Pfaff Steglitz
Rheinstraße 42
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Bild und Text: Lutz Röhrig
1 | Eine feste Marke
Es gibt so diese festen Marken in der Stadtlandschaft, die scheinbar schon ewig existieren und die man daher auch noch in den nächsten Jahren als sicheren Bezugspunkt wähnt. Unberücksichtigt bleibt dabei, dass auch jene Bezugspunkte irgendwann einmal einem Wechsel unterliegen werden – so wie auch sie einst vor vielen Jahrzehnten andere scheinbar feste Punkte abgelöst haben.
Ein solcher fester Bezugspunkt war lange Zeit das am Ende der Rheinstraße kurz vor dem Walther-Schreiber-Platz gelegene kleine Nähmaschinenfachgeschäft, dass man unwillkürlich wahrnahm, wenn man aus der U-Bahn oder dem Bus stieg, um die umliegenden Warenhäuser und Geschäfte zu besuchen.
Das Umfeld des kleinen Nähmaschinengeschäftes hat sich im Laufe seines Bestehens mehrfach gewandelt, doch es blieb eine feste Wegmarke im sonst so schnelllebigen Geschäftsbetrieb. Die Umwandlung der Kaufhausstandorte mit einst großen Namen wie Hertie oder Wertheim wurde ebenso zur Kenntnis genommen, wie die Schließung des allseits bekannten, sich einst auf dem „Rheineck“ zwischen Bundesallee und Rheinstraße befindenden „Ebbinghaus“, das mit gepflegter Kleidung die Kunden anzog.
Auch die unmittelbare Nachbarschaft des Nähmaschinenladens hat sich mehrfach gewandelt. Man denke an die 1980er Jahre zurück. Nur wenigen ist noch der kleine Schallplattenladen an der linken Seite des Nähmaschinenladens ein Begriff, der einst in der Szene eine feste Größe war und nach der Schließung zunächst einen Bäckerladen und nun ein Nagelstudio beherbergt. Oder das berlinweit bekannte Musikhaus „Radio-Rading“, an der anderen Ladenseite, in dessen Geschäftsräumen sich heute ein Fahrradladen befindet.
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2 | Das Jahr 1955 - Die Eröffnung
Auch im November 1955, als das kleine Nähmaschinengeschäft im Steglitzer Teil der Rheinstraße eröffnet worden war, unterlag das Umfeld des Ladens bereits umfassenden Veränderungen. So hatte zwei Jahre zuvor bereits die Warenhauskette „Held“ am Rheineck, wie die noch namenlose Kreuzung der Bundesallee mit der Rhein- und Schloßstraße sowie der Schöneberger Straße inoffiziell hieß, einen Neubau errichtet. Und auf dem Grundstück des kriegszerstörten Eckhauses Bundesallee / Rheinstraße stand der Flachbau der Rudolph Hertzog KG – einem vor dem Krieg überaus bekannten Kaufhausunternehmen, dessen teilzerstörtes, einst prächtiges Warenhaus nun jedoch in Ost-Berlin und damit in der DDR lag.
Hinzu kamen die Geschäfte der Rheinstraße selbst, die ebenfalls stark frequentiert waren. Nicht vergessen darf man die im Umfeld vorhandenen Kinos, zu denen mit dem Titania-Palast eines der größten und bekanntesten Lichtspielhäuser Berlins zählte. Aber auch in der Rheinstraße bestanden kleinere Kinosäle. Eine U-Bahn gab es noch nicht, durch die genannten Straßenzüge fuhren Busse oder die damals noch weit verbreitete Straßenbahn. Wer von weiter her kam, dem blieb im Grunde nur die S-Bahn und der kurze Weg vom Bahnhof Feuerbachstraße durch die Schöneberger Straße.
| Das Nähmaschinengeschäft vermutlich im Eröffnungsjahr 1955. Neben der damaligen Leuchtreklame ist vor allem der erheblich nach hinten versetzte Ladeneingang auffällig. Der im Hintergrund des Ladens zu sehende Türbogen, der zum kleinen Büro und dem Sanitärraum führte, blieb im Übrigen bis zuletzt erhalten.
