Minow's Tabak Depot
Lichtenrade
Bahnhofstraße 56
Nachruf1
1 | Einleitung. Ein Nachruf
Bild und Text: Lutz Röhrig
Es sind mitunter bewegende Momente. Man unterhält sich mit dem jeweiligen Ladeninhaber, macht Fotos und steht auch später noch eine Zeit lang in Kontakt. Man grüßt sich bei einem zufälligen Treffen, spricht ein paar Worte miteinander. Umso mehr trifft einen dann die plötzliche Nachricht, dass eben dieser Ladeninhaber verstorben sei. Man kann es kaum fassen…
Ebenso erging es mir mit Jascha Minow, dessen Tabakladen ich schon lange auf meiner „To Do Liste“ hatte. Denn eine Chronik über Lichtenrades Geschäfte wäre ohne einen Bericht über „Minows Tabak Depot“ unvollständig – selbst dann, wenn man Nichtraucher ist. Anfang Mai 2025 setzte ich dann mein Vorhaben um.
Nach dem ich zuvor bereits mit den freundlichen Verkaufskräften einen ersten Kontakt hatte, besuchte ich Jascha für ein Gespräch in seinem „Depot“. Offen für die Fragen des „Mannes hinter der Kamera“ berichtete er über die schon lange währende Geschichte des Tabakgeschäftes. Einige Zeit später traf ich ihn dann noch einmal vor seiner Ladentür. Ein kurzes Hallo - und eine Entschuldigung, dass mein Artikel „noch ein wenig dauern würde…“.
Gegen Ende des Jahres dann die überraschende Nachricht, dass er sein Geschäft zum 31. Dezember 2025 schließen würde. Meiner Verwunderung folgte wenig später die Mitteilung, dass Jascha aufgrund einer schweren Krankheit seinem vor zwei Jahren verstorbenen Vater nunmehr gefolgt sei.
Auch als Chronist steht man mental in solchen Momenten nicht abseits. Kann man dies überhaupt? Man spricht mit Menschen und nimmt unwillkürlich Anteil an ihrem Schicksal und dem Werdegang des von Ihnen teils über Generationen geführten Geschäftes. Was bleibt sind Erinnerungen – auch in jenen Momenten, während ich diese Zeilen schreibe.
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2 | Die Gründung von "Zigarren Wächter"
Die Geschichte von „Zigarren-Wächter“ beginnt mit dem aus Wintzingerode in Thüringen stammenden Heinrich Wächter (*15. Dezember 1867), fünf Generationen vor dem letzten Inhaber Jascha Minow. Heinrich Wächter hatte anders als sein als Maurer arbeitender Vater den Beruf eines Schneiders erlernt. Ein Berufsstand, der ihn wohl auch mit seiner künftigen Ehefrau, der am 2. Oktober 1867 geborenen Friederike Henriette Ernst, die gleichfalls wie er aus Thüringen (Ellrich, Kreis Nordhausen) stammte, bekannt werden ließ.
Am 9. November 1892 folgte in Berlin die Hochzeit. Das Paar lebte zunächst in der Wohnung von Heinrich in der Annenstraße 49 im heutigen Bezirk Mitte, die er kurz zuvor bezogen hatte. Die Hochzeit im November erfolgte wohl nicht ganz ohne Grund, den bereit am 1. März des Folgejahrs wurde der Sohn Willy Hermann – der künftigen vierten Generation - geboren.
1898 zogen Heinrich Wächter und seine Familie in die Moabiter Bandelstraße. Die von der Birkenstraße aus zur Turmstraße verlaufende Straße war überwiegend von Handwerkern und sonstigen Gewerbeschaffenden bewohnt und hatte ihren Namen mit der Fertigstellung des durch Joseph Ernst von Bandel (1800-1876) geschaffene Hermanns-Denkmal im Teutoburger Wald erhalten, das feierlich durch Kaiser-Wilhelm I. 1875 eingeweiht worden war.
