Baudenkmal Lortzingclub? Teil 1. Die Geschichte des Landhauses

Baudenkmal Lortzingclub?

Ein Clubhaus mit Geschichte. Teil 1

Lortzingclub, Berlin - Lichtenrade. Eingangstür.

Baudenkmal Lortzingclub?


Teil 1. Ereignisgeschichte

Erster Teil

Kapitel 1 - 6




Plädoyer für eine denkmalrechtliche Unterschutzstellung

Seit über 70 Jahren wurde nur das Notwendigste an Reparaturen in das an der Lichtenrader Lortzingstraße liegende ehem. Landhaus, welches seit Kriegsende als Kinder - Jugendfreizeitclub dient, investiert. So findet man noch original erhaltene Wandschränke, Boden- und Wandfliesen, Kastenfenster, von innen durch Kurbeln zu schließende Fensterläden, eine Bunkeranlage und vieles andere, das den Status wiedergibt, den das von einem NS - Funktionär der Organisation Todt um 1939 für sich errichtete Wohnhaus einst hatte.

 

Hinzu kommt die außergewöhnliche Geschichte des Gebäudes, die insbesondere auf die frühe Jugendarbeit nach Kriegsende und hier zunächst auf die der Russen und schließlich der Amerikaner verweist. Mein Artikel ist angesichts des Erhaltungszustandes des heutigen Clubhauses ein Plädoyer für die baudenkmalrechtliche Unterschutzstellung und Bewahrung jenes Gebäudes, das Teil unseres gebauten Erbes als Sach- wie auch als Geschichtszeugnis ist. 


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Inhalt und Kapitelübersicht

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Vortrag1

 1 | Vorgeschichte. Ein Vortrag im Lortzingclub


Text Lutz Röhrig. Bild: Lutz Röhrig und Lortzingclub

Es sollte meine erste Begegnung mit dem Lortzingclub werden. Auf Grund der Artikel über den Architekten Bruno Taut erreichte mich unverhofft die Bitte, ob ich nicht in den Lichtenrader Lortzingclub kommen wolle. Anlässlich des nächsten „Salon Hermione“, wolle man den Lichtenradern gern das Umland näher bringen. Und da Bruno Taut sein privates Wohnhaus in der benachbarten Gemeinde Blankenfelde - Mahlow errichtet hatte, möge ich doch einen Vortrag über ihn halten...

 

Auf diese Weise lernte ich auch das Gebäude des Lortzingclubs näher kennen – und Herrn Gerhard Moses Heß, welcher die Veranstaltungsreihe des „Salon Hermione“ einst ins Leben gerufen hatte. Nach dem Schluss der Veranstaltung hatte er mir gegenüber viel zur Geschichte des heutigen Kinder- und Jugendclubhauses zu berichten. So auch, dass sich dieses seit 70 Jahren noch immer weitgehend im Originalzustand präsentiert, wie es einst der Bauherr, ein leitender Ingenieur der NS - Organisation Todt, für sich und seine Familie errichtet hatte. Denn Geld für eine umfassende Renovierung des längst von baulichen Schäden gezeichneten Gebäudes hat es in all den Jahrzehnten nie gegeben...

 

Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Herr Gerhard Moses Heß.

| Herr Heß (links) während einer Veranstaltung des „Salon Hermione“ - hier mit dem Lichtenrader Verlegerehepaar der „Edition A · B · Fischer“ 

 



Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Planauszug.
Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Planbeispiele

| Auszüge aus den Bauakten. Siehe hierzu insbesondere Teil 2. zur Geschichte des Lortzingclubs

 

Mein Interesse war geweckt. Klar, dass dem ein umfassender Besichtigungs- und Fototermin angesichts der Geschichte des Lortzingsclubs folgen musste. Doch Termine sind oft schwierig zu koordinieren, aber am Ostermontag fanden meine Partnerin Franziska, Herr Heß und ich hierzu schließlich Gelegenheit.

 

Das Haus verkörpert, wie bereits eigene Recherchen des Lortzingclubs im Jahr zuvor ergeben hatten, ein wichtiges Stück Zeitgeschichte. Gebaut für einen NS – Funktionär der Organisation Todt, wurde es nach Kriegsende erst von den Sowjets und dann von den Amerikanern als Jugendclub genutzt. Das Haus ist somit ein wichtiges bauliches Zeugnis für die Anfänge der Jugendarbeit in Berlin nach dem Ende des Krieges.