Für jenes Ehepaar, das hier im Umkreis der Schloßstraße 1954 ein Nähmaschinenfachgeschäft als Pfaff – Vertragshändler eröffnen wollte, hätte die Nähe zum neu errichteten Kaufhaus „Held“ und den übrigen, sich entlang der Schloßstraße befindenden Warenhäusern und Fachgeschäften nicht besser sein können – trotz der noch andauernden Straßenarbeiten zur Umverlegung der hier aufeinandertreffenden Straßenbahnlinien.
Das neue Nähmaschinengeschäft erhielt, um sich optisch besser von seiner Umgebung abzuheben, als erstes Geschäft in der Rheinstraße eine Leuchtreklame. Hierfür wurde über den Schaufenstern des Ladens eine geschwungene Wandfläche montiert, welche an der unteren Kante farbige Neonröhren erhielt. In der Mitte dieser Wandfläche befand sich dann der aus fünf beleuchteten Einzelbuchstaben bestehende, dem Schwung der Fläche folgende Markenname „Pfaff“ sowie das damalige Firmenemblem.
Da das Ladengeschäft nur über eine relativ kurze Schaufensterfront verfügte, hatte man zudem die mittig angebrachte Eingangstür tief nach hinten verlegt, so dass nun auch von den links und rechts des Eingangs entstandenen seitlichen Glasflächen ein guter Einblick auf die ausgestellte Ware und in das Ladeninnere genommen werden konnte. Denn ein das Schaufenster vom übrigen Laden trennende Wand, wie in vielen älteren Geschäften, gab es hier nicht mehr.
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3 | Die weitere Entwicklung
Kein Zweifel, die fünfziger Jahre bedeuteten für die Schloßstraße und die Gegend rund um das Rheineck eine Zeit des Aufbruchs. Nach dem 1949 bereits das Gebäude des Bekleidungshauses Peek & Cloppenburg (Architekt: Heinz Scheidling) an der Schloßstraße fertiggestellt worden war, folgte 1950 und 1952 das Textilkaufhaus Leineweber (Paul Schwebes und Edmund Stelter). 1952 wurde auch das Wertheim-Kaufhaus (Hans Soll) eröffnet. Den Abschluss der Kaufhausneubauten für dieses Jahrzehnt erfolgte 1956 durch die Textilhandelskette C & A Brenninkmeyer (E. A. Gärtner, Essen).
Für das kleine Nähmaschinengeschäft konnte der Zuwachs an potentieller Kaufkraft durch die Warenhäuser nur positiv sein. Ein Zuwachs, der sich in den 1960er Jahren und trotz des Mauerbaus weiter fortsetzen sollte. 1961 62 wurde der behelfsmäßige Flachbau der Fa. Rudolph Hertzog am Rheineck nun durch ein vollwertiges Warenhaus des Bekleidungsanbieters Ebbinghaus (Hans Schaefers und Wolfgang Philipp) ersetzt, die vom Breslauer Platz nun hierher auf das Rheineck zog. Die Schloßstraße wurde unter den Kunden immer beliebter und entwickelte sich nach dem Kurfürstendamm zur Nummer zwei der West-Berliner Einkaufsstraßen.
| Der Kassenbereich, hinter dem es durch einen Rundbogen (der tatsächlich noch, wie alte Fotos zeigen, aus dem Jahre 1955 stammt) zum Büro- und Sanitärbereich ging.
Nachdem der Hertie-Konzern sowie das Warenhaus Wertheim hier vertreten waren, folgte 1966-67 (Schwebes & Schoßberger) nun auch die Fa. Karstadt mit einem eigenen Warenhaus. Unmittelbar nach der Eröffnung des Karstadt-Warenhauses begannen 1968 (Georg Heinrichs) die Arbeiten am künftigen „Forum Steglitz“ an der Schloßstraße 1, das 1970 schließlich fertiggestellt wurde. Es war eines der ersten Einkaufszentren, das nach dem Shop-in-Shop System errichtet wurde. Neu waren auch die mit Spiegeln verkleideten Fahrsteige zum 1. OG.
