Wiener Lichtspiele
Wiener Straße 34
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1 | Ein seltener Fund
Text: Lutz Röhrig Bild: Lutz Röhrig und Herbert Scholz
Bei der Recherche nach Ansichten von Berliner Kinos auf Aufnahmen der kleineren Kreuzberger Lichtspieltheater zu stoßen, gehört zu den größeren Ausnahmen. Doch mitunter hat man das Glück an seiner Seite. So auch im Fall der „Wiener Lichtspiele“, die sich in der gleichnamigen Kreuzberger Straße gegenüber dem Görlitzer Bahnhof (heute Görlitzer Park) befanden.
Eröffnet wurden die „Wiener Lichtspiele“ in der Wiener Straße 34 (Gebäudeeigentümer war ein H. Kunze) kurz vor dem Ersten Weltkrieg im Jahre 1912 durch den Kinobetreiber E. Haselbach. Haselbach hatte die Gastwirtschaft der Wirtin Berta Moschütz übernommen und hier einen zunächst 216 Sitzplätze fassenden Kinosaal eingerichtet, der auch eine Musikspielanlage zur Untermalung der damals üblichen Stummfilme besaß.
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2 | Der "Urgroßvater" aller Aufklärungsfilme
Haselbach wird auch noch 1919 im Berliner Adressbuch als Inhaber des Kinos geführt – und steht damit in Verbindung mit einem besonderen, damals stark diskutierten Filmereignis. Denn die alte Postkarte der „Wiener Lichtspiele“ aus dem Jahr 1919 zeigt, das in jenem Jahr der 3. Teil des Films „Es werde Licht“ offeriert wird. In den Jahren von 1916 bis 1918 drehte der Regisseur Richard Oswald einen vierteiligen Filmzyklus, der das Thema Geschlechtskrankheiten zum Inhalt hat. Ein angesichts des Ersten Weltkriegs und der schweren Zeit danach sowie den unzureichenden Behandlungsmöglichkeiten (noch gab es keine Antibiotika) ein ernstzunehmendes Thema mit einer hohen Zahl an Betroffenen.
Der vierteilige Film „Es werde Licht!“ gilt als der erste Film dieser Art überhaupt. Richard Oswald schuf damit ein völlig neues Genre: das des Aufklärungs- und Sittenfilms. Die Kritik über den Film war geteilt. Während das breite Publikum und viele Institutionen des Gesundheitswesens sich positiv äußerten, wandten sich das Militär und konservative Kreise gegen den Film.
Oswald, studierter Dramaturg und seit 1913 mit der Schauspielerin Käthe Waldeck verheiratet, wurde der Aufklärungswille zugunsten einer Kommerzialisierung des Themas abgesprochen, was auch den nachfolgenden Filmen, die sich mit ungewollten Schwangerschaften und Homosexualität befassten, nachgesagt wurde. Die Abneigung konservativer Kreise gegen Oswald war aber nicht nur den für die Zeit noch neuartigen Aufklärungsfilmen geschuldet, sondern auch dem Umstand, dass Oswald jüdischen Glaubens war.
Nach 1919, dem Jahr der Wideraufnahme der Filmzensur, war Oswald vor allem mit herkömmlichen Spielfilmen erfolgreich. Noch 1919 begründet er den "Richard Oswald Filmverleih" und erwirbt die „Prinzeß-Theater Lichtspiele“ in der Kantstraße 163, die er in „Richard-Oswald-Lichtspiele“ umbenennt. 1931 dreht er mich großem Erfolg als Produzent und Regisseur den Spielfilm "Der Hauptmann von Köpenick" mit Käthe Haag und Max Adalbert in den Hauptrollen. 1933 muss Oswald jedoch Deutschland verlassen und dreht zunächst in den Niederlanden mit Johannes Heesters einen Film, ehe er schließlich Europa verlässt und nach Amerika emigriert. 1963 stirbt Oswald nach einem Besuch seiner Verwandten in Deutschland bei einem Aufenthalt in Düsseldorf.
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3 | Das Kino bis zur Schließung
Mit der Übernahme des Kinos 1933 durch Hugo Sampich wird das Lichtspieltheater für den Tonfilm umgerüstet. Sampich betrieb, ab 1937 gemeinsam mit Frau Helene Deider, auch die "Oppelner Lichtspiele" nahe dem Schlesischen Tor.
Gebäude und Kino überlebten den Zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt. 1957 beschloss Hugo Sampich, das Kino auf das populäre Breitwand–System "CinemaScope 1 KL" umzurüsten. Ein „Muss“ in jener Zeit.
Als Projektor tat nun ein Gerät der Fa. Hahn-Goerz mit einem Bildwandverhältnis 1:1,85 seinen Dienst. 1959 wurde der Projektor durch einen Bauer-Apparat mit einem Bildwandverhältnis von 1:2,35 ersetzt und das Platzangebot auf 240 Sitze erhöht. Um Platz für diese Maßnahmen zu gewinnen wurde das Schaufenster zur Straße zugemauert und mit einem Schaukasten versehen. Doch die Tage des Kinos sind gezählt.
Durch die sich abzeichnende Teilung der Stadt lag das nur 600 m von der Grenze zu Ost- Berlin entfernte Kino nun in einer Randlage. Die Zuschauer blieben aus. 1960, noch vor dem Mauerbau, schloss das Kino für immer seine Türen.
Nach dem Ende des Kinobetriebs wurde der Saal zu einem "Makrobiotischen Restaurant". Diesem folgte eine Kneipe mit dem Namen „Mando“. Im Anschluss zog die Hard Rock Underground Disco „Bronx“ in den ehem. Saal. Seit 2012 ist hier der Club „Cortina Bob“ von Dorothee Lübbe ansässig.
| Fassade des Gebäudes des ehem. Kinos im Jahre 2022.