 

Leider finden sich in den bislang veröffentlichten Texten keine Angaben, die auf den Architekten verweisen oder die damalige Zweckbestimmung der Räumlichkeiten näher erörtern. So war erst ein Gang ins Aktenarchiv des Bezirks Tempelhof - Schöneberg notwendig, um über die Bauakten Auskunft zu diesen Fragestellungen zu erhalten. Mein Dank gilt an dieser Stelle der Leiterin des Lortzingclubs, Frau Carola Thiede, die mir die Einsichtnahme in die Bauakten ermöglichte und das Projekt im Hintergrund wohlwollend begleitete.

 

Anhand der Ergebnisse und der Zustandsbeschreibung des Clubhauses wird deutlich, welchen historischen wie auch architektonischen Wert das Gebäude - gerade und auf Grund unterlassener Renovierungsmaßnahmen - besitzt.

 


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 2 | Grundstückskauf durch Hertha Bartel


Die Geschichte des Hauses Lortzingstraße Nr. 16 beginnt im Grunde im Jahr 1935, als der Bauunternehmer und Diplomingenieur Paul Bartel von der Dornröschenstraße 25 in Köpenick zur Beethovenstraße 1 nach Lichtenrade zieht. Das Gebäude in der Beethovenstraße, das Bartel vom Maschinenbauingenieur B. Gericke für sich und seine Frau angemietet hat, befindet sich schräg gegenüber dem Grundstück des späteren Lortzingclubs. Was genau Bartel veranlasst hat, seinen Wohnsitz von Köpenick nach Lichtenrade zu verlegen, ist unklar. Nur so viel ist bekannt, dass Bartels Ehefrau Hertha (geborene Lang), 1937 insgesamt zwei unbebaute Parzellen von dem in der Lortzingstraße wohnenden Architekten und Maler Johann Friedrich August Blunck erwarb, um hier ein größeres „Landhaus“, wie sie es selbst nannte, für sich und ihre Familie errichten zu lassen – das spätere Gebäude des Lortzingsclubs. Blunck, geb. am 24. April 1858 in Altona und verstorben 1946 in Berlin, war ein Meisterschüler Anton von Werners und Leiter der Berliner Kunstgewerbeschule in Kreuzberg.

 

Beurkundet wurde der Kauf der beiden insgesamt 2516 m² großen Flurgrundstücke an der damaligen Adresse Lortzingstraße 16 - 18 (damalige Nummerierung) am 18. Juni 1937 durch den Berliner Notar Josef Sprotte aus der Bülowstraße 92.

 

Beurkundungsort war das Bezirksamt Tempelhof, das sich damals in der Dorfstraße (heute Alt – Tempelhof) Nr. 3 befand. Die Genehmigung des Kaufes wird durch den Tempelhofer Stadtbauinspektor Gletzelt sowie den stellvertretenden Bezirksbürgermeister Dr. Roland Faulhaber erteilt. Von Faulhaber ist bekannt, dass er der NSDAP angehörte und zunächst als kommissarischer, ab 1935 als ordentlicher stellvertretender Bürgermeister Tempelhofs tätig war. 1945 soll Faulhaber angeblich bei Kämpfen zur Verteidigung des Flughafens Tempelhof ums Leben gekommen sein.

 

Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Genehmigung zum Kauf von 2 Parzellen.

| Genehmigung des Verkaufs von 2 Parzellen vom Grundstück des Malers August Blunck an Herta Bartel 1937.

 

Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Lageplan und Flächenberechnung.

| Lageplan des Grundstücks Lortzingstraße zur Flächenbrechnung vom 11. Juni 1938. Die nach links im rechten Winkel abzweigenden Grundstücksteile, die heute zum Lortzingclub gehören, sind offenbar noch nicht Teil des Grundstücks. Ebenso wurden die Gartenterrasse und das Schwimmbad erst nachträglich in die Unterlagen eingetragen.

 



| Die Dorfstraße (heute Alt - Tempelhof) war das damalige Verwaltungszentrum Tempelhofs. 