Besonders ruhig dürfte es im Hause Bandelstraße 35 allerdings nicht zugegangen sein, waren in dem Gebäude doch die zumindest in Moabit bekannten „Hohenzollern-Festsäle“ ansässig. Ein riesiges Vergnügungslokal mit mehreren großen Sälen, in denen Tanzveranstaltungen, Theateraufführungen und Hochzeitsfeierlichkeiten durchgeführt wurden. Dass die Wahl einer neuen Wohnung ausgerechnet auf die Bandelstraße fiel, war indes wohlüberlegt. Denn Heinrich eröffnete in jenem Jahr in der Bandelstraße 5 kurz vor der Ecke zur Turmstraße seinen ersten Tabakladen. Was ihn zum Umzug und dem gleichzeitigen Wechsel seines Berufsstandes bewegte, muss an dieser Stelle ungeklärt bleiben.
Jahrtausend3
3 | Jahrtausendwende. Weitere Filialen
Das Jahr 1900, das aufgrund des Wechsels vom 19. ins 20. Jahrhundert durchzogen war von großen Feierlichkeiten (man denke an die große Weltausstellung in Paris) und einer regelrechten Ode an den technischen Fortschritt (vor allem des „Elektrischen Stroms“, dem sich Paris mit dem „Palais de l’Électricité“ auf dem Ausstellungsgelände und der aus Anlass der Weltausstellung neu eröffneten Metro im besonderen Maße thematisch zuwidmete), bedeutete für Heinrich Wächter einen Umzug des Geschäftes zur Skalitzer Straße 94a an der Ecke zur Zeughofstraße. Ob er mit den Offizieren und Soldaten der benachbarten Wrangel-Kaserne als Kunden rechnete? Oder den Eisenbahnern des Görlitzer Bahnhofs, dessen Verwaltungsgebäude und Betriebsgelände sich gegenüber auf der anderen Seite der Hochbahn befand?
Jedenfalls war auch diesem Geschäft keine lange Lebensdauer vergönnt. Bereits im darauffolgenden Jahr zog es Heinrich Wächter wieder zurück nach Moabit, diesmal jedoch zur Waldstraße 41 an der Ecke zur Wiclefstraße. Seine Wohnung hatte er unweit entfernt in der Waldstraße 19 eingerichtet. Dies sollte die nächsten Jahre so bleiben.
| Das von Franz Heinrich Schwechten erbaute Empfangsgebäude des Anhalter Bahnhofs. Aufnahme des Stadtfotografen Waldemar Titzenthaler von 1910. Im Vordergrund der Askanische Platz. Vorne rechts (außerhalb des Bildes) würde auch die Bernburger Straße abzweigen. Heute steht von der einst imposanten Halle nur noch der vordere Portikus mit der Kutschenvorfahrt.
Doch 1909 beschloss Heinrich Wächter, sein Geschäft zur unmittelbar am heutigen Ostbahnhof gelegenen Koppenstraße 9 zu verlegen. Sicher hatte er hier die Reisenden ebenso wie die Angestellten der vielen umliegenden Firmen im Blick. Privat indes zog es ihn zum Mariendorfer Weg in Neukölln. Hier, im Haus Nr. 3 kurz vor der Hermannstraße, sollte er seine letzten Lebensjahre verbringen.
Schien die Gegend um den Ostbahnhof anfangs eine gute Wahl gewesen zu sein, so stand sie doch in Bezug auf das überwiegend von Arbeitern geprägte Klientel ringsum und angesichts der vom Ostbahnhof aus angefahrenen Ziele in keinem Vergleich zu Berlins bedeutendsten Reise- und Fernwehort – dem Anhalter Bahnhof am Askanischen Platz!
Allein schon die imposante Länge der von Franz Heinrich Schwechten (u. a. Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche) entworfenen und ausgeführten Bahnhofshalle von über 170 m bei einer Spannweite von 65 m – bauzeitlich die größte freitragende Halle ohne Mittelstürzen des Kontinents – sowie die enorme Höhe von 34 m waren beeindruckend. Dazu kamen die illustren Reiseziele von Berlins betriebsamsten Bahnhof: Italien, das Land aller angehenden Architekten und Künstler, Frankreich und dessen Hauptstadt Paris, das mit seinen Weltausstellungen mehr den je im Fokus stand, Österreich – Ungarn und vor allem Wien, dazu Städte wie Dessau, Leipzig oder München. Der Anhalter war ein Fernwehort für alle Berliner.
