Die Herstellung von Seide in Preußen


mit Fokus auf Berlin im 18. Jahrhundert

Die Herstellung von Seide

in Preußen mit Fokus auf Berlin im 18. Jh.

Alte Dorfschule Zehlendorf, heute Heimatmuseum Zehlendorf.

Inhalt und Kapitelübersicht

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Einleitung1

1Einleitung. Bedeutung der Seide für Preußen

Gastartikel von Fabian Strehlow, 2019. Bild: Lutz Röhrig 

Dies ist die Geschichte von einem kleinen Insekt, das den Preußischen Staat wirtschaftlich autark werden lassen sollte von der Einfuhr von teuren, seidenen Stoffen und Ordensbändern.


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Denn der Preußische Staat musste viel Geld für die Einfuhr dieser Stoffe aufwenden, da insbesondere höhere Militärs auf möglichst prachtvolle Auszeichnungen Wert legten und hierfür ebenso luxuriöse Seidenbänder brauchten, an denen die Ordensstücke befestigt worden waren. Zudem gehörten aufwendige seidene Garderoben zur erwarteten Ausstattung des Hochadels. Vom besonderen Reichtum des Besitzers hingegen zeugte es, wenn sein Adelssitz oder Schloss mit seidenen Damast Tapeten ausgestattet war.

 

Für die Beschaffung dieser Seidenstoffe wurden alljährlich hohe Beträge an ausländische Seidenproduzenten ausgegeben, die Friedrich der Große lieber im eigenen Lande behalten hätte. Eine gezielte staatliche Förderung der Seidenraupenzucht und der Verarbeitung der Rohseide in Preußen sollte ihm dabei helfen.

 

Friedrich II. Gemälde von Anton Graff, 1781

| Friedrich II. Gemälde von Anton Graff, 1781.

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Leitfrage: Die Seidenherstellung im Königreich Preußen (18. Jh.) - eine ökonomische Chance für den Staat?



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2Ursprung der Seidenherstellung - China vor ca. 5000 Jahren

Frauen verarbeiten Seide (Huizong, China, 12. Jh.)

| Frauen verarbeiten Seide (Huizong, China, 12. Jh.)

Wer die Seide entdeckt hat, darüber gibt es verschiedene sagenhafte Geschichten. Die bekannteste dieser Legenden ist die Geschichte einer chinesischen Kaiserin, der ein Seidenkokon in ihren heißen Tee gefallen war und die den Seidenkokon aus ihrer Tasse wieder herausfischen wollte und dabei bemerkte, wie sich durch das heiße Teewasser ein feiner Faden abspulte. Man kann nachweisen, dass es die Seidenproduktion in China seit 3.000 vor Chr. gibt.

 

Die Geheimnisse der chinesischen Seidenproduktion haben, so eine weitere Sage, zwei byzantinische Mönche 522 nach Byzanz gebracht. 

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Geheimnis3

3 | Chinas Geheimnis erreicht Europa

Byzanz kam eine wichtige Mittlerrolle zu. Denn seit ca.  100 v.Chr. waren Chinesen nicht mehr am Austausch mit fremden Ländern interessiert, aber ihre chinesischen Luxusgüter wie Seide waren im fernen Europa begehrenswert.

 

Sie nutzten damit einen alten, seit der Antike bekannten Handelsweg zwischen China und Europa, die Seidenstraße (ein Begriff, welcher auf den deutschen Biographen Ferdinand von Richthofen zurückgeht, welcher ihn 1877 erstmals verwandte). Der Weg war 10.000 Kilometer lang. 

 

Er führte durch chinesische Salzsümpfe, Steinwüsten und Sandberge. Am nördlichen Himalaja vorbei in Richtung Kaspisches Meer oder Schwarzes Meer ging es weiter nach Byzanz.

Byzanz. Holzschnitt um 1493.

| Byzanz. Holzschnitt um 1493

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Seidenstaedte4

4 | Europäische Seidenstädte - Lucca, Venedig, Florenz, Lyon

Giovanni Antonio Canal. Venedig am Himmelfahrtstag 1732.

| Giovanni Antonio Canal. Venedig am Himmelfahrtstag 1732

Von Byzanz (heute Istanbul), dem europäischen Endpunkt der Seidenstraße, verbreitete sich die Kenntnis der Seidenherstellung zu den Griechen und dann zu den Arabern. Die Araber ihrerseits brachten die Kenntnisse des Seidenwirkens nach Spanien, das zu diesem Zeitpunkt vollständig arabisch besetzt war. Und von dort gelangte das Wissen um die Seidenherstellung nach Italien.