 

Bezirksbürgermeister in Tempelhof war Anfang 1937 im Übrigen noch Dr. Reinhard Bruns – Wüstefeld (1883 - 1967), welcher am 22. November 1937 durch Carl Pollesch abgelöst wurde. Pollesch gehörte - anders als Bruns - Wüstefeld, dem die fehlende Parteimitgliedschaft vorgehalten wurde - der NSDAP an. Pollesch soll 1945 entweder in einem russischen Kriegsgefangenenlager oder nach anderen Quellen durch Suizid ums Leben gekommen sein.

 

Das Grundstück der Bartels an der Lortzingstraße war vor dem Kauf durch das Vermessungsbüro Erich Döring und Alfred Arndt vermessen worden, wobei auch die zulässige Gebäudegröße errechnet wurde. Erlaubt waren für die Grundstücksgröße ein Gebäude von 470 qm Grundfläche, tatsächlich ausgeführt wurde nach den Plänen des in der Schweidnitzer Straße 6 in Halensee ansässigen Architekten Heinrich Sander ein Gebäude von 206,8 qm Grundfläche - das heutige Clubhaus.

 


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 3 | Das Genehmigungsverfahren


Nach dem der Vermessungsplan zur Flächenberechnung vorlag, wurden im Januar 1938 die von Heinrich Sander erstellten Architekturpläne und sonstige Bauunterlagen von dem Ehepaar Bartel mit der Bitte um Erteilung der "Bauerlaubnis für ein Einfamilienhaus mit zwei Büroräumen" bei der Tempelhofer Baupolizei (damals Dorfstraße 3, heute Alt - Tempelhof) eingereicht.

 

Den Bauakten liegt ein Schreiben des Anrainers Dr. med. Keller, damaliger Leiter des ehem. Kinderkrankenhauses Lichtenrade (heute u. a. Bürgeramt und Bibliothek), und dessen Ehefrau Liselotte Keller, bei. Hierin erklären sich beide als Besitzer des benachbarten Grundstücks mit dem an die Grundstücksgrenze stoßenden Garagenanbau des Wohnhauses einverstanden. Denn auch damals mussten die Nachbareigentümer bei derart hart an die Grundstücksgrenze reichenden Bauprojekten ihr Einverständnis geben...

 

Bereits zu diesem Zeitpunkt unterlag Stahl in Deutschland einer strikten Rationierung im Rahmen des damaligen „Vierjahresplans“ („Vierte Anordnung zur Durchführung des Vierjahresplanes über die Sicherstellung der Arbeitskräfte und des Baustoffbedarfs für staats- und wirtschaftspolitisch bedeutsame Bauvorhaben vom 7. November 1936“), welcher, beginnend ab 1936, innerhalb von vier Jahren die Kriegsfähigkeit Deutschlands durch Autarkie und Aufrüstung herstellen sollte.

 

Aus diesem Grund war zur Erteilung der Baugenehmigung auch eine "Unbedenklichkeitserklärung“ der beim Arbeitsamt angesiedelten „Meldestelle für alle Bauvorhaben“ in der Bernburger Straße 24/25 erforderlich.

 

Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Einverständnis zum Garagenbau.

| Einverständniserklärung des Ehepaars Keller zum Bau einer Garage auf dem Grundstück der Bartels.

Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Genehmigung für den Stahlbedarf.

| Gegen das Bauprojekt der Familie Bartels wurden seitens des Arbeitsamtes keine Einwände erhoben, da nach den Berechnungen aller am Bau Beteiligter nicht mehr als 2,5 Tonnen Stahl benötigt wurden.

 



Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Zuschlag zum Stahlbedarf Organisation Todt.

| Da jedoch Paul Bartel als Ingenieur in der auch für den Autobahnbau zuständigen NS - Organisation Todt tätig war, erhielt er aus deren Kontingent die Kontrollnummer für eine weitere Tonne Stahl zugesprochen, so dass die Bartels nun insgesamt 3,5 Tonnen Stahl verbauen durften.

 

Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Statische Berechnung.

| Statische Berechnung des "Landhauses" der Familie Bartel in der Lortzingstraße. Die Bunkerdecke war für eine Belastung von 1660 kg je qm ausgelegt, um selbst der Trümmerbelastung der über den Bunker liegenden zwei Wohngeschosse standhalten zu können.

