von der Wasserterrasse der Ankerklause zur Kottbusser Brücke.

| Blick von der wasserseitigen Terrasse auf den Landwehrkanal. Rechts das heutige Linke-Ufer (nach dem Komponisten Paul Linke).  

Blick auf die Kottbusser Brücke.

| Blick von der wasserseitigen Terrasse auf die Kottbusser Brücke. 

farbe0