 

Lucca, Venedig und Florenz bildeten sich als Seidenmetropolen heraus. In allen Fällen spielte also das Mittelmeer als Verbreitungsweg der Methodik der Seidenherstellung eine wichtige Rolle. Frankreich Importierte erst die italienische Seide, hauptsächlich über Lyon. Und richtete dann genau dort unter Franz I. eine eigene Seidenproduktionsstätte ein. Gelungen ist dies durch eine Steuerbefreiung mit der man italienische Seidenweber erfolgreich anlockte.

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Seidenzucht5-1

5 | Seidenraupenzucht in Preußen (16. bis 18. Jahrhundert)

5.1 Zucht der Seidenraupen

Der Seidenspinner ist ein Schmetterling, der eine Lebensdauer von etwa 10 Tagen hat, in der er 600 bis 800 Eier legt. Aus den Eiern des Seidenspinners (der den lateinischen Namen Bombyx Mori trägt) schlüpfen die Seidenraupen.

Diese fressen ausschließlich die Blätter des Maulbeerbaumes. Nach dem Schlüpfen werden die Raupen bis zu 5-mal täglich mit klein gehackten Blättern gefüttert. Ab dem 4. Tag werden sie nur noch 3-4 mal täglich gefüttert. Ausgewachsene Raupen erhalten dann als Futter bis zu ihrer Verpuppung große, ausgebildete Blätter. Während die Raupe wächst und größer wird, häutet sie sich insgesamt 4-mal in einem Abstand von jeweils 7 Tagen. Zwischen dem Schlüpfen der Raupen und ihrem Einspinnen in einem Kokon, liegen mindestens 25 Tage. Üblich war eine Staffelzucht mit 3 aufeinander folgenden Schlüpffolgen. Während dieses Wachstumsprozesses vergrößert sich die Seidenraupe auf das 80-fache und das Gewicht nimmt um das 10.000-fache zu.

 

Nach der vierten Häutung fressen die 6 bis 8 cm großen Raupen nicht mehr und beginnen sich in einem Kokon einzuspinnen. Die Kokonbildung und Verpuppung dauert 1 Woche. Innerhalb des Kokons verwandelt sich die Raupe in eine Puppe, aus der nach 15 bis 18 Tagen der fertige Schmetterling herausschlüpft. Da der Falter den Kokon, um ihn durchstoßen zu können, an einer Stelle mit einem Sekret auflöst, wird der Kokon für die Seidenherstellung nach dem Schlüpfen des Falters unbrauchbar. Der Kokonfaden ist durch die Schlupfstelle dann unregelmäßig und mehrfach unterbrochen. Für die Herstellung einer höherwertigen Seide ist aber ein regelmäßiger und nicht unterbrochener Faden notwendig, dass heißt man braucht unbeschädigte Kokons.

Darstellung der Seidenfalter, Kokons und Gerätschaften zur Verarbeitung der Seide, 1762.

| Darstellung der Seidenfalter, Kokons und Gerätschaften zur Verarbeitung der Seide, 1762.

Figur 1: Seidenraupe. Figur 2: Langer Kokon (weiblich) und kurzer Kokon (männlich). Figur 3: Die Puppe. Figur 4: Der voll ausgebildete Falter bei der Eiablage. Figur 5: Der franz. Seidenhaspel. Figur 6: Das kleine Schnarrädchen mit dem Zwirnbrett. Figur 7: Die Spulmaschine. Figur 8: Der Garnstock zum Glattstreichen der gefärbten Seide. Figur 9: Der Seidenwebstuhl.

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Kokons5-2

Darstellung der Seidenfalter, Kokons, Eier und Gerätschaften zur Zucht in Meyers Conversationslexikon.

| Darstellung der Seidenfalter, Kokons, Eier und Gerätschaften zur Zucht in Meyers Conversationslexikon.

