Der Umsteiger
Geschichte eines Gaststättengebäudes
Teil 2
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6 | Das Architekturbüro Klitscher & Afdring
Für die Planung des Gebäudes und den damit verbundenen statischen Berechnungen sowie der Anfertigung von Bauzeichnungen für den weiteren Genehmigungsprozess war das „Atelier für Architektur und Bauausführungen, Klitscher & Afdring“ beauftragt worden, das zu diesem Zeitpunkt in der Friedenauer Hauffstraße 5-6 ansässig war (1910 zog das Büro dann nach Steglitz in die Schönhauser Straße 26). Die Architektursozietät von Hermann Klitscher und Hermann Afdring, über die trotz ihrer zumindest lokalen Bedeutung wenig bekannt ist, war vor allem in Schöneberg und Steglitz aktiv.
Zum Vergleich seien hier beispielhaft zwei Gebäude kurz vorgestellt:
Das Wohn- und Geschäftshaus an der Ecke Schmiljan- und Schmargendorfer Straße 32 in Friedenau (1903-04, heute genutzt durch die Botschaft von Jamaika) sowie das Wohn- und Gewerbegebäude Handjerystraße 42-43 in Friedenau (1908).
Allen Bauten gemeinsam ist, wie meine Fotos belegen, die gegenüber dem Restaurantgebäude in der Yorckstraße trotz vergleichbarer Entstehungszeit völlig andere Architekturauffassung, die eher dem Jugendstil oder der Reformarchitektur zuzurechnen ist.
Dies verstärkt die Vermutung, das erst auf Wunsch der Bahn für das geplante Restaurantgebäude eine dem benachbarten Bahnhof Yorckstraße entsprechende Architektur gewählt worden war.
Heute fehlt dieser Bezug, da der Bahnhof Yorckstraße in seiner Fassade erheblich verändert und der alte, zum Zeitpunkt des Baus des Restaurationsgebäudes bereits geplante Zollpackhof am Kreuzberger "Eingang" zu den Yorckbrücken 2013 für den Wohnungsbau abgerissen worden ist. Auch den alten Bahnhof Großgörschenstraße gibt es leider nicht mehr.
| 1903 -1904 errichteten Klitscher & Afdring im Hof des Gebäudes Schmargendorfer Straße 32 für den Schlossermeister Heinrich Klemme ein Schlossereigebäude. Heinrich Klemme, gehörte mit seinem Betrieb zur Herstellung von Gittern und Ornamenten zu den größten Unternehmen seines Faches. Am 15. Januar 1909 konnte die Kunst- und Bauschlosserei, die zu diesem Zeitpunkt 20 "Beamte" (leitende Angestellte) und 180 Arbeiter beschäftigte, ihr 25-jähriges Jubiläum feiern. Heute ist in dem Gebäude, das 1988–1990 durch Heinz Ostmann zu einem Bürogebäude mit Garagen umgebaut worden ist, die Botschaft von Jamaika ansässig.
| Fassadenansicht, Querschnitt und Etagengrundrisse des Restaurationsgebäudes Yorckstraße der Fa. Klitscher & Afdring vom April 1905. Gut zu sehen die gestaffelt hier noch hintereinander angeordneten beiden Stützwände des Bahndamms. Nur durch diese Betonmauern konnten auch auf der Rückseite des Gebäudes Fenster für das Erdgeschoss angeordnet werden. Da sich auf Höhe des Bahndamms der Hof des Gebäudes befand, musste für den Eingang in Höhe des 1. OG eine Brückenkonstruktion über den Lichtschacht errichtet werden. Anders als heute gab es neben dem Eingang zum Restaurant noch einen weiteren kleineren, der in einen durch eine Mauer vom Gastraum abgetrennten Flur führte. So konnte die alle Etagen des Gebäudes verbindende Wendeltreppe ungestört von den Gästen betreten werden.
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7 | Beschreibung des Restaurantgebäudes
Die Lage des teils im Bahndamm errichteten Restaurationsgebäudes erforderte, wie auch schon beim Bahnhof Yorckstraße, besondere bauliche Maßnahmen. So wurde eigens eine weitere, gegenüber dem Gebäude leicht nach hinten versetzte Betonmauer errichtet, damit der so gewonnene Raum als Lichtschacht für ein rückwärtiges Fenster zum Erdgeschoss genutzt werden konnte.