War schon die Halle des Anhalter Bahnhofs ingenieurbautechnisch eine Sensation, so war der Wasserhydraulisch betriebene Aufzug für Güterwaggons für das Gleis von und zum Schöneberger Hafen zumindest bemerkenswert. Verantwortlich für die Ingenieursleitungen war Heinrich Seidel, der noch während der Bauzeit als Schriftsteller reüssieren sollte. Sein Roman "Leberecht Hühnchen" wurde in jener Zeit das, was wir heute einen Bestseller nennen würden.
Im Adressbuch von 1914, das ja alle Veränderungen des Jahres 1913 vermerkt, findet sich dann erstmalig der Eintrag eines Zigarrengeschäftes von Heinrich Wächter für die Bernburger Straße 17, welche vom Vorplatz des Anhalter Bahnhofs, dem Askanischen Platz, abzweigt und bis zur wenige hundert Meter entfernten Köthener Straße verläuft. Die Köthener Straße indes führt auf direktem, recht kurzem Weg zum Potsdamer Platz – dem wohl quirligsten und lebendigsten Ort des damaligen Berlins mit all seinen Hotels, Restaurants (wie etwa dem legendären „Haus Vaterland“, das gleichfalls von Schwechten errichtet worden war) und dem Potsdamer Bahnhof.
Das Geschäft in der Koppenstraße wird hingegen angesichts des neuen vielversprechenden Standortes aufgegeben. Für genügend Laufkundschaft war somit in der Bernburger Straße angesichts der Nähe zum Anhalter Bahnhof und dem Potsdamer Platz gesorgt – zumal mit Philharmonie, die sich ebenfalls in der Bernburger Straße, direkt gegenüber dem Zigarrengeschäft, befand, weiteres Kundenpotential auftat. Kein schlechter Standort also. Die private Wohnung der Familie Wächter verblieb indes weiterhin am Mariendorfer Weg 3.
| Das "Haus Vaterland" am Potsdamer Platz im Jahre 1913. Die riesige, gleichfalls wie der Anhalter Bahnhof und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von Franz Heinrich Schwechten entworfene Vergnügungsstätte beherbergte die "Kammer-Lichtspiele" sowie mehrere Restaurants. Berühmt das künstliche Gewitter, das stündlich für die Besucher der Rheinterrasen initiiert wurde. Heute steht hier ein die Rundung des Gebäudes aufnehmender Neubau.
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4 | Willy Wächter und die Hochbahngesellschaft
Heinrich Wächter konnte sich indes nur wenige Jahre an seinem neuen Geschäft erfreuen. Am 25. Februar 1916 wird er im Ladengeschäft an der Bernburger Straße von einer seiner Verkaufskräfte tot aufgefunden. Sein Leben, das ihn von einem kleinen Städtchen in Thüringen nach Berlin führte und in dem er sich von einem einfachen Schneider zum Besitzer eines Zigarrenladens hocharbeiten sollte, fand mit 48 Jahren ein unverhofftes Ende.
Nun war also die nächste Generation gefragt – doch die befand sich im Krieg. Heinrich Wächters Sohn Willy hatte inzwischen eine Lehre als Mauerer absolviert. Aufgrund dieser Tätigkeit wurde er mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Armierungssoldat eingezogen. Diese speziellen Soldaten hatten die Aufgabe, bestehende Festungs- und Verteidigungsanlagen auszubauen bzw. neue an der Front zu errichten. Hierzu zählte etwa auch die Befestigung von Schützengräben, wodurch die Armierungssoldaten ebenfalls der Gefahr von feindlichem Gewehrfeuer und Artilleriebeschuss ausgesetzt waren.
Gut möglich, dass zunächst Willys Mutter Friederike Henriette den Geschäftsbetrieb mit Unterstützung der Verkaufskräfte weiterführte. Die Wohnung im Mariendorfer Weg 3 wird unverändert beibehalten. Gut ein Jahr später, am 23. Juni 1917, heiratet Ihr Sohn Willy in Berlin die aus Neukölln stammende Verkäuferin Klara Johanna Graul, Tochter des Metallarbeiters Hermann Heinrich Karl Graul. 1919, ein Jahr nach dem Ende des Krieges, zog Willy Wächter mit seiner Frau aus der elterlichen Wohnung und nimmt sich eine mehr in der Nähe des Geschäftes gelegene.