So begrüßenswert auch das in nächster Nähe zum Nähmaschinenladen gelegene, sich alsbald zum Publikumsmagneten entwickelnde „Forum Steglitz“ für die Händler an der Schloßstraße und am Rheineck war – mit dem Bau der durch die Schloßstraße verlaufenden U-Bahn Linie 9 ab dem 7. Juli 1969 begann eine Zeit massiver Verkehrseinschränkungen, Umleitungen und dem entsprechenden Baulärm, von dem auch das kleine Nähmaschinengeschäft nicht verschont blieb.
Immerhin konnte 1971 der Abschnitt Spichernstraße – Walther-Schreiber-Platz der U9 fertiggestellt werden. Die Lage des U-Bahnhofs Walther-Schreiber-Platz am Rheineck und damit schräg gegenüber dem Nähmaschinengeschäft brachte für dieses so manche Vorteile mit sich, konnten doch die Kunden nun auch bequem dieses Verkehrsmittel nutzen.
Die "Buddelei" direkt auf der Schloßstraße sollte indes noch vier Jahre andauern - und der Schloßstraße zu einer weiteren Attraktion verhelfen. Denn die dem U-Bahnhof Walther-Schreiber-Platz folgende Station, der U-Bahnhof Schloßstraße, war zugleich Teil eines aus insgesamt drei Bauwerken bestehenden Ensembles unter der Federführung des Architektenpaares Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Zu diesem gehörten neben dem U-Bahnhof auch die die Schloßstraße querende Joachim–Tiburtius–Brücke sowie, als besondere Attraktion, der Bierpinsel. Der offiziell nur als "Turmrestaurant" bezeichnete Bierpinsel sollte sich, trotz anfänglicher Skepsis, schnell größter Beliebtheit erfreuen.
Das benachbarte Warenhaus Wertheim wurde mit in das Verteilgerschoß des U-Bahnhofs integriert. Die oberirdische Verbindung des Bierpinsels mit dem Warenhaus Wertheim über eine Fußgängerbrücke wurde allerdings ebenso aufgegeben, wie die gleichfalls geplante Einbindung des C & A Warenhauses in das unterirdische Verteilergeschoß. 1974 konnte schließlich der bislang letzte Abschnitt der U-Bahnlinie 9 eröffnet werden.
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4 | Die 1980er Jahre
Aufgrund des Todes des Ehemannes gab die erste Inhaberin des Nähmaschinenladens diesen an Pfaff ab, der nun zu einer Werksvertretung wurde. Sie selbst arbeitete bis zu ihrem Ruhestand Mitte der 1980er Jahre als Verkaufskraft im Ladengeschäft weiter, ehe sie zusammen mit ihrem 2. Mann ihrem in der Politik tätigen Sohn nach Bonn folgte.
Pfaff nahm indes einige Umbauten am Laden vor, So wurde etwa die geschwungene Werbefläche über dem Schaufenster weiß gestrichen, die Neonbeleuchtung verschwand. Die Einzelbuchstaben des Namenszug "Pfaff" wurden durch einen bedruckten Leuchtkasten ersetzt. Senkrecht an der Fassadenseite in Nachbarschaft zu „Radio-Rading“ wurde zudem der Namenszug „Pfaff“ montiert.
Auch die Schaufensterfront wurde durch den Wegfall der tief nach hinten eingezogen Ladentür und der seitlichen Glasscheiben begradigt und damit die Ladenfläche vergrößert. Die Einrichtung erfolgte in zeittypischer „Kiefer- Imitation“. Lediglich der Rundbogen zum für die Kunden nicht zugänglichen Bürobereich blieb weiterhin bestehen.
Pfaff Vertretungen gab es nun in der Müllerstraße, in der Spandauer Carl-Schurz-Straße (Händler), in der Charlottenburger Wilmersdorfer Straße und in der Sonnenallee in Neukölln (Händler) sowie zeitweilig auch am Tempelhofer Damm (Händler).
Hinzu kamen noch kleinere Verkaufsabteilungen in verschiedenen HERTIE-Kaufhäusern wie etwa der Wilmersdorfer Straße, dem KaDeWe usw. 1986 einigte man sich in dieser Beziehung auch mit dem Karstadt - Konzern, in dessen Häusern ab 1987 nun ebenfalls kleinere Verkaufsabteilungen der Fa. Pfaff entstanden. So etwa im Hause Karstadt Tempelhofer Damm, am Leopoldplatz oder am Hermannplatz.
Die Zentrale für den Haushaltsmaschinen- wie auch den Industriemaschinebereich für das damalige West-Berlin befand sich in den 1980er Jahren längst nicht mehr am Lützowplatz 7 sondern in der Wielandstraße in Charlottenburg. In der ersten Etage hatten die beiden Verkaufsleiter für den Haushaltsmaschinen- und den Industriemaschinenbereich ihre Büros. Im Erdgeschoss und damit von der Straße aus für die Kunden zugänglich befand sich der allgemeine Bürobereich sowie die Reparaturwerkstatt. Die damals noch zahlreichen Firmenfahrzeuge waren in den alten Garagen im Hof untergebracht.
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5 | Ein Ende nach 70 Jahren
1988 wurde die Aktienmehrheit der beiden Pfaff-Gesellschaften (Haushalts- und Industriemaschinen) von Wolfgang Schuppli übernommen, der das Unternehmen 1993 schließlich an Semi-Tech (Global) Co. Ltd. verkaufte. Damit begann ein über viele Jahre andauernder Umwandlungsprozess des einstigen Familienunternehmens mit wechselnden Inhabern, Eigentümergesellschaften, Insolvenzen und einer Verlagerung der Produktion nach China. Die werkseigenen Filialen wurden Mitte der 1990er Jahre geschlossen oder an Privatpersonen übertragen, die die Ladengeschäfte auf eigene Rechnung weiterführten. 1996 wurde das kleine Geschäft in der Rheinstraße von Monika Tschernoch übernommen, die bereits zuvor für Pfaff als Angestellte gearbeitet hatte.
Im Gegensatz zu der Zeit zuvor, als der Schwerpunkt mehr auf den Vertrieb der Nähmaschinen, Schnellbügler und Strickmaschinen ("Passap") lag und lediglich Kurse zur Bedienung der jeweiligen Geräte angeboten worden waren, setzte Monika Tschernoch als gelernte Schneiderin mit dem abhalten regelrechter Schneiderkurse für Anfänger und Fortgeschrittene neue Akzente.
Entsprechend wurde das Warensortiment nun auch um eine große Auswahl an Stoffen, Einlagematerialien wie etwa Vliseline usw. ergänzt. Ihr gelang es dadurch, eine große Kundenbindung zu erzielen und sich von den Warenhäusern auch in diesem Punkt abzuheben. Die vielen Besucher, die sich von ihr in den letzten Verkaufstagen verabschiedeten, zeugen davon.
Denn nun, nach knapp 30 Jahren ist es für sie Zeit, in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen. Ich wünsche Frau Tschernoch nach ihrer erfolgreichen Tätigkeit in Steglitz alles Gute. Das kleine Nähmaschinengeschäft an der Rheinstraße kurz vor dem Walther-Schreiber-Platz wird nun keine Wegmarke mehr durch die Zeiten sein.
| Blick auf zwei der an der Regalsystemwand befestigten Vorführplätze für Nähmaschinen. Für Kunden und für die jeweilige Verkaufskraft standen hier die schon seit Jahrzehnten in allen Filialen bewährten, lediglich in ihrem Bezug und der Lackierung abgewandelten Hocker bereit. Auf dem Vorführplatz rechts steht eine "Pfaff Creative Icon 2" mit Stickmodul für rund 10.000 Euro.
| Das kleine Nähmaschinengeschäft war lange eine feste Marke in der Stadtlandschaft am "Tor zur Schloßstraße". Doch nun wird auch dieses von der Zeit eingeholt. Wer künftig vom U- Bahnhof Walther-Schreiber-Platz auf die andere Straßenseite blickt, wird es, anders als auf meiner Aufnahme, nunmehr vergeblich suchen.