In der Höhe der ersten Etage befand man sich auf dem Niveau der Bahnanlagen. Um auch von dort einen Zugang zum Gebäude zu ermöglichen – denn das Restaurantgebäude besaß einen auf dem Bahndamm befindlichen, rund 13 m langen Hof - errichtete man eine Art Brücke, welche den freien Raum zwischen Bahndamm und den Fenstern im Erdgeschoss überspannte. Heute gibt es diese Brückenkonstruktion nicht mehr, der freie Raum zwischen den einstigen Erdgeschossfenstern und der Tür auf Höhe des Bahndammniveaus wurde mit Brettern überdeckt, die einen Belag aus Dachpappe erhielten.
Die Höhenerschließung des Gebäudes erfolgte durch eine im rückwärtigen Teil befindliche, schmiedeeiserne Wendeltreppe, die von den Innenräumen durch eine bogenförmige, dem Verlauf der Treppe angepasste Wand getrennt war. Die Treppe wurde durch an der Gebäuderückseite liegende Fenster belichtet, die heute nur noch im Ansatz zu sehen sind und keine Funktion mehr erfüllen.
Um einen separaten, vom Gastraum unabhängigen Zugang für die Mieter – also im Wesentlichen des Eigentümers Grandjean und seiner Familie - zu ermöglichen, gab es statt des heutigen, rechts von der straßenseitigen Eingangstür befindlichen Fensters eine weitere, schmale Zugangstür, deren Breite optisch die oberhalb der ehemaligen Tür liegenden Fenster der ersten und zweiten Etage aufnahm. Heute ist diese, längst durch ein Fenster ersetzte Tür ebenso verschwunden, wie die Trennwand, welche den einst hinter der Tür beginnenden kleinen Hausflur vom Gastraum trennte.
Um die Raumverhältnisse innerhalb des winzigen, nur 7 m breiten und 9 m tiefen Gebäudes optimal nutzen zu können, waren die für eine Gaststätte notwendigen Funktionsräume über die Stockwerke verteilt. Während im Keller traditionell das Bier gelagert wurde und sich im Erdgeschoß der Gastraum samt der Herrentoilette befand, musste die Küche und eine kleine Spülküche ins 1. Obergeschoss verlegt werden. Zudem befanden sich hier zwei separate Zimmer und die Damentoilette. Im zweiten Obergeschoss, das bereits in Teilen in den Dachstuhl hineinragte, befand sich die Waschküche und der Trockenboden, eine weitere Toilette und eine Dachstube.
Bis zur Fertigstellung des Gebäudes im Jahr 1905 wohnte Grandjean, so lässt es sich aus den Adressbüchern herauslesen, in einer Wohnung im benachbarten Bahnhofsgebäude.
| Der durch den vereidigten Landmesser Paul Lorenz 1905 erstellte Flächennachweis. Zwischen dem Bahnhof und dem geplanten Restaurationsgebäude grenzte ein heute noch bestehender Hof, der jedoch nur für den Bahnhof von Bedeutung war. Der zum Restaurationsgebäude zugehörige Hof lag auf der Gebäuderückseite und erstreckte sich bis zum Lagerplatz der Fa. Holzmann & Co. Rechts vom Hof befand sich ein "Contorgebäude", das bis zur Errichtung des Café - und Fitnessgebäudes in Verlängerung der Wohnungsbauten an der Bautzener Straße noch bestand. In dem "Contorgebäude" wohnte bis zum Verkauf des Grundstücks durch die Bahn auch der Generalpächter, Herr Mühlenhaupt.
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8 | Eigentümer- und Besitzverhältnisse
Die Besitzverhältnisse blieben über die Jahrzehnte bemerkenswert konstant, was für ein hinreichendes Einkommen durch den Gastbetrieb spricht. Grandjean besaß das Gebäude bis zum Beginn der 1920er Jahre. Ihm folgte Hermann Schulz, der, vermutlich auch mit seinem Sohn Gerhard als Nachfolger, die Gastwirtschaft bis gegen Ende der 1960er Jahre betrieb. Von Gerhard Schulz, der auch die „Berliner Fibel“, einen Grundschullesebuch jener Zeit, illustrierte, soll auch das große Wandgemälde, das die Seitenwand im „Umsteiger“ bis zuletzt schmückte, stammen.