Seine neue Privatadresse „Köthener Straße 16“ war ein noch der Hochbahngesellschaft gehörendes Gebäude. Denn um ihre 1902 schließlich verwirklichte Strecke vom Gleisdreieck zum Potsdamer Platz realisieren zu können, hatte die Hochbahngesellschaft im Bereich der Köthener Straße die Häuser auf der Seite der Potsdamer Eisenbahn aufkaufen müssen. Schließlich war zwischen den Eisenbahngleisen und der Köthener Straße nur wenig Platz für die Anlage einer von den Landwehrkanalbrücken zum Potsdamer Platz sich schließlich absenkenden gemauerten Viaduktstrecke, die langsam auf dem Weg zum Potsdamer Platz zu einem Tunnel wird.
So sah sich die Hochbahngesellschaft gezwungen, die am Bahngelände gelegenen Häuser aufzukaufen, um deren Hinterhäuser für die U-Bahn abreißen zu können. Nach der Fertigstellung des Streckenabschnittes wurden die Rückgebäude zumindest zum Teil wieder über der Tunneldecke errichtet. Und in einem dieser Gebäude, das sich kurz vor dem Potsdamer Platz befand, errichtete die Hochbahngesellschaft zudem auch Ihre Zentrale.
Das Geschäft in der Bernburger Straße lief offenbar so gut, das 1933 noch ein weiteres Geschäft in Lichtenrade erworben werden konnte. 1931 hatte man in der Lichtenrader Bahnhofsstraße ein neues Postamt fertiggestellt. Es enthielt im Erdgeschoss neben den beiden Eingängen für den Schalterbereich und der Durchfahrt zum Hof auch zwei Ladenlokale, von denen eines durch Willy Wächter nun angemietet wurde. Lichtenrade war eine wohlhabende Gegend, die Bahnhofstraße, an welcher das Postamt lag, die zentrale Einkaufsstraße. Zudem befanden sich schräg gegenüber dem Postamt auch die „Roma – Lichtspiele“, ein gern besuchtes Kino.
Auch wenn man den Laden in der Bernburger Straße 17 weiterhin behielt, so wechselte Willy Wächter samt Familie nun zum Tempelhofer Ufer 31. Der Umzug geschah offenbar nicht ganz freiwillig, waren doch nach der Übernahme der Hochbahngesellschaft durch die BVG 1929 auch deren Häuser an der Köthener Straße ins Eigentum des neuen nunmehr städtischen Verkehrsunternehmens gelangt.
Da die BVG für den Betrieb aller Straßenbahn-, Bus- und U-Bahnlinien auch mehr Platz für Ihre Verwaltung benötigte als die private Hochbahngesellschaft, wurden den Mietern der Gebäude Köthener Straße 11- 18 Ersatzwohnungen zugewiesen – vorzugsweise solche in Häusern, die ebenfalls nunmehr der BVG gehörten. Hierzu zählte auch das Gebäude „Tempelhofer Ufer 13“, das sich an der Ecke zur Trebbiner Straße auf dem Grundstück des heutigen Deutschen Technikmuseums befand.
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5 | Der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegsjahre
Während des Zweiten Weltkriegs waren die Bahnhofsanlagen des Potsdamer und des Anhalter Bahnhofs bevorzugte Ziele britischer und amerikanischer Bomber mit entsprechenden Konsequenzen auch für deren Umfeld. Die Bilanz nach dem Ende des Krieges war daher für die Familie Wächter ernüchternd. Der Tabakwarenladen in der Bernburger Straße 17 am Rande der Gleisanlagen des Potsdamer Bahnhofs existierte nunmehr ebenso wenig, wie das Wohnhaus am Tempelhofer Ufer 13, das sich in der Nachbarschaft des Anhalter und des Potsdamer Güterbahnhofs befand.
