Die St.-Matthäus-Kirche


Stülers Kirche im Kulturforum

Sankt-Matthäus-Kirche

Stülers Kirche im Kulturforum

Die St. Matthäuskirche im Kulturforum

Inhalt und Kapitelübersicht

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Jubilaeum1

 1 | Ein Jubiläum


Bild und Text: Lutz Röhrig 

Recht einsam steht sie da - inmitten von stilistisch so völlig anders gearteten Architekturikonen des Berliner Kulturforums, zu denen sie so gar keinen Bezug hat, wirkt die im Oktober 1845 fertiggestellte und im Mai 1846 eingeweihte St.-Matthäus-Kirche wie ein letztes Überbleibsel einer längst untergegangenen Epoche. Am 17. Mai 2021 konnte die St.-Matthäus-Kirche ihren 175. Geburtstag begehen. 2018 wurde sie von mir mit meiner Kamera besucht.


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Die St.-Matthäus-Kirche stammt aus einer Zeit, als das südliche Tiergartenviertel in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine großbürgerliche Wohnbebauung erhalten hatte, die überwiegend von höheren Beamten, Wissenschaftlern, Unternehmern und Künstlern bewohnt wurde. Da die an der Mohrenstraße gelegene Dreifaltigkeitskirche, in deren Gemeindegebiet das Tiergartenviertel lag, zu weit entfernt war, gab es bald Bestrebungen zum Bau einer Kirche in der „Unteren Friedrichsvorstadt“, wie der Stadtteil offiziell genannt wurde. 

 

Karte der Umgebung der St. Matthäuskirche von 1855.

| Ein Ausschnitt aus dem "Plan von Berlin mit dem Weichbilde und der Umgebung bis Charlottenburg, 1855". In Bildmitte befindet sich die St.-Matthäus-Kirche an der zugleich mit ihr genehmigten St.-Matthäus-Kirchstraße. Nur der südliche Teil dieser Straße ist neun Jahre nach Fertigstellung der Kirche bebaut. Das gesamte Gebiet südlich des Tiergartens wird gesäumt von Villen und einzelnen Restaurantbetrieben. Die städtische Bebauung wird durch die Potsdamer Straße begrenzt. 

 


Gaben2

 2 | Grundstücksspekulation und mildtätige Gaben


Blick ins Innere der St. Matthäuskirche, 1851

| Ein Blick ins Innere der Matthäuskirche. Zeichnung von Magnus von Schack, 1851.

 

Porträt Ernst August Stüler

| Der "Architekt des Königs", Ernst August Stüler, etwa zur Zeit der Erbauung der Matthäuskirche.

 

Um den Bau zu forcieren, kam es 1843 zur Gründung eines Kirchenbauvereins. Dieser unter dem Vorsitz des Geheimen Rats Emil von Koenen stehende Trägerverein erhielt noch im Dezember desselben Jahres durch den Mediziner Friedrich Wilhelm August Vetter das für den Kirchenbau erforderliche Grundstück geschenkt – eine keineswegs allein mildtätige Gabe. Vetter hatte Teile des noch nicht bebauten Areals zwischen der damaligen Grabenstraße (heute Reichpietschufer) und der Tiergartenstraße an der westlichen Seite des bestehenden, sich im Wesentlichen lediglich bis zur Potsdamer Straße erstreckenden Tiergartenviertels erworben. Seine neuen Besitzungen sollten nun zentral durch eine Straße erschlossen werden – der besseren Bebaubarkeit wegen.

 

Am 27. Januar 1844 erhielt von Koenen die Genehmigung zum Bau einer Kirche durch Friedrich Wilhelm IV. - zugleich mit der Baugenehmigung der heutigen St.-Matthäus-Straße. Vetter allerdings konnte trotz der nun vorliegenden Genehmigung zum Straßenbau seine Grundstücksspekulationen nicht erfolgreich umsetzen. Noch einige Jahre nach Fertigstellung der neuen Kirche war diese lediglich von Gartenanlagen und einigen bekannte Ausflugslokale umgeben. Verarmt wanderte er nach Nordamerika aus.