 

In der am 29. Januar 1937 erteilten Erklärung wurde festgelegt, dass für das Bauvorhaben lediglich 2,5 Tonnen Stahl verbaut werden dürfen. Doch da Paul Bartel zu diesem Zeitpunkt als Ingenieur für den Autobahnbau beim „Generalinspektor für das Deutsche Straßenwesen“ (Fritz Todt) tätig ist, erklärt das Büro des Generalinspektors gegenüber der „Meldestelle für alle Bauvorhaben“, dass es bereits ist, Bezugsscheine für eine weitere Tonne Stahl an Bartel abzutreten. Somit stehen für das Projekt nun insgesamt 3,5 Tonnen Stahl zur Verfügung.

 

Der reglementierte und daher anzugebende Materialverbrauch beschränkte sich nicht nur auf den konstruktiv notwendigen Stahlbedarf. Auch der durch die Heizungsanlage benötigte Stahl musste von der ausführenden Firma ermittelt und belegt werden.

 

In den Unterlagen liegen neben den Bauzeichnungen daher auch eine Massenberechnung (zu Ermittlung des Materialbedarfs) des Köpenicker Heizungsbauunternehmen Schulz & Sternberg bei. Das heute noch in Köpenick bestehende Unternehmen wird von Sternbergs Enkel geleitet, der jedoch keinerlei Unterlagen mehr aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg besitzt.

 

Natürlich wurde auch die Statik des Hauses genau berechnet, insbesondere auch die der Tragfähigkeit der Bunkerdecke. Diese wurde derart festgelegt, das sie im Kriegsfall die Trümmerlast des darüberliegenden, unter Umständen zerstörten Gebäudes tragen konnte. Schließlich gehörte Paul Bartel durch seine Zugehörigkeit zur Organisation Todt zu jenen, die wussten, was vom Regime

geplant war. Dementsprechend wollte er vorbereitet sein.

 

Da alle Auflagen erfüllt wurden, wurde schließlich am 20. Juni 1938 die Baugenehmigung für das Wohnhaus der Bartels durch die Baupolizei Tempelhof erteilt. Der Bau des "Landhauses", dessen vorbereitende Arbeiten schon begonnen haben dürften, konnte nun offiziell beginnen.

 


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 4 | Der Bau des Landhauses


Am 27. Juli 1938 ließ der Architekt Heinrich Sander der Bauherrin Herta Bartel mitteilen, dass die Bauarbeiten bereits begonnen hätten. Für die Erd- und Maurerarbeiten hatte er die Fa. Ernst Schumann, Hilbertstraße 10, bestimmt, für die Zimmererarbeiten die Fa. Willi Ressler aus der Lichtenrader Prinzessinenstraße 1.

 

Weitere Gewerke waren das „Berliner Spezialbaugeschäft und Stolte Cementdielen GmbH“ aus der Lichtenberger Hauptstraße – ein Unternehmen, das während des Krieges Zwangsarbeiterlager unterhielt, sowie natürlich auch die am Autobahnbau beteiligte Firma der Familie Bartels, die "Karl Bartel, Hoch-, Tief-, Eisenbetonbau“, die gleichfalls nach Kriegsausbruch von Zwangsarbeiterlagern profitierte. Denn in ca. 30 "Reichsautobahn - Lagern" [RAB - Lagern] wurden überwiegend jüd. Häftlinge, aber auch Kriegsgefangene, für den Reichsautobahnbau der Strecke Frankfurt / Oder – Warschau unter unmenschlichen Bedingungen beschäftigt. Das Autobahnprojekt wurde 1942 auf Grund der Kriegsereignisse eingestellt.

 

Die zu diesem Zeitpunkt in der Bremer Straße 74 ansässige Firma "Karl Bartel" bestätigte gegenüber der Baupolizei am 24. November 1938, dass alle Massivdecken und Stürze (Tür- und Fensterstürze) in Eisenbeton für das Gebäude Lortzingstraße 16/18 ordnungsgemäß ausgeführt seien.

 

Spätestens zu diesem Zeitpunkt – also Ende 1938 – war das Haus zumindest im Rohbau weitgehend fertiggestellt worden, so das der Bauabnahmeschein am 8. Dezember 1938 ausgestellt werden konnte. Die endgültige Fertigstellung erfolgte vermutlich im Frühjahr 1939, da zu diesem Zeitpunkt die Genehmigung der Anschlüsse der Abwasserleitungen durch die Baupolizei ausgestellt worden ist. Auch ist Paul Bartel ab 1940 im Berliner Adressbuch nicht mehr als Mieter in der Beethovenstraße 1 verzeichnet, so das sein Auszug im Jahr zuvor erfolgt sein muss.

