Sturmtief "Xavier" - ein Erlebnisbericht


Berlin im Ausnahmezustand

Bild und Text: Lutz Röhrig 

Sturmtief "Xavier" legte am 5. Oktober 2017 ab etwa 17 Uhr ganz Berlin lahm. Als Franzi und ich unseren wohlverdienten Feierabend entgegen eilen wollten, stellte sich uns nach einer gewissen Wegesstrecke bald das erste Hindernis entgegen: Im Hof von Visit Berlin mussten wir unter einem umgestürzten Baum "hindurchtauchen", um so unseren Weg in Richtung Potsdamer Platz Arkaden fortsetzen zu können.

 

Dort angekommen war diese auf Grund weiträumiger Absperrmaßnahmen nur über das 1. OG zu betreten. Die Ursache hierfür sollten wir bald in Augenschein nehmen können: Hoch über der gläsernen Passage hatte sich eine Arbeitsbühne gelockert und schaukelte nun beängstigend leichtgängig im Wind hin und her. Die Gefahr war durchaus gegeben, das die tonnenschwere Stahlkonstruktion wie ein Geschoss das Glasdach durchschlagen würde... Ein lauter Knall aus Richtung des Glasdaches ließ umstehende und uns aufschrecken: ein großes Metallteil hatte sich vom Dach gelöst und war auf die Streben der Glasüberdachung aufgeschlagen. 

Bild rechts oben: Im benachbarte Grundstücke umfassenden Hofbereich von Visit-Berlin liegen umgestürzte Bäume. Sie dienen den Kindern des gleichfalls angrenzenden Kindergartens als willkommene Klettermöglichkeit.

Bild rechts unten: Potsdamer Platz Arkaden: Das aus größerer Höhe abgestürzte Metallteil auf dem Glasdach (Bildmitte links).

Sturmtief Xavier Berlin
Sturm Xavier Berlin Bericht


Sturm Xavier Berlin Bericht

Hunderte von Menschen drängelten sich im Bahnhof Potsdamer Platz und warteten auf völlig überfüllte Züge. Irgendwo schrie jemand im Hintergrund... Für uns war klar:nur weg hier...

Der Hamburger in einem der dortigen Restaurants schmeckte zwar, aber eigentlich wollten wir so schnell wie möglich nach Hause. Ein paar Schritte bis in den Bahnhofsbereich  - die große Menge der dort Wartenden  verhieß jedoch nichts Gutes. Sämtlicher Zugverkehr war eingestellt worden: Fernverkehr, Regionalbahn, S-Bahn. Blieb nur noch die U - Bahn. Doch im nahen Bahnhof Potsdamer Platz drängelten sich die Menschen. Die Züge kamen bereits überfüllt an, nur wenige stiegen aus - und hunderte drängten in Wagen, die nichts mehr aufnehmen konnten. Geschrei, Aggressivität - nur weg hier. Wir beschlossen, den Weg zu Fuß fortzusetzen, um uns so bis zum Halleschen Tor durchzuschlagen.

 

Wir begegneten auf der Straße ungewöhnlich vielen Menschen, die sich mühsam ihren Weg zwischen umgestürzten Bauzäunen und schweren Ästen zu bahnen suchten. Immerhin, wir erreichten wohlbehalten den U - Bahnhof Hallesches Tor. Die U6 in Richtung Alt-Mariendorf war hier zum Glück nicht überfüllt und kamen im 90 Sekunden - Takt. Pech hatte wer nach Tegel wollte. Knapp 20 Minuten Wartezeit, was uns aber nicht betraf. Im Zug war eine Gruppe Kinder mit ihren beiden Erziehern. Eine Dame hielt Kuchen in einem Plastik - Tragebehälter in den Händen. Mein scherzhafter Ausspruch, dass unser Überleben damit gesichert sei, zauberte ihr ein Lächeln aufs Gesicht. "Wie wäre es denn mit einem Stück Kuchen? Könn´se ruhig nehmen..." Aber gerne doch... Und auch die Kinder nutzten die Gelegenheit nochmals zuzulangen. Umstehende schmunzelten...



Doch unser Abenteuer war am U - Bahnhof Alt - Mariendorf noch nicht zu Ende. Hier erfuhren wir, das der gesamte Busverkehr eingestellt sei. Was also blieb? Nun, wir beschlossen, bis ins KFC - Restaurant an der Trabrennbahn vorzugehen. Hierher luden wir den ältesten Sohn zum Essen ein, der uns dafür gern mit dem Auto abholte. Das Resultat unseres kleinen Abenteuers: Für eine Wegstrecke, die sonst innerhalb einer knappen Stunde zu schaffen ist benötigten wir vier. Alles im Grunde kein Problem. Anderen erging es da viel schlimmer. So wurde in Berlin eine Frau von einem Baum in ihrem Auto erschlagen. Im übrigen Bundesgebiet gab es weitere sechs Tote.

 

Meine besondere Anteilnahme gilt dem Tod der Journalistin (Artikel u. a. für die "Zeit" und "Tagesspiegel", Herausgeberin der Zeitschrift "Internationale Politik") und renommierten Politik - Expertin Sylke Tempel. Sie wurde während des Sturms in Tegel nach einer Veranstaltung in der Villa Borsig von einem Baum erschlagen. Zu ihrem Tod kondolierten u. a. der auf der Veranstaltung anwesende Sigmar Gabriel (SPD) und Regierungssprecher Steffen Seibert.

Sturm Xavier Berlin Bericht

Der Weg zum Halleschen Tor: Umgewehte Bauzäune in der Stresemannstraße...



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