Der Berliner Komponist Bernd Kistenmacher


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Bernd Kistenmacher

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1 | Vorgeschichte. Die "Berliner Schule"

Text: Lutz Röhrig Bild: Lutz Röhrig

Berlin war Ausgangspunkt vieler Entwicklungen, welche die Welt verändern sollten. Man denke etwa an Werner von Siemens, seinen neuen Elektromotor und der ersten Straßenbahn der Welt, welche zwischen Lichterfelde Ost und der damaligen Kadettenanstalt verkehrte. Oder an die drei in Wilmersdorf tätigen Erfinder des heute noch gebräuchlichen Lichttonverfahrens, die schließlich am 17. September 1922 den ersten Tonfilm der Welt im Kino Alhambra am Kurfürstendamm einem begeisterten Publikum vorführten. 


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Weniger bekannt ist, dass auch auf dem Gebiet einer anderen, dem Film durchaus nahestehenden Kunstrichtung, der Musik, Wilmersdorf zum Ausgangspunkt einer Entwicklung wurde, die fortan mit ihrem Synthesizer-Sound die Welt erobern sollte.

Bernd Radowicz (Begründer des Rock-Archivs), Lutz "Lüül" Graf-Ulbricht, Bernd Kistenmacher

| Bernd Kistenmacher während der feierlichen Enthüllung der Gedenktafel für das "Electronic Beat Studio" am 4. Dezember 2020. Von links: Bernd Martin Radowicz († 27.2.2021), Begründer des Rock-Archivs, Lutz "Lüül" Graf-Ulbricht, Bernd Kistenmacher 

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Die Gedenktafel für das "Electronic Beat Studio" in der Pfalzburger Straße kurz nach der Enthüllung.

| Die Gedenktafel für das "Electronic Beat Studio" in der Pfalzburger Straße am Tage der feierlichen Enthüllung.

Wer heute Namen von weltweit bekannten Bands und Musikern wie „Tangerine Dream“, „Klaus Schulze“ oder „Ashra Tempel“ hört, wird kaum erahnen, dass diese in einem kleinen Berliner Studio im Keller einer Berufsschule in der Pfalzburger Straße ihren Anfang genommen haben und hier jenen typischen Synthesizer – Sound entwickelten, der zum psychedelischen Klangteppich einer ganzen, von Anti-Vietnamkriegsdemonstrationen und Studentenprotesten bewegten Ära werden sollte.  

 

Der im Keller der heutigen Nelson-Mandela-Schule entstandene Sound des Electronic Beat Studios ging um die Welt und beeinflusst als „Berliner Schule“ selbst heute noch Filmmusikkomponisten wie Hans Zimmer (König der Löwen, Interstellar, Gladiator, Fluch der Karibik, Dune), der sich nicht nur hierzu bekennt sondern sich auch gern an der durch den Komponisten Bernd Kistenmacher initiierten Gedenktafel für das Electronic Beat Studio beteiligte.

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2 | Interview am Breitenbachplatz

Bernd Kistenmacher, Jahrgang 1960, gehört als Komponist der zweiten Generation der „Berliner Schule“ an. Sein Intention ist es, die Geschichte der Entwicklung der „Berliner Schule“ und deren Protagonisten, die er als einer der letzten noch persönlich kennt, für die Nachwelt festzuhalten. Sein aus dieser Intention heraus entstandenes Buch „Ferne Ziele“ ist fertiggestellt, jedoch wird noch ein Verleger gesucht.

 

Verabredet hatte ich mich mit Bernd Kistenmacher für das schon lange ins Auge gefasste Gespräch am Breitenbachplatz in einem Restaurant direkt gegenüber dem ehem. Kino Lida und dem hier bis vor einigen Jahren ansässigen Eisenwarenladen Weger, den auch er kannte. 

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Bernd Kistenmacher während unseres Interviews.

| Bernd Kistenmacher während unseres Interviews.


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3 | Kindheit und Jugend

Der Hollywood- Filmmusikkomponist Hans Zimmer.

| Grußbotschaft des von der "Berliner Schule" beeinflussten Hollywood-Filmmusikkomponisten Hans Zimmer aus Anlass der feierlichen Enthüllung der Gedenktafel für das Electronic Beat Studio. Im Hintergrund einer seiner Synthesizer.