 

Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Baustart

| Meldung über den Baubeginn des Architekten Heinrich Sander an Frau Bartel sowie Nennung zweier am Bau beteiligter Firmen. 

 

Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Meldung über Bauausführung.

| Meldung der Firma "Karl Bartel Hoch-, Tief-, und Eisenbetonbau" über die ordnungsgemäße Ausführung aller Massivdecken und Stürze. Das Unternehmen gehörte der Familie Bartel, der Verwandtschaftsgrad - etwa zu Karl Bartel - ist jedoch unklar.

 


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 5 | Die Zeit nach 1945. Russen und Amerikaner 


Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Malerin Ruth Baumgarte in Lichtenrade.

| Die Malerin Ruth Baumgarte (damals noch verheiratete Busse). Foto: Lortzingclub.

 

Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Malerin Ruth Baumgarte um 1945.

| Ruth Baumgarte irgendwann um 1945. Foto: Lortzingclub

 

Das „Landhaus“ der Familie Barthel überstand den Krieg weitgehend unbeschädigt. Nach dem Ende der Kampfhandlungen beschlagnahmte es die Rote Armee, die hier im Vorgriff zur späteren FDJ der DDR einen Jugendclub für Berliner Kinder einrichtete.

 

Nur wenig ist über diesen lediglich drei Monate umfassenden Zeitraum bekannt. Immerhin findet sich der Hinweis, dass die später berühmte Malerin Ruth Baumgarte (1923 - 2013, hatte an der Berliner HdK studiert) im Club Mal- und Zeichenunterricht für Kinder abhielt – was sie gleichzeitig auch vom 1. Juli bis 8. Dezember 1945 im Ulrich - von - Hutten - Gymnasium tat. Die Zeiten waren hart und Ruth, die damals den Namen ihres Ehemannes Eduard Busse trug, mit dem sie von 1943 - 1952 verheiratet war, hatte sich auch um ihre gleichfalls in Lichtenrade lebende Mutter, der Schauspielerin Margret Kellner - Conrady, zu kümmern. Ruth hatte hier zwei Freundinnen: Bettina Dickmann, von der sie auch Zeichnungen angefertigt hat, sowie Mally Kant (später verheiratete Achilles), welche damals in der Steinstraße 53 lebte.  

 

Ruth Baumgartes Vater war übrigens der UFA-Chef und Mehrheitseigner der Tobis-Filmproduktionsgesellschaft, Kurt Rupli. 1946 verließ Ruth Busse Lichtenrade und ging nach Bielefeld, der Heimatstadt ihres Mannes. 1952 heiratete Sie dort den Industriellen Kurt Baumgarte. 

 

Die vormaligen Eigentümer, das Ehepaar Bartel indes, welches mittlerweile in der Dahlemer Schwendener Straße 28 wohnte, blieb, abgesehen vom Verlust des beschlagnahmten "Landhauses“, ansonsten unbehelligt. Am 1. Juli 1945 kam Lichtenrade unter amerikanische Verwaltung, die Sowjets zogen sich in die für sie reservierten Sektoren zurück. Die Amerikaner lösten den Jugendclub nun auf und richteten hier stattdessen einen Club für Ihre Offiziere ein. 

 

Doch mit der Zeit nahmen die Spannungen zwischen den Siegermächten an Schärfe zu, der Kalte Krieg begann. Die Amerikaner beobachteten nun sehr genau war, was sich in den von der Sowjetunion kontrollierten Bezirken tat und welchen Einfluss dies auch auf die Jugend der westlichen Bezirke haben könnte. Zudem waren viele Kinder durch den Krieg entwurzelt, litten Not und standen mental noch immer unter dem Eindruck des NS – Regimes und deren Jugendorganisationen. 