Auch Berlins Hoch- und Untergrundbahn war schwer getroffen worden. So etwa das auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Wohnhauses Tempelhofer 13 liegende Durchfahrtshaus mit seinem burgähnlichen Aussehen und dem Sternenhimmel in der Durchfahrtsöffnung, das einst Paul Wittig 1902 errichtet hatte. Auch die alte Philharmonie, die sich gegenüber dem Tabakwarengeschäft in der Bernburger Straße befunden hatte, gab es nun nicht mehr.
Für die Familie Wächter war dies, wie für viele andere Berliner auch, eine schwere Zeit. Die dreimonatige Besetzung der Stadt durch Sowjetische Truppen, deren Ablösung im Westteil der Stadt durch die Westalliierten, die fast ein Jahr andauernde sowjetische Blockade des Westteils der Stadt vom 24. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949 und der damit verbundene erneute Mangel an Nahrungsmitteln, Strom und Gas. All das war eine schwere Bürde für die West-Berliner zu einem Zeitpunkt, als es im übrigen Bundesgebiet längst wieder aufwärts ging.
Privat wohnte die Familie nun in der Lichtenrader Bahnhofstraße Nr. 54. Am 21. Dezember 1951 war hier der Tod von Friederike Henriette Wächter, die hinterbliebene Ehefrau des Firmengründers Heinrich Wächter, zu beklagen. Wenige Monate später, am 14. Januar 1952, folgte ihr der Sohn Willy Wächter.
Willy Wächters Ehefrau Johanna übernahm nun die Leitung des Geschäftes. Denn mittlerweile war das im Krieg geschlossene Tabakgeschäft im Postamt in der Lichtenrader Bahnhofstraße 5-6 wieder geöffnet worden. Und nicht nur das: Erstmals gab es auch wieder eine neue Filiale!
Denn anstelle eines im Krieg zerstörten Eckhauses an der Marienfelder Allee 39 war, wie für die Nachkriegszeit typisch, ein Flachbau zur Aufnahme mehrerer Geschäfte errichtet worden, in dem nun auch eine Filiale von Zigarren Wächter eingerichtet worden war.
Überhaupt war die Neubautätigkeit in Marienfelde zu diesem Zeitpunkt groß, um für den zerstörten Wohnraum in der Innenstadt wie für den stetigen Zustrom von Flüchtlingen aus dem Ostteil der Stadt einen Ausgleich zu schaffen.
Dem wurde u. a. auch mit dem Bau des „Notaufnahmelagers Marienfelde“ (1953) für rund 2000 Flüchtlinge im ersten Bauabschnitt Rechnung getragen. Die stetig steigende Zahl von Wohnungen und Unterkünften erforderte natürlich auch entsprechende Geschäfte für den täglichen Bedarf, wozu ein unmittelbar hinter den Flachbauten an der Marienfelder Allee Ecke Hranitzkystraße stattfindender Wochenmarkt seinen Beitrag leistete - einschließlich des heute hier noch bestehenden, weithin beliebten Currywurststandes...
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6 | Das Geschäft in der Bahnhofstraße
Anfang der 1960er Jahre beschloss die Post, Ihr Gebäude in der Bahnhofstraße einem größeren Umbau zu unterziehen. Insbesondere sollte der Postzustellersaal erweitert werden, was einen Wegfall der beiden Ladengeschäfte, zu denen auch „Tabak Wächter“ gehörte, erforderte. 1964 ist das Tabakgeschäft noch mit der Adresse „Bahnhofstraße 5-6“ vermerkt, ab 1966 dann mit Bahnhofsstraße 10. Dieser Umzug stimmt somit zeitlich mit dem Beginn der Arbeiten im Postamt und der Fertigstellung der Erweiterung des Postzustellersaals 1967 überein.
Nach dem Umzug in die Nr. 10 – heute (2026) befindet sich hier seit vielen Jahren das Teefachgeschäft „Tee Lichtenrade“ von Herrn Kevin Bölling – änderte sich zunächst nur wenig. Nach wie vor gab es die beiden Geschäfte in Lichtenrade und in Marienfelde.