 


Leidenschaft3

 3 | Des Königs Architekt und Leidenschaft


Die Entwürfe zum Bau der St.-Matthäus-Kirche kamen von Friedrich August Stüler, welcher seit 1842 den Titel „Architekt des Königs“ trug und in dieser Funktion in der Nachfolge Schinkels Bauberater König Friedrich Wilhelm IV. war. Als solcher hatte er der Vorliebe des Königs für die oberitalienische Romanik bei der Stilfassung der Kirche zu berücksichtigen. König Friedrich Wilhelm IV., welcher über sich selbst sagte, dass, wäre er nicht König geworden, er den Beruf des Architekten erlernt hätte, lag das gesamte Gebiet sehr am Herzen.

 

Bereits als Kronprinz arbeitete er zusammen mit Peter Joseph Lenné Pläne zur Umgestaltung des Tiergartens sowie der angrenzenden Stadtteile aus. Auch die Planung zum Ausbau des Landwehrgrabens zu einem schiffbaren Kanal, der zeitgleich mit dem Bau der St.-Matthäus-Kirche erfolgte, geht auf ihn und Lenné zurück. Dabei griff der König immer wieder ganz direkt in die Planungen ein. In den Original - Zeichnungen finden sich viele Anmerkungen und Bleistifteinträge des Königs- und auch Straßenzüge wie etwa der sog. „Generalszug“ (Hasenheide-, Gneisenau-, Yorck-, Bülow-, Kleist- und Tauentzinstraße) wurden von Ihm erfolgreich initiiert.  

 

Zugleich mit den städtischen Erweiterungen wurde auch der Bau von neuen Kirchen notwendig - ein Vorhaben, das Friedrich Wilhelm IV., für den die Vermittlung des friedenstiftenden Glaubens zugleich auch ein Akt der Politik in jener revolutionären Zeit war, nur zu gern unterstützte. Unter seiner Herrschaft entstanden daher im Berliner Raum insgesamt 8 neue Kirchen, zu denen etwa die St.-Jacobi-Kirche an der Oranienstraße oder die St. - Markuskirche am Straußberger Platz nach Entwürfen von Stüler gehörten.

 

St. Jacobikirche in der Kreuzberger Oranienstraße.

| Die gleichfalls von Ernst August Stüler 1844/45 errichtete St.-Jakobi-Kirche an der Oranienstraße im heutigen Kreuzberg. Sie überstand den Krieg schwer beschädigt, ihr Inneres wurde jedoch im Inneren in einer modernen Fassung wiederhergestellt.

 


Bleistift4

 4 | Stüler und sein "Bleistift"


Ziegel der ST. Matthäuskirche mit Ziegelstempel.

| Alte Ziegelstempel im Mauerwerk der St.-Matthäus-Kirche. "Sittig R." steht für die Fa. Sittig in Rathenow. Rathenower Ziegel galten als besonders hochwertig. 

 

Die vom König bevorzugte frühchristliche Basilika-Bauform jedoch, die Stüler z. B. bei der Potsdamer Friedenskirche (in Fortsetzung des verstorbenen Ludwig Persius) oder der St.-Jacobi-Kirche (1844-45) in der Kreuzberger Oranienstraße zu berücksichtigen hatte, kam indes bei der St.-Matthäus-Kirche nicht zur Ausführung. Dies lag zum einen an der anders zu behandelnden Situation des Bauplatzes, der nach Art der englischen „Chapel Closes“ von Stüler gestaltet wurde, aber auch an dem Kirchenbauverein als Auftraggeber, welcher Stüler mehr architektonische Freiheiten ließ.