 


Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Ruth Baumgarte in Bielefeld.

| Ruth Baumgarte gegen Ende der 1960er Jahre in Bielefeld. Aufnahme: Wikipedia


Aus diesem Grund wurde von der amerikanischen Armee das „GYA – Programm“ (German Youth Activities) ins Leben gerufen. Der Offiziersclub an der Lortzingstraße wurde daraufhin verlegt und im Gebäude bereits am 1. April 1948 der neue Jugendclub eröffnet, dessen Ausstattung sich, wie üblich, weitgehend an den Offiziersclub orientierte. Vorbild hinsichtlich der Jugendarbeit war hingegen der bereits 1946 in der Zehlendorfer Stubenrauchstraße im Rahmen des GYA Programms von Earl Albers eingerichtete Jugendclub der US Armee. 

 

Die ersten amerikanischen Verbindungsoffiziere waren ein Oberst Meier und ein Oberst Müller, die sich vor die Aufgabe gestellt sahen, einen deutschen Leiter für den Jugendclub zu bestimmen. Die Offiziere traten daher mit dem Direktor der unweit entfernten Ulrich-von-Hutten-Schule, Herrn Dr. Feigel, in Verbindung, der aus seinem Lehrkörper Herrn Dr. Tüllmann vorschlug und halbtags für diese Tätigkeit freistellte. Die Kinderarbeit übernahm Frau Bettina Dickmann.

 

Der Club kamen offenbar auf Grund der offenen Art der Amerikaner und der herbeigeholten deutschen Lehrkräfte sowie der für die Nachkriegszeit überragenden Ausstattung gut an. Neu eingeführt als Sportart wurde im GYA – Club nach amerikanischen Vorbild auch Basketball. Entstanden ist daraus die Basketballabteilung des VFL Lichtenrade, aus der auch die Nationalspielerin Uschi Stein (Hausstein) hervorging.

 

Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Selbstbildnis Ruth Baumgarte.

| Selbstbildnis der Ruth Baumgarte von 1947. Foto: Lortzingclub

 


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 6 | Das Schwimmbad und der Alligator Swampy


Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Schwimmbecken Lortzingclub.

| Das Schwimmbad des ehem. Landhauses dient nun den Kindern. Auffällig sind die gegenüber heute völlig anderen Laternen entlang der Gartenterrasse im Hintergrund. Gut zu sehen die Belegung des Beckenrandes noch mit den originalen Natursteinplatten. Foto: Lortzingclub

 

Zur großen Beliebtheit des Jugendclubs an der Lortzingstraße dürfte noch etwas anderes, das im Süden Berlins damals im weiten Umkreis nicht zu finden war, beigetragen haben: Ein Schwimmbad! Wie viele Kinder hier schwimmen lernten ist nicht bekannt. Aber es müssen im Laufe der Jahre unzählige gewesen sein.

 

Eine besondere Attraktion war der junge Alligator, welcher von 1951 – 1952 im Schwimmbad „residierte“. Da der Alligator Teil des Wappens des 6th US Infantry Regiments ist, welches im ehemaligen Telefunken – Werk in Lichterfelde (McNair-Barracks) stationiert war, hatte man im Sommer 1951 kurzerhand einen solchen vom Mississippi nach Berlin verfrachtet. Doch die Bedingungen sind in einem Schwimmbad für Alligatoren alles andere als optimal. Nach einiger Zeit mussten die amerikanischen Soldaten besorgt feststellen, dass ihr Maskottchen, das den Namen „Swampy“ erhalten hatte, das Futter verweigerte und apathisch am Schwimmbadrand lag. Ein Alarmzeichen! 

 



Besorgt wandte man sich an Werner Schröder vom Berliner Zoo. Schröder, welcher den Zoo zusammen mit Katharina Heinroth als Kaufmännischer Direktor leitete und 1952 zum Direktor des wiederaufgebauten Aquariums berufen wurde, brachte das noch junge Tier in seiner beheizten Wohnung unter. Es war Februar und die Temperaturen dementsprechend kühl. Die Wärme tat diesem tropische Temperaturen gewöhnten Tier offenbar gut, so dass es sich bald erholte. Die Soldaten mussten einsehen, dass ein Schwimmbad kein guter Ort zur Unterbringung eines Alligatoren ist. Auch müsse man sich um das Wohlergehen der Kinder bei zunehmender Größe von Swampy langsam sorgen…

 

1952 hatte das Aquarium damit seinen ersten Alligatoren nach dem Krieg erhalten, auch wenn die bekannte Krokodilhalle erst 1956 eröffnet werden konnte. Ab und an wurde „Swampy“ noch zu Paraden von den Amerikanern abgeholt, dann verzichtete man angesichts seiner weiter zunehmenden Größe und Kraft hierauf. Der Alligator verstarb 1985 im Berliner Aquarium und wurde anschließend präpariert. Das Präparat des ca. 35 Jahre alten Tieres befindet sich heute im Magazin des Naturkundemuseums.