Führte auch Johanna Wächter bislang erfolgreich die Geschicke der beiden Geschäfte von „Tabak Wächter“, so wurde es doch langsam Zeit für die nächste Generation. Nach dem Willy und Johannas Enkel René Minow seine Ausbildung bei „Otto Boenicke“, dem damals größten Tabakfilialunternehmen Berlins, erhalten hatte, trat dieser 1971 als „Einzelhandelskaufmann Tabakwaren“ in den Geschäftsbetrieb von „Tabak Wächter“ ein. Die Übernahme der beiden Filialen von „Tabak Wächter“ erfolgte 1974. Die Firmierung „Willy Wächter Tabakwaren“ blieb jedoch vorerst bestehen.
Zeitlich mit dem Wechsel der Geschäftsleitung hängt wohl auch die ebenfalls 1974 erfolgte Eröffnung eines nach Lichtenrade und Marienfelde dritten Ladengeschäftes in Mariendorf am Mariendorfer Damm 45 gegenüber der heutigen Esso- Tankstelle zusammen. Diesem Geschäft war jedoch nur eine kurze Dauer beschieden. Bereits im Folgejahr findet sich diese Filiale nicht mehr in den Unterlagen.
Die Filiale in Marienfelde an der Marienfelder Allee 39 bleibt indes noch bis 1985 bestehen. Dann fokussiert sich „Tabak Wächter“ ganz auf den Geschäftsbetrieb in Lichtenrade. Ab 1986/87 wird als Inhaber der Filiale in der Bahnhofsstraße 10 erstmals „Willy Wächter, Inhaber René Minow“ angegeben.
1988 erfolgt schließlich der Umzug des Geschäftes zur Bahnhofsstraße 56 an seinen letzten Standort. Auch der Name änderte sich: Zum 1. August 1988 erfolgte die Umbenennung in „Minow’s Tabak Depot“. Natürlich setzte man auch hier immer mal wieder neue Ideen und Anregungen um. So erfolgte 2011 die Einrichtung einer Raucherlounge im Keller des Geschäftes. Ein Rückzugs- und Entspannungsort für all diejenigen, die eine gute Zigarre und ein geschmacklich hierzu passendes Glas Whisky oder Rum zu schätzen wissen.
Mit der Zeit wurde auch Renés Sohn Jascha in den Betrieb eingearbeitet. Eine Entscheidung, die keineswegs zu früh kam. Denn im Jahr 2023 verstarb René Minow überraschend, sodass Jascha Minow nun den Geschäftsbetrieb übernehmen musste. Damit schien der Fortbestand des Geschäftes gesichert. Kurze Zeit nach meinem Besuch im Mai 2025 dann jedoch die überraschende Nachricht, dass das Geschäft mit Ablauf des Kalenderjahres geschlossen wird. Eine Entscheidung, die viele Fragezeichen hinterließ. Denn wer konnte da ahnen, dass Jascha Monow, offenbar bereits ernstlich krank, kurze Zeit später, am 16. Januar 2026 im Alter von nur 44 Jahren seinem Vater folgen würde.
Für die Lichtenrader Bahnhofstraße ist die Schließung von „Minow’s Tabak Depot“, egal, ob man nun Nichtraucher ist wie ich oder zu denjenigen zählt, die eine gute Zigarre zu schätzen wissen, ein weiterer herber Verlust. Denn es reduziert sich die Vielfalt der hier bislang bestehenden Traditionsgeschäfte erneut.
Es war mir daher wichtig, hier nun erstmals ausführlich und ohne die im Laufe der Zeit regelmäßig wiederholten Irrtümer die Geschichte von "Zigarren Wächter" bzw. "Minows Tabak Depot" darzustellen. Jascha Minow wäre erfreut gewesen.
| Der Blick aus dem Ladengeschäft heraus auf die im Umbau befindliche Bahnhofstraße. Originell der Türgriff der Ladentür in Form einer Pfeife. "Minow's Tabak Depot" war auch im Umkreis als "Lotto-Annahmestelle" bekannt. Viele betraten den Laden daher auch dann, wenn sie nicht zu den Liebhabern von Tabakprodukten gehörten.





