 

Während die generelle Planung Stüler oblag, erfolgte die Ausführung vor Ort durch seinen Mitarbeiter Hermann Heinrich Alexander Wentzel (30. Oktober 1820 Berlin – 14. Juni 1889 Berlin), dessen Zeichentalent ihm den Spitznamen „Stülers Bleistift“ eingebracht hatte. Wentzel war mit der jüngsten Tochter des Unternehmer Carl Justus Heckmann verheiratet, dessen weithin bekannte Fabrik für Kupfergeräte (die u. a. in der Zucker- und Alkoholverarbeitung zum Einsatz kamen) sich am anderen Ende des zu diesem Zeitpunkt im Bau befindlichen Landwehrkanals am heutigen Heckmannufer am Schlesischen Tor befand.

 


Gestaltung5

 5 | Die architektonische Gestaltung


Stüler entwarf die Kirche auf annähernd rechteckigem Grundriss und gab dabei dem Kirchenschiff zur Vermeidung eines hallenartigen Aussehens eine dreiteilige Gliederung, die sich bis in den Dachbereich fortsetzte. Als Vorbilder dienten ihm dabei nach eigener Aussage alte Danziger Kirchengebäude, bei denen gleichfalls ein rechteckiger Turm in das Mittelschiff integriert worden ist. In Anspielung auf die Dreiteilung des Kirchenschiffs waren die schmalen Rundbogenfenster der Matthäuskirche gleichfalls in Dreiergruppen zusammengefasst. Und auch die Rückfront der Kirche erhielt drei Apsiden, von denen allerdings nur die mittlere auf Stüler zurückgeht. Die senkrechten Fassadenkannten des Sakralbaus sind durch Lisenen akzentuiert, die Waagerechte wird durch rote Ziegelbänder im ansonsten gelben Ziegelsteinmauerwerk betont.

 

Die Bebauung des westlichen Tiergartenviertels schritt rasch voran. Zahlreiche Lokale und Kneipen siedelten sich hier an, welche den Spitznamen „Polkakneipen“ nach dem zu diesem Zeitpunkt beliebten Modetanz erhielten. Auch die St.-Matthäus-Kirche verdankte diesem Tanz ihren Spitznamen „Polkakirche“.

 

Blick auf die St. Matthäuskirche im Seitenprofil.

| Die St.-Matthäus-Kirche mit Blick auf das Kunstgewerbemuseum des Architekten Rolf Gutbrod.

 


Abbruch6

 6 | Der Abbruch des Geheimratsviertels


Rückseite der St. Matthäuskirche.

| Die Rückseite der St.-Matthäus-Kirche. Von Stüler war eigentlich nur die mittlere Apsis zur Ausführung geplant.

 

Erster Pfarrer der St.-Matthäus-Kirche war Carl Albert Ludwig Büchel (1803-1889), der mit seinen Büchern „Erinnerungen aus dem Leben eines Landgeistlichen“ und der Fortsetzung „Erinnerungen aus meinem Berliner Amtsleben“ berühmt wurde. Es wurde regelrecht „Mode“, sonntags in die vor den Toren der Stadt gelegene „Polkakirche“ zu gehen. Berichtet wird von Besuchen der Familie Savigny, von Manteuffel, Armin oder Bodelschwingh.

 

War der Bau der Kirche einst zum Ausgangspunkt einer Erweiterung des Tiergartenviertels geworden, so sollte sie während der NS – Diktatur erneut zum Mittelpunkt einer stadtplanerischen Maßnahme werden – nun allerdings einer von bislang nie gekannter Radikalität. Das gesamte Gebiet des ehem. Tiergartenviertels wurde von den NS – Machthabern im Rahmen ihrer Planungen zum Umbau Berlins zur „Welthauptstadt Germania“ und der geplanten „Nord-Süd-Achse“ fast vollständig abgerissen. Dies betraf auch das Pfarrhaus der St.-Matthäus-Kirche, das 1939 den Planungen zum Opfer fiel. Die Kirche selbst hingegen sollte abgetragen und nach Spandau versetzt werden. Auf Grund der Kriegsereignisse kam es jedoch nicht mehr zur Ausführung dieses Vorhabens.

 


Apsiden der St. Matthäuskirche.

| Blick auf die Rückseite der St.-Matthäus-Kirche. Durch die drei in ihrer Höhe unterschiedlichen Apsiden ergibt sich eine belebte Fassadenfront.