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5.2 Die Verarbeitung der Seidenkokons 

Man lässt also nur so viele Schmetterlinge schlüpfen, wie zur Vermehrung und Eiablage notwendig sind. Bei der überwiegenden Anzahl der Kokons hat man mit heißem Wasser oder Dampf die Puppen rechtzeitig vorm Schlüpfen abgetötet und dann die einzelnen Kokonfäden zur sogenannten Rohseide weiterverarbeitet. Gleichzeitig wird durch das Überbrühen des Kokons die Verklebung des Fadens gelöst. Die Länge des Seidenfadens eines Kokons ist abhängig davon, wie die Raupe gefüttert worden ist und welchen Temperaturen sie ausgesetzt war und beträgt zwischen 1.000 und 3.000 Metern.

 

Nicht nur die Zucht war ein ertragreicher Zweig, sondern auch der Handel mit den Eiern. Dies war unter anderem auch deswegen möglich, da sich die Handelsware, also die Eier, mehrere Jahre unbeschadet im Eiskeller oder in allgemeinen Kellern im Kühlen aufbewahren ließen. Die Eier, welche man auch mit dem französischen Wort ,,grains“ bezeichnet, brauchten zum ,,Ausbrüten“ eine gleichmäßige warme Temperatur. Die Eier wurden dafür in Säckchen gefüllt und von Frauen auf der Brust getragen oder wurden unter Federbetten gelegt.

 

Für den Gewinn von 25 Gramm Seide benötigt man ca. eine Tonne Blätter des Maulbeerbaumes. Die Raupen fressen nur die neu ausgetriebenen, weichen Blätter, die man in der Zeit von Mai bis Juli pflücken kann. In der Zeit danach werden die Blätter hart und damit ungenießbar für die Raupen. Es gibt zwei Arten von Maulbeerbäumen, den weißen und den schwarzen Maulbeerbaum.

Für die Zucht der Seidenraupen verwendet man eher den weißen Maulbeerbaum, weil dessen Blätter zarter und nahrhafter sind und der Baum auch einen Monat früher ausschlägt als der schwarze Maulbeerbaum. 


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5.3 Förderung der Zucht und Goethes Erinnerungen

In Preußen wurde die Seidenraupenzucht vom Staat gefördert und so findet man dort die erste angelegte Maulbeerbaumplantage in der Heidereutergasse, die im Auftrag der Königlichen Akademie der Wissenschaften angelegt worden ist. Zentren der Maulbeerbaumzucht wurden Berlin, Köpenick und Potsdam.  

Wie weit verbreitet die Seidenraupenzucht in jener Zeit war, geht auch daraus hervor, dass Johann Wolfgang von Goethe in seinem ,,Lebensmärchen: Dichtung und Wahrheit“ von 1749 bis 1775 über die aufwendige Zucht der Seidenraupen schrieb.

 

Er schilderte hier aus seiner eigenen Sicht als Kind, wie er diese ,,Liebhaberei“ seines Vaters erlebte. Er und seine Geschwister wurden sehr in die anstrengende und zeitintensive Pflege der Raupen mit einbezogen. Tag und Nacht mussten die Raupen gefüttert und die Blätter von den Maulbeerbäumen eingesammelt werden. Bei Regen mussten die Blätter einzeln abgetrocknet werden, um keine Fäulnis und Krankheiten zu verursachen. War dies doch einmal geschehen, so war es wichtig, die kranken Tiere unverzüglich zu entfernen, um die anderen nicht anzustecken. Erschwerend kam hinzu, dass die Raupen sehr kälteempfindlich waren.

Goethe im Jahr 1828. Gemälde von Joseph Karl Stieler.

| Goethe im Jahr 1828. Gemälde von Joseph Karl Stieler.

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Seidenhaspel zum Abspulen und Aufwickeln der Seidenfäden der Kokons.

| Seidenhaspel zum Abspulen und Aufwickeln der Seidenfäden der Kokons. Meyers Conversationslexikon, 1909. Im Gefäß (a) werden die Kokons im Wasserbad auf 110 Grad erhitzt, um die schlüpfbereiten Falter abzutöten und die Verklebung der Fäden zu lösen. Danach werden im ca. 50-60 Grad heißen Wasser (c) mehrere Kokons zu einem Faden vereinigt und aufgehaspelt.

