Ist Denkmalschutz nur ein anderer Begriff für "Bauerwartungsland"?

Eine kritische Betrachtung - und zugleich ein leidenschaftliches Plädoyer für den Denkmalschutz





Bild und Text: Lutz Röhrig 

Klagen über verlorene oder in Gefahr befindliche Architektur entsprechen keineswegs einer eher pessimistischen Lebenshaltung, sondern gemachter Erfahrung. Denn was wurde nicht alles an eigentlich Schützenswertem abgerissen: das Ballhaus Resi in der Hasenheide, der Sportpalast, die Schlossbrauerei Schöneberg, das Prälat Schöneberg, das Vox-Haus, der Anhalter Bahnhof, der Schöneberger Hafen, die Deutschlandhalle, ganze Straßenzüge in Kreuzberg - und was gäbe es schon längst nicht mehr, wenn der Denkmalschutz nicht mahnend seinen Finger erheben würde: den Kant-Garagen-Palast, das ICC...

 

Doch auch ein vorhandener Bestandsschutz ist keineswegs eine Garantie. Man denke nur an den Gloria - Palast, der von dem benachbarten Neubauten derart beeinträchtigt war, dass am Ende nur eine teure Instandsetzung oder der Abriss in Erwägung gezogen werden konnte. Doch während man ansonsten jeden Bauträger in Haftung genommen hätte, entschied man sich hier für die günstigste Lösung - dem Abbruch.

 

Oder man denke an die Kurfürstendamm - Theater. Im Kern noch aus der Zeit der Berliner Secession unter Max Liebermann stammend (!), wurde dem Abbruchantrag des Investors gegen Zahlung eines hohen einstelligen Millionenbetrages - trotz der geschichtlichen wie architektonischen Bedeutung der durch Oskar Kaufmann (Renaissance - Theater, Theater am Bülowplatz) umgestalteten Theater - stattgegeben. Der nun im Keller des geplanten Gebäudes künftig unterzubringende moderne Theater - Ersatzbau ist für das Verlorene kaum als gleichwertiger Ersatz zu bezeichnen. Warum die Theater nicht unter offiziellen Denkmalschutz gestellt wurden, sondern erst in einer Art Vorstufe hierzu, das bleibt eines der vielen ungelösten Rätsel...

 

| Der Gloria - Palast. Zwar längst geschlossen und in einen Mode - Store umgewandelt, stand das Gebäude des alten Uraufführungskinos unter Denkmalschutz. Das benachbarte Bauvorhaben beeinträchtigte jedoch die Statik des Kinos. Statt Regress zu fordern wurde einer Abrisslösung zugestimmt.

 


| Theater am Kurfürstendamm. Eines der letzten Logen - Theater. Inzwischen längst zu Staub und Schutt zugunsten eines modernen Einkaufszentrums zerrieben.



Gewiss, Berlin muss offen sein für Veränderungen und einer neuen Art zu bauen - aber nicht um jeden Preis. Denn sind es nicht gerade die architektonischen Preziosen aus all den Jahrzehnten der an Umbrüchen und den sich hieraus ergebenden architektonischen Veränderungen so reichen Berliner Geschichte, welche der Besucher von außerhalb so anziehend findet?

 

Wohin geht der architekturbegeisterte Japaner, Koreaner, Chinese oder Amerikaner - sicher nicht zum Neuen Kreuzberger Zentrum (NKZ) am Kottbusser Tor, es sei denn als Negativbeispiel gebauter Brutalität. Wohin zieht es all die Firmengründer des Internet-Zeitalters? Sicher nicht in die Allerweltsneubauten der Gegenwart, sondern in die sorgsam restaurierten Gewerbehöfe der ersten Gründerzeit...

 

| Die Deutschlandhalle. Abgerissen für ein neues Eingangsgebäude zum Messegelände am Funkturm.




Unser architektonisches Erbe ist somit nicht nur in ideeller, sondern auch wirtschaftlicher Hinsicht ein wertvoller Schatz, den es zu bewahren gilt. Helfen wir jenen, die es nicht besser wissen, die Denkmalschutz nur als etwas Temporäres, durch den Druck von Investoren oder der Wohnungswirtschaft wieder zu Negierendes begreifen.

 

Unsere Architekturdenkmäler markieren keine Baulandreserven, auf die bei Bedarf durch Entwidmung und Abriss zurückgegriffen werden kann. Eine Einsicht, die insbesondere in Zeiten von Wohnungsnotstand bei weitem noch nicht bei jedem angekommen ist. Lassen wir sie an unserer Erkenntnis teilhaben - Berlin und vor allem die Berliner hätten es verdient...

 

Berlin. Kant-Garagen.

| Kant-Garagen. Eine der letzten Großgaragen Europas. Lange abrissgefährdet.



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