 

| Hermann Ernecke: Generalsuperintendent Carl Büchsel (um 1850) 

Generalsuperintendent Carl Büchsel.

Kirche7

 7 | Die Wiederherstellung der Kirche


Der Krieg hatte, neben den Abrissen der Nazis, weitere Wunden in das einst mondäne Tiergartenviertel geschlagen. Auch die Kirche erlitt schwere Schäden durch russischen Artilleriebeschuss. Einsam befand sich ihre Ruine inmitten einer weiten beinahe vollständig freigeräumten Fläche, an deren östlichem Ende sich der von den Nazis noch erstellte Rohbau des „Haus des Fremdenverkehrs“ am sog. „Runden Platzes“ befand.

 

Bereits ab 1956 erfolgte der Wiederaufbau der St.-Matthäus-Kirche durch den Architekten Jürgen Emmerich, der sich bis 1960 erstrecken sollte. Dabei wurde das Innere völlig neu gestaltet. Das Dach erhielt eine neue Holzdecke, die von schlichten Rahmenbindern aus Beton gestützt wird. An drei Seiten erfolgte die Errichtung neuer Emporen, die Apsis blieb fensterlos.

 

Im Zusammenhang mit dem 1958 ausgeführten Wettbewerb „Hauptstadt Berlin“ kam es zu dem Beschluss, ein neues kulturelles Zentrum in West-Berlin zu errichten, das zusammen mit dem historischen Zentrum in Ost-Berlin Teil eines künftigen, in Ost-West-Richtung verlaufenden „Kulturbandes“ sein sollte. 1962 wurde auch die Ruine des „Haus des Fremdenverkehrs" abgebrochen, auf dessen Gelände nun die Staatsbibliothek entstand. Direkt neben der St.-Matthäus-Kirche wurde zudem 1968 die Neue Nationalgalerie eröffnet. Meine historischen Dias vom Bau der Neuen Nationalgalerie zeigen auch die Matthäuskirche.

 

Der modern gestaltete Innenraum der ST. Matthäuskirche.

| Blick in den Innenraum der St.-Matthäus-Kirche. Seitliche Emporen gibt es auch weiterhin. Durch das Fehlen der Rundbögen zwischen den bis zur Decke reichenden Pfeilern jedoch wird das Kirchenschiff in seiner Längsachse nicht mehr optisch derart strikt in drei Teile geteilt, wie noch vor der Zerstörung.

 


Kulturforum8

 8 | Die Kirche als Teil des Kulturforums


Der Altar.

| Der Altar in der Mittelapsis. 

 

Die sich nun inmitten des Kulturforums befindende St.-Matthäus-Kirche wird im Laufe der Zeit durch eigene kulturelle Veranstaltungen zu dessen festem Bestandteil. Seit 1999 besteht die „Stiftung St.-Matthäus“, eine Kulturstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Aufgabe der Stiftung ist es, Gottesdienste und Kulturveranstaltungen organisatorisch unter dem Gesichtspunkt zu tragen, den Dialog der Kirche mit den Künsten zu führen und zu fördern. 

 

Weiterhin finden in der St.-Matthäus-Kirche aber auch Gottesdienste statt. Sie bleibt hierdurch ein besonderer Ort der inneren Einkehr und Besinnlichkeit inmitten des .regen Kulturbetriebs.


Aufgang zum Glockenturm.

| Aufgang zum Glockenturm.

 

Blick auf den Glockenstuhl.

| Blick in den Glockenstuhl.


Blick vom Turm auf das Kulturforum.

| Blick vom Umgang des Turmgeschosses auf das Kulturforum.

 

Umgang des Turmgeschosses.

| Der Umgang des Turmgeschosses.

 


Panoramablick ins Kulturforum vom Turm der St. Matthäuskirche.

| Blick auf die Säulen und Bögen des Turmgeschosses. Die Schönheit des Stülerschen Entwurfs ist auch nach den Wiederherstellungsarbeiten nach dem Ende des Kriegs erkennbar geblieben.