Aufgewachsen ist Bernd Kistenmacher in der Wilmersdorfer Blissestraße. Seine erste Berührung mit elektronischer Musik hatte er bereits als Zehnjähriger – in einer Zeit, als Bands wie Pink Floyd, Tangerine Dream, Kraftwerk und vor allem Klaus Schulze angesagt waren und er sein Geld für LP’s noch mühsam bei den Eltern erbeten musste. Doch sollte die Musik dieser Gruppen zu einer Initialzündung für Bernd Kistenmacher werden, der diese Art von Musik später einmal unbedingt selbst machen wollte. Immerhin, sozusagen als ersten Schritt auf diesen Weg, erteilte Bernds Vater ihm Klavierunterricht, was aber für beide Seiten zu einem eher schwierigen Thema wurde…

 

Seinen ersten Synthesizer sollte sich Bernd Kistenmacher erst 1982 (einen analogen Korg Mono/Poly) nach dem Abschluss seiner Berufsausbildung als Tischler leisten können. Es bestand wohl die Ansicht, dass erst etwas „Handfestes“ als berufliche Basis erlernt werden sollte. Ein Studiengang war indes bereits geplant und wurde schließlich auch begonnen, doch sagten ihm die damals hier vermittelten Lerninhalte, die kaum seiner musikalischen Vorliebe, der elektronischen Musik entsprachen, nur bedingt zu.

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4 | Konzerte und Alben

Parallel zum Studium hatte er jedoch bereits mit seiner musikalischen Karriere begonnen, die schließlich zum Abbruch des eher ungeliebten Studiengangs führte. Doch der Erfolg sprach für sich. 1985 war er an der 1. Berliner Elektroniknacht im Stadthaus am Böcklerpark beteiligt und 1986 wurde er vom WDR in der auf elektronische Musik spezialisierten Sendereihe „Schwingungen“ zum „Besten Newcomer“ gewählt. 1988 spielte Kistenmacher beim „France Electronica“ Festival in Annecy und im August 1989 zusammen mit Klaus Schulze auf dem noch kurz vor dem Mauerfall stattfindenden „Electronic Live“ in Dresden vor über 7000 Zuschauern. Weitere Events folgten. Während dieser Zeit produzierte Bernd Kistenmacher in seinem Heimstudio mehr als 30 eigene Alben.

 

Doch nach der Wende wurde Kistenmacher zusehends bewusst, dass die Zeit der „Berliner Schule“ abgelaufen war und er zu den letzten Vertretern diese Musikrichtung gehörte. Aus der Berliner Schule hatte sich allmählich der “Techno-Sound“ entwickelt, der nun mit der Love-Parade (Anfangs noch am Kurfürstendamm) und in den Clubs Furore machte. 

Bernd Kistenmacher on Stage 1988 in Annecy mit seinem original ARP 2600 semimodular Synthesizer. Foto: Bernd Kistenmacher

| Bernd Kistenmacher on Stage 1988 in Annecy mit seinem original ARP 2600 semimodular Synthesizer. Foto: Bernd Kistenmacher

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Neuorientierung5

5 | Neuorientierung und Vergangenes

Bernd Kistenmacher im Gespräch mit Ulli Zelle für die Berliner Abendschau

| Bernd Kistenmacher im Gespräch mit Ulli Zelle (der übrigens selbst in einer eigenen Band spielt) für die Berliner Abendschau.

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Kistenmacher geriet in eine Sinnkrise, er arbeitete nun hauptberuflich in einem Büro und zog sich in seine Familie (er ist verheiratet und hat einen Sohn) zurück. Doch die Musik steckt weiter in ihm - 2009 riskiert und verliert er seinen Bürojob. Seine Musik entwickelte sich weiter hin zu einer symphonisch-elektronischen Richtung und trifft damit den aktuellen Zeitgeschmack. Denn der elektronische Anteil in der Musik ist heute größer als jemals zuvor. Kistenmacher besitzt, neben seiner Website, ein eigenes Label (MiRecords) und bietet hier seine Musik als CD oder zum Download an. Auf den eigenen YouTube-Kanal „Freak-Out-Your-Synth“ stellt er neu auf den Markt kommende Synthesizer vor.

 

Doch sein wichtigstes Anliegen über die Musik hinaus bleibt die Darstellung des Werdegangs der „Berliner Schule“. Denn niemand wähnt heute mehr ausgerechnet in Berlin jenem Ort, in dem in einem kleinen Kellerstudio Schülerbands probten und dabei zugleich experimentell einen völlig neuen Sound kreierten, der die Welt der Musik für immer veränderte. Ohne das „Electronic Beat Studio“ in der Pfalzburger Straße sähe selbst die Filmmusik eines Hans Zimmer heute völlig anders aus. Kistenmachers Aufgabe ist es, die Geschichte dieser Musikbewegung zu dokumentieren. Die Initiierung der Gedenktafel in der Pfalzburger Straße war hierzu ein erster Schritt. Die Erscheinung seines Buches wird der nächste sein – Verlag dringend gesucht… 


360° Video von Bernd Kistenmachers Konzert im Hamburger Planetarium, 2016

| 360° Video von Bernd Kistenmachers Konzert im Hamburger Planetarium, 2016. Beachten Sie: Ein Klick auf das Bild leitet Sie direkt