Der nächste Pächter in der erstaunlich kurzen Reihe der Gastwirte war Johannes Schaletzki, dessen Sohn bei der Weinspedition Albert Mann an der Yorckstraße ausgebildet wurde. Herrn Schaletzki folgte in den 1980er Jahren Frau Ursula Prondzinsk. Von ihr hat vermutlich Karl- Heinz Mühlenhaupt, von Freunden nur „Kalle“ genannt, das Restaurantgebäude übernommen. Mühlenhaupt, gelernter Dachdeckermeister und Inhaber eines Dachdeckerbetriebs mit 50 Angestellten, vergab als "Generalpächter" seinerseits Pachtverträge für das Gaststättengebäude und dem daneben liegenden kleinen Laden. Das gleichfalls von ihm gepachtete ehem. „Contorgebäude“ nutzte er hingegen für sich selbst als Wohnhaus.
An Mühlenhaupt hatte auch Herr Sens, letzter Betreiber des Lokals „zum Umsteiger“, seinen Pachtbeitrag zu entrichten. Die DDR-Reichsbahn, die im Bereich Yorckstraße und Bautzner Straße noch einige Güterschuppen bediente, besaß für die Bahnanlagen im damaligen West - Berlin nur eingeschränkte Eigentumsrechte für alle dem Bahnbetrieb dienenden Anlagen.
| Schnitt durch das Restaurantgebäude vom Juni 1905. Während in der oberen Zeichnung vom April noch keine Erschließung des Gebäudes durch Treppen etc. eingezeichnet ist, sieht man hier die sich vom Kellergeschoss bis ins 2. OG erstreckende Wendeltreppe als nunmehr zur Ausführung bestimmten finalen Lösung. Offenbar wurde auch die Frage der Stützmauern gegen den Bahndamm nunmehr anders gelöst, um so eine Verlängerung der Wendeltreppe bis in den Keller zu ermöglichen.
| Das noch als "Bahnhofs-Quelle" bezeichnete Lokal im Restaurantgebäude, ca. 1930. Interessant ist an diesem alten Foto neben dem sich noch in alter Pracht zeigenden Gebäude des S-Bahnhofs Yorckstraße auch die auf dem benachbarten Grundstück bestehenden Firmen. Hierzu gehörte die auf dem Handel mit Fliesen spezialisierte Firma "Pflüger & Co." im alten, über den bogenförmigen Zugang zu erreichenden "Contorgebäude" auf dem Bahndamm sowie die Fa. "Paul Pflüger" die neben dem Aufgang ihr Konfitürengeschäft betrieb. Näheres über beide Unternehmen siehe nachfolgendes Kapitel.
Die Eigentumsrechte für die übrigen, nicht unmittelbar dem Bahnbetrieb dienenden Anlagen wie etwa Lagerflächen, Kleingartenkolonien Gebäude und Wohnhäuser lagen ab 1953 aufgrund des besonderen Status des Westteils der Stadt bei der "Verwaltung des ehem. Reichsbahnvermögens" (VdeR) - einer eigenständigen, jedoch aufgrund des diffizilen Hoheitsrechtes (insbesondere in Abstimmungsfragen mit der nun der DDR unterstehenden Reichsbahn) mit besonderen Augenmerk der Westalliierten agierenden Verwaltung in West-Berlin. Nach der Wende übernahm diese Liegenschaften zum 1. Januar 1994 das Bundeseisenbahnvermögen (BEV).
2010 wurde damit ein Verkauf aller von der Deutschen Bahn AG nicht mehr für den Bahnbetrieb benötigten Flächen an der Bautzener Straße sowie der Yorckstraße möglich. Bis 2017 und seinem Ruhestand betrieb Herr Sens noch den "Umsteiger" mit Genehmigung des neuen Eigentümers (siehe Kapitel 1), der auf dem gesamten Areal zwischen Yorckstraße und Bautzener Straße Wohnungen errichtete. Die Gaststätte wurde von Herrn Sens an zwei Herren verkauft, die den Umsteiger leider nicht mit gleichem Erfolg weiterbetreiben konnten. 2018 schloss der „Umsteiger“ für immer seine Türen.