5.4 Das Haspeln der Seide

Das Aufwickeln der Seidenfäden, das man auch als Haspeln bezeichnet, war ein komplizierter Prozess, da man hier auf unterschiedliche Färbungen und Stärken der Rohseide achten musste. Das Haspeln war daher eine Sache von hochgradigen Spezialisten, wie sie etwa einige Frauen der Hugenotten darstellten. Diese bildeten ihrerseits junge Berlinerinnen darin aus und kamen damit einer Forderung Friedrich des Großen nach. Die Herstellung von Farben für Stoffe sollte im Laufe der Zeit zur Grundlage der chemischen Industrie In Preußen werden mit Namen wie Kunheim und Goldschmidt.

 

Sehr wohlhabende Bürger konnten sich Seidentapeten leisten, wie es sie zum Beispiel bis 1834 im Treppenhaus des Berliner Knoblauchhauses gegeben hat. Danach wurden diese Tapeten im Zuge einer Renovierung leider entfernt. Außerdem stellte man aus der Seide Strümpfe, Hosen, Westen, Mützen und Handschuhe her. Man hatte sich beim Weben auch auf hübsche und ausgefallene Muster spezialisiert. Ein eigener Zweig für sich war auch die Herstellung von Seidenblumen, bei der preisgünstig die Abfallstoffe der Seidenproduktion benutzt worden sind. Und zwar handelt es sich bei diesem Material um die übrig geblieben Häute der Kokons.  

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6 | Seidenproduktion unter dem Großen Kurfürsten (17. Jh.)

Durch den Dreißigjährigen Krieg war Preußen schwer in Mittleidenschaft gezogen worden. 1648, dem Jahr des Ende des Krieges, war die Bevölkerung auf die Hälfte ihrer Anzahl wie vor Kriegsbeginn dezimiert worden. Auch Grund und Boden hatten durch den Krieg schweren Schaden genommen. So gab es nur große, unbebaute und verwilderte Flächen, niedergebrannte Waldbestände, der Viehbestand war stark zurückgegangen und es folgten durch diese Missstände große Hungersnöte. Durch die geringe Bevölkerungszahl fehlte es zudem an Handwerkern und Bauern.

 

Friedrich Wilhelm I., der Große Kurfürst, König von Preußen und Urgroßvater von Friedrich II., sah sich diesen Problemen gegenübergestellt. Er hatte besondere Beziehungen zu Holland, wo er Lehr- und Studienjahre verbracht hatte, außerdem war er auch mit Louise von Oranien, einer holländischen Prinzessin, verheiratet. Durch diesen Bezug konnte er die Holländer für seine geplanten Bestrebungen gewinnen und bewegte damit viele Fachkräfte für Ackerbau und Viehzucht zur Übersiedlung nach Preußen. 

Kurfürst Friedrich Wilhelm, genannt "der Große". Gemälde von Frans Luycx, um 1650.

| Kurfürst Friedrich Wilhelm, genannt "der Große". Gemälde von Frans Luycx, um 1650.

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Friedrich Wilhelm I., Gemälde von Antoine Pesne, um 1733.

| Friedrich Wilhelm I., Gemälde von Antoine Pesne, um 1733. Nach dem Tod des großen Kurfürsten wurde die Seidenherstellung in Brandenburg unter seinem Sohn, Friedrich Wilhelm III. / König Friedrich I., vernachlässigt. Erst dessen Sohn,  König Friedrich Wilhelm I., genannt der "Soldatenkönig", förderte die Herstellung von Seide zumindest auf indirekte Weise durch die Anpflanzung von Maulbeerbäumen.  

Auch französische Flüchtlinge, die sogenannten Réfugiés, fanden in Preußen eine neue Heimat. 1703 waren bereits mehr als 3.000 Familien mit knapp 16.000 französischen Protestanten, den Hugenotten, in die Kurmark gekommen. 

 

Die Franzosen hatten starken Anteil am Garten und Gemüseanbau und besonders wirkten sie am Seidenbau mit. Unter ihnen gab es hochqualifizierte Weber, Hutmacher und Strumpfwirker, die sich mit den neuesten textilen Techniken auskannten.

 

Obwohl die Voraussetzungen für die Seidenproduktion hervorragend schienen, waren sie zum Ende des 17. Jahrhunderts doch nur wenig genutzt worden. Diese Vernachlässigung der Seidenproduktion geschah unter der Regierungszeit Friedrich III., dem Sohn des Großen Kurfürsten. 

 

Auch dessen Sohn Friedrich Wilhelm I., der sogenannte Soldatenkönig und Vater Friedrich II., setzte noch keinen Schwerpunkt auf die Seidenproduktion. Aber er förderte den Anbau von Maulbeerbäumen.

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7 | Friedrich der Große - Staatliche Förderung im 18. Jh.

Bereits ab 1740 ließ Friedrich der Große eine ganze Reihe von Maßnahmen einführen, um die heimische Seidenproduktion im Sinne der angestrebten Autarkie zu fördern.  So warb man ausländische Seidenspezialisten an und vergab staatliche Preisgarantien für erfolgreiche Züchter und Seidenhersteller, außerdem wurden Maulbeerbaumsamen, junge Bäume und die Eier des Seidenspinners kostenlos verteilt. Auch Schriften und Flugblätter zu diesem Thema wurden kostenlos an Interessierte vergeben. Friedrich der II. ließ ausländische Seidenprodukte mit hohen Steuern belegen beziehungsweise die Einfuhr teilweise sogar gänzlich verbieten. Dies sollte die Produktion von Seide im eigenen Land fördern und ausweiten. Zudem wurde genau festgelegt, wie das Seidengewebe herzustellen war. So legte man Wert darauf, einfache Gewebe zu produzieren, denn diese hatten den Vorteil, dass man sie leicht herstellen, einen Vorrat von ihnen anlegen und sie gut verkaufen konnte.

 

Kompliziertere und farbig gemusterte Stoffe hatten einen wesentlich höheren Preis und die Nachfrage nach ihnen hing auch von modisch wechselnden Tendenzen ab. Diese Art von Stoffen konnten sich nur sehr wohlhabende Bürger leisten und man fand sie beispielsweise als Seidentapeten im Schloss Sanssouci. Eine weitere Maßnahme Friedrich des Großen, Preußen unabhängig von Importen zu machen, geschah durch die Einführung von Seidenbauinspekteuren. Diese Seidenbauinspekteure hatten die Seidenherstellungen zu überwachen und Eier der Seidenraupe sowie Maulbeer-baumstecklinge an die Produzierenden zu verteilen.

Friedrich II. besucht eine Weberei.

| Friedrich II. besucht eine Weberei. Aus dem Bild geht die Wichtigkeit der Textilindustrie im allgemeinen für Friedrich dem Großen und Preußen hervor.

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Versorgung der Seidenraupen mit frischem Laub.

| Versorgung der Seidenraupen mit frischem Laub. Aus: Abhandlung von den Maulbeerbäumen, den Seidenwürmern und dem Seidenspinnen, Nicolai - Verlag Berlin, 1756. Autor: L. Pomier. Aus dem franz. übersetzt.

Zusätzlich erließ Friedrich II. umfangreiche Gesetze zur Förderung der Seidenqualität, zu deren Durchsetzung er eine eigene Polizeibehörde einsetzte. Für die Seidenraupenzucht bildete man hauptsächlich Geistliche, Küster und Lehrer aus. Unterstützt wurden sie auch durch schriftliche Abhandlungen über die optimale Pflege der Raupen und der Seidenherstellung. 

 

Ein weiterer Anreiz war ein Prämiensystem welches die Produktion steigern sollte. Im Jahr 1774 hatte man insgesamt 2.227 Pfund an Rohseide gewonnen, ein Ergebnis welches bereits 10 Jahre später auf 11.694 Pfund gesteigert werden konnte. Trotzdem reichte diese Menge nicht für den Eigenbedarf aus. Zudem wurde die Rohseide nicht gleichmäßig und fein genug hergestellt, da das Haspeln und Zwirnen wegen mangelnder technischer Möglichkeiten nicht hochwertig genug ausgeführt werden konnte. Dies wiederum hatte zur Folge, dass die Produzenten, die die Ware abnehmen sollten, sich weigerten, diese schlechte Rohseide weiter zu verarbeiten. Die Qualität der Rohseide ließ also nur noch eine Weiterverarbeitung als Futter für schwere Stoffe oder auch für die Strumpfwirkerei zu.  

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8 | Das Seidenmagazin

Da Rohseide nicht im ausreichenden Maße und in der gewünschten Qualität zur Verfügung stand, richtete Friedrich der Große 1768 ein Seidenmagazin ein.

Das Seidenmagazin hatte zur Aufgabe kleinen Manufakturen und Händlern die Rohseide preisgünstig zu verschaffen. Hierdurch sollten insbesondere kleinere Seidenmanufakturen in die Lage versetzt werden, an Seidenstoffe in ausreichendem Maße und guter Qualität zu kommen. Denn im Gegensatz zu größeren Seidenfabriken hatten sie oftmals nicht die Möglichkeit, derartige Stoffe im Ausland einzukaufen. Friedrich dem Großen hingegen war daran gelegen, dass möglichst viele, auch kleinere Unternehmen hierdurch gefördert und so erhalten werden konnten.

 

Einer der heute kaum mehr bekannten Standorte des Seidenmagazins befand sich im Hause des Generalleutnants Christian Friedrich August von Moller unter der Adresse "Am Zeughaus 2". Moller hatte das Gebäude 1789 erworben. Hier bestand das Magazin bis 1805. Da die Seidenverarbeitung gegen Ende des 18. Jahrhunderts rückläufig war, wurde das Seidenmagazin 1805 mit dem Baumwollmagazin vereinigt. Das Gebäude des Generalleutnants von Moller wurde später für den Neubau der Preußischen Central-Genossenschafts-Kasse abgebrochen, welcher in den Jahren 1898-99 entstand. 1905-06 wurde durch die Bank das Nachbargrundstück "Am Zeughaus 1" angekauft und hier ein Erweiterungsbau errichtet. Beide Gebäude werden heute durch Verwaltung des benachbarten Deutschen Historischen Museums genutzt.  

Besuchte Orte der Seidenproduktion und des Seidenhandels. Das ehem. Zehlendorfer Schulhaus von 1828, heute Heimatmuseum Zehlendorf.

| Besuchte Orte der Seidenproduktion und des Seidenhandels. Das ehem. Zehlendorfer Schulhaus von 1828, heute Heimatmuseum Zehlendorf. Auf dem Friedhofsgelände links der benachbarten Dorfkirche blieben bis heute drei ca. 200 Jahre alte Maulbeerbäume erhalten.

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Die ehem. Zehlendorfer Schulhaus von 1828, heute Heimatmuseum Zehlendorf im Jahre 1872.

| Das ehem. Zehlendorfer Schulhaus von 1828, heute Heimatmuseum Zehlendorf im Jahre 1872. Links die alte Dorfkirche. Vor der Kirche entlang der Friedhofsmauer und der heutigen Potsdamer Straße stehen die alten Maulbeerbäume. Quelle: Heimatmuseum Zehlendorf.

Mit der Zeit entwickelte sich das Seidenmagazin Dank der Unterstützung von Friedrich dem Großen zu einem der wichtigsten Faktoren zur Unterstützung der Seidenverarbeitung in Preußen. Im Zeitraum zwischen 1766 - 1786 erlebte das Berliner Seidengewerbe seinen größten Aufschwung seit dem Regierungsantritt von Friedrich dem Großen. Die Zahl der Seidenwebstühle in Berlin stieg von 238 auf 1400. Außerdem stieg der Umsatz des Seidenmagazins von 127.000 Talern im Jahr 1771 innerhalb von 13 Jahren auf 247.000 Taler.

 

Während der Regierungszeit Friedrich II. wurden 2,8 Millionen Reichstaler als Fördermittel für die Manufakturen in Preußen bereitgestellt. Dabei flossen 2/3 allein in die Seidenindustrie. Als Friedrich der II. im Jahr 1786 verstarb, nahm die staatliche Förderung und Kontrolle des Seidenbaus ab. Zusätzlich führten schlechte Klimabedingungen dazu, dass etliche Maulbeerbäume abstarben und sogar abgeholzt worden sind.

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9 | Besuchte Orte zum Thema Seide in Berlin

Für meinen Vortrag habe ich drei Orte der Seidenherstellung und des Handels und Vertriebs besucht:

 

An erster Stelle stand das Heimatmuseum Zehlendorf. Das Gebäude des Museums war eine ehemalige Dorfschule, in welcher der Lehrer Ferdinand Ernst Schäde in kleinerem Maße Seide produzierte. Mein besonderer Dank gilt dabei Herrn  Dietmar W. Mietzner, welcher uns nicht nur fachkundig durch das Heimatmuseum führte, sondern auch umfassendes Schriftmaterial bereitstellte.

 

Als Nächstes habe ich das Schloss Britz besichtigt, das vom Grafen von Hertzberg zum Mustergut und Ort der Großproduktion von Seide aufgebaut worden ist.  Der Graf Ewald Friedrich von Hertzberg war Preußischer Staatsminister unter Friedrich dem Großen sowie später auch unter dessen Neffen und Nachfolger Friedrich Wilhelm II.  Bekannt wurde der 1763 zum Minister ernannte Graf Hertzberg durch die von ihm geleiteten Friedensverhandlungen von Hubertusburg, die das Ende des 7-jährigen Kriegs 1763 bewirkten und zu den Friedensverhandlungen des Bayerischen Erbfolgekrieges führten.  Zudem war er auch Vorsitzender der Staatlichen Kommission zur Hebung des Seidenanbaus. Hertzberg baute das ehem. Rittergut zu einem Mustergut aus, zu dem auch etwa 1000 Maulbeerbäume gehörten. Die hier gewonnene Seide wurde jedoch zu luxuriösen Damast Tapeten für sein auch als "Schloß Britz" bekanntes Gutshaus sowie für seine standesgemäß aufwendige Garderobe verarbeitet. 

Besuchte Orte der Seidenherstellung und des Seidenhandels: : Das ehem. Rittergut Britz zur Zeit der Erwerbung durch den Grafen Ewald Friedrich von Hertzberg, Minister am Hofe Friedrich des Großen, um 1860.

| Besuchte Orte der Seidenherstellung und des Seidenhandels: : Das ehem. Rittergut Britz zur Zeit der Erwerbung durch den Grafen Ewald Friedrich von Hertzberg, Minister am Hofe Friedrich des Großen, um 1860. Von Hertzberg baute das Gut Britz zu einem Mustergut aus, zu dem auch etwa 1000 Maulbeerbäume gehörten. Auch das alte Gutsgebäude wurde durch ihn zu einem "Schloss" ausgebaut. Hertzberg betrieb auf seinem Gut, dem heutigen "Schloss Britz" auch eine Windmühle und kam hierdurch in Konflikt zur Familie Bading (Musik-Bading). Zeichnung Sammlung Duncker. 

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In den ehem. Stall- und Wirtschaftsgebäuden des Gutshofs befindet sich heute das Museum Neukölln. Foto: L. Röhrig

| In den ehem. Stall- und Wirtschaftsgebäuden des Gutshofs befindet sich heute das Museum Neukölln. Foto: L. Röhrig

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Als Letztes habe ich mir das Museum Knoblauchhaus angesehen als einem Ort, an dem Seide nicht produziert, sondern mit Seidenprodukten gehandelt wurde. Das Knoblauchhaus war vom Nadlermeister (dieser fertigte Metallwaren wie Karabiner, Haken und Ösen an) Johann Christian Knoblauch 1759 - 1761 errichtet worden. Durch die Lieferung von Metallerzeugnissen an die Armee Friedrich des Großen entstanden wichtige Beziehungen zum Preußischen Staat.

 

Um 1780 stieg Johann Christian Knoblauch in das staatlich geförderte Textilgewerbe ein. Der älteste Sohn, Christian Ludwig Knoblauch, wurde durch den Nachfolger von Friedrich dem Großen, Friedrich Wilhelm II., nach Lyon geschickt, um sich dort im Seidengewerbe ausbilden zu lassen.  Die Führung Frankreichs für die Orden- und Seidenbänderproduktion sollte mit dieser Maßnahme abgelöst werden. Die Familien Knoblauch und Keibel erlebten durch die Herstellung von Seidenbändern einen starken finanziellen und gesellschaftlichen Aufstieg, der sie zu einer der führenden Familien des damaligen Berlins werden ließ.

 

Somit habe ich für mich drei interessante Ansatzpunkte gefunden, einmal die kleinteilige Produktion von Seide durch einen Dorfschullehrer, dann die Großproduktion durch den Grafen von Hertzberg und dann der Handel und die Produktion mit Seidenen Ordensbändern durch das Knoblauchhaus.


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10 | Heutige Spuren in Berlin und Brandenburg

Die Suche nach den letzten Zeugnissen der Seidenherstellung unter Friedrich den Großen ist eine spannende Aufgabe, da nur wenig erhalten geblieben ist. Für Berlin sind dies im wesentlichen die 3 Orte, die ich besucht habe, sowie insgesamt 8 Standorte von Maulbeerbäumen. Diese sind im Folgenden:

 

1. Maulberrbaumallee in Staaken

2. Der Dorfanger in Lübars

3. Der Kirchhof Blankenburg

4. der Dorfkirchhof Heinersdorf

5. die Claire-Walldorf-Straße in Mitte

6. die Bölsche Straße

7. am Althoffplatz

8. der Kirchfriedhof in Alt-Zehlendorf

 

Und in Brandenburg sind im wesentlichen Maulbeerbäume an folgenden Orten zu finden: Zernikow, Cottbus, Bestensee, Ludwigsfelde und Erkner, in dessen Wappen sogar ein Maulbeerbaum abgebildet ist. In Cottbus, gibt es sogar noch Seidenhäuser, die dort zu sehen sind. Insgesamt wurden 3 Mio. Maulbeerbäume unter Friedrich dem Großen in Preußen gepflanzt, von denen nur noch wenige erhalten blieben. Nach dem Tode von Friedrich des Großen (1786) hackten die Bauern fast alle Maulbeerbäume ab, da sie die zeitintensive und schwierige Seidenherstellung ablehnten.

Besuchte Orte der Seidenherstellung und des Seidenhandels: : Das Wohn- und Handelshaus der Familie Knoblauch (heute Museum Knoblauchhaus).

| Besuchte Orte der Seidenherstellung und des Seidenhandels: : Das Wohn- und Handelshaus der Familie Knoblauch (heute Museum Knoblauchhaus). Das aus dem 18. Jahrhundert stammende Gebäude (1761 erbaut) ist eines der wenigen, die aus jener Zeit erhalten blieben - und eines der wenigen Häuser mit originärem Standort des Nikolaiviertels. Foto: Lutz Röhrig

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11 | Fazit. Zur Leitfrage

Der Salon im Knoblauchhaus. An der Wand Porträts der Familien Knoblauch und Keibel. Rechts Spielsachen der Kinder. Foto: Lutz Röhrig

| Der Salon im Knoblauchhaus. An der Wand Porträts der Familien Knoblauch und Keibel. Rechts Spielsachen der Kinder. Foto: Lutz Röhrig

Den höchsten Stand erreichte die Preußische Seidenproduktion im Jahr 1784, als 13.432 Pfund Rohseide hergestellt worden ist, was einem Wert von 54.000 Talern entsprach.

 

Dies machte etwa 5% der damaligen Seidenimporte aus. An dieser Zahl kann man deutlich ablesen, dass man von den gesteckten Zielen, unabhängig vom Import ausländischer Seide zu werden, weit entfernt war. Zudem lehnte die bäuerliche Bevölkerung die zeitaufwendige Aufzucht und Pflege der empfindlichen Seidenraupen ab. So hat man herausgefunden, dass für die Aufzucht von 20.000 Raupen etwa 200 Arbeitsstunden in 5 Wochen benötigt worden sind. 

 

Zeigt sich die Seidenherstellung für den Preußischen Staat im Ergebnis auch als wirtschaftlicher Flop, so erwies sie sich jedoch mitunter für den Einzelnen, wie die 3 von mir besuchten Orte zeigen, durchaus als wertvolle Einkommensergänzung oder gar als Quelle zusätzlichen Wohlstands.

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