 

Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Swampy, Katharina Heinroth und Werner Schröder.

| Katharina Heinroth, Werner Schröder sowie ein amerikanischer Soldat mit Swampy.

 


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 7 | Übergabe des GYA - Clubs an das Berliner Jugendamt


Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Schreiben Bauaufsicht.

| Schreiben des Jugendamtes an das Amt für Bauaufsicht vom 16. März 1959.

 

1953 sahen die Amerikaner den Zeitpunkt gekommen, das GYA – Programm in Deutschland auslaufen zu lassen. Formal lief das Programm am 30. Juni 1953 aus. Doch bereits vier Tage zuvor, am 26. Juni 1953, wurde jedoch das Gebäude des späteren Lortzing – Clubs von Oberst Lynch als Beauftragten des Amerikanischen Stadtkommandanten durch den stellvertretenden Bürgermeister von Tempelhof, Stadtrat Burgemeister, übernommen.

 

Als Starthilfe wurde dem Bezirksamt durch US-GYA-Offizer Captain O'Quinn eine großzügige Spende von 5000 DM sowie wertvolles Material für die Jugendarbeit übergeben. Hierzu gehörten Sportgeräte, Werkzeug für die Holz- und Metallverarbeitung, Bandsägen, Bohrmaschinen, eine Nähmaschine und viele hundert Meter Stoff für die Herstellung von Anzügen und Kleidern.

 

Doch mit der Übernahme des Clubhauses durch das Berliner Jugendamt und damit einer deutschen Behörde trat ein Umstand ein, mit dem wohl niemand gerechnet hätte: Zwar war das ehem. Landhaus nach Kriegsende der Familie Bartel durch die Besatzungsmächte entzogen worden, doch nie formal enteignet. Paul Bartel richtete nun Mietsforderungen an das Jugendamt, die von diesem auch anstandslos beglichen wurden. Doch mit den Jahren wurden diese Forderungen immer höher auf zuletzt 7200 Mark Jahresmiete, so dass dies allmählich zu einem Problem wurde. In dieser Situation unterbreitet im März 1959 die Familie Bartel dem Jugendamt eine Kaufoption.  

 



Damit gab es eine weitere Schwierigkeit: Das Jugendamt musste seine Kaufabsichten dem Bauaufsichtsamt zur Kenntnis bringen, dass nun auf Grund gesetzlicher Bestimmungen seinerseits die umliegenden Grundstückseigentümer aufforderte, schriftliche Stellungsnahmen zur weiteren Nutzung des ehem. Landhauses als Jugendfreizeitstätte abzugeben. Und die Eigentümer, die im lautstarken Treiben der Kinder eine Wertminderung ihrer Grundstücke und Belästigung, ein "Krachzentrum höchsten Ausmaßes" sahen, nutzten ihre Chance, eine dauerhafte Festsetzung des ehem. Landhauses als Jugendfreizeitstätte möglichst zu verhindern. 

 

Den Wünschen der Anwohner stand jedoch die Argumentation des Jugendamtes gegenüber, dass, anders als in früheren Jahren unter den Amerikanern, nunmehr genügend Mitarbeiter für mehr Ordnung und Ruhe im Heim sorgen würden. Zudem gäbe es im weiten Umkreis keine andere Liegenschaft, die derart günstig für die Zwecke der Jugendbetreuung geeignet sei. Außerdem werde man weitere Maßnahmen treffen, den Lärm der Kinder zu reduzieren. Ende 1960 stimmten schließlich die beteiligten Behörden dem Kaufersuchen des Jugendamtes zu. 

 

Lortzingclub in Berlin - Lichtenrade. Kauf des Clubs

| Ende November war der Disput mit den Anwohnern beigelegt. Dem Kauf des Clubhauses durch das Land Berlin stand somit nichts mehr im Weg.

 


Erster Teil

Kapitel 1 - 6




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