Doch damit endet keineswegs die Geschichte des seit 2013 unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes. Es wird weiterhin dem Kiez und seiner Bewohner zur Verfügung stehen, auch wenn sich seine Zweckbestimmung ändert. Nach einer denkmalgerechten Instandsetzung der Wendeltreppe und der Beseitigung der Wasserschäden im Kellergeschoß ziehen hier „Die kulturellen Erben“ ein. Der 2013 gegründete multikulturelle Verein „Die kulturellen Erben“ möchte einen Beitrag dazu leisten, dass die Authentizität des Kiezes bewahrt wird - ein Anliegen, dem sich auch schon der "Umsteiger" über den reinen Kneipenbetrieb hinaus durch Autorenlesungen und sonstige Veranstaltungen verpflichtet sah. Doch zunächst muss noch mit dem Denkmalschutzamt über die sachgerechte Sanierung der historischen Wendeltreppe im Gebäude gesprochen werden. Wenn dies abgeschlossen ist, kann die Zukunft für da ehem. Restaurantgebäude des "Umsteigers" beginnen.
| Blick vom Bahnsteig auf das Empfangsgebäude des S-Bahnhofs Yorckstraße (rechts, kurz vor dem Einfahrsignal), dem benachbarten Gaststättengebäude mit seinem hohen Dach und dem ehem. "Contorgebäude", das zuletzt dem Generalpächter Mühlenhaupt als Wohnhaus diente. Das im Vordergrund zu sehende, von der Brücke kommende alte Gütergleis bildete einst die Zufahrt zum bis in die 1980er Jahre hier auf dem verwilderten Teil des Grundstücks stehenden großen Güterschuppens.
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9 | Ein Blick ins Innere
Im Juni 2024 waren große Teile der geplanten Arbeiten zur Anpassung und Ertüchtigung des ehem. Restaurantgebäudes für eine künftige Nutzung bereits abgeschlossen. Abstimmungsbedarf mit den Denkmalbehörden gab es lediglich noch für die Wendeltreppe, die als einziges Relikt der Innenausstattung des Gebäudes die Zeiten überdauert hatte.
Der Projektentwickler "HamburgTeams" gestattete mir im Zusammenhang mit meiner Arbeit zur Ermittlung der Baugeschichte gern einen Blick mit der Kamera ins Innere des Gebäudes.
| Grundriss des EG und des 1. OG des Bahnhofsgebäudes. Rechts ist die lediglich 6 m breite Hoffläche und der Lagerraum für Kohlen eingezeichnet. Auch besteht vom Hof ein Zugang zum internen Treppenhaus. Der Reisende hingegen betritt von der Yorckstraße aus zunächst die Bahnhofshalle, wo er Fahrkarten kaufen oder Gepäck aufgeben kann. Zum Bahnsteig ging es nach links durch den Durchgang. Im 1. OG bestand eine Wohnung für den Bahnhofsvorsteher, deren Räume um die hohe Bahnhofshalle angeordnet waren.
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10 | Zwischen Bahnhof und Restaurant: Der Hof
Aus Platzmangel musste, wie bereits geschildert, für den 1902 errichteten Bahnhof Yorckstraße (S2) ein Teil des Bahndamms der Dresdner Bahn abgetragen werden. Während für die rückwärtigen, dem Bahndamm zugewandten Fenster des Erdgeschosses die Anlage eines Lichtschachtes ausreichend war, entschied man sich, zur Belichtung der seitlichen Fenster des Erdgeschosses, einen rund sechs Meter breiten Hof anzulegen. Auf diese Weise konnte ein separater Treppenzugang vom Hof aus zur in der 1. Etage gelegenen Wohnung angelegt werden. Auch der Bau eines Raumes zur Lagerung von Kohlen an der dem Bahndamm zugewandten Seite des Hofes war so möglich.
Um den verbliebenen Teil des Bahndamms an der Yorckstraße seitlich gegen den Hof abzusichern, entstand eine hohe Ziegelmauer. Der Einfachheit halber beließ man diese beim Bau des unmittelbar angrenzenden Restaurantgebäudes bestehen.
| Blick vom Bahndamm in Richtung Hofeingang und Yorckstraße sowie zum gegenüberliegenden U-Bahnhof. Rechts des S-Bahnhofs Yorckstraße, dessen zum Hof zugewandte Fassade noch ihre alte Gestaltung aus Klinkermauerwerk und den kunstvoll vergitterten Fenstern des Erdgeschosses besitzt. Die den Hof einst auf der linken Seite gegen den Bahndamm abgrenzende Stützmauer blieb beim Bau des Restaurantgebäudes bestehen und ist heute mit schützenden Blechen versehen.
| Da das Gaststättengebäude in den Bahndamm hineingebaut worden ist, war für die Anlage von Fenstern im Erdgeschoß ein Lichtschacht notwendig. Dieser ist heute knapp unterhalb des vergitterten Fensters des 1. OGs mit Platten abgedeckt. Auch die einst über den Lichtschacht zur Eingangstür führende Brücke gibt es heute nicht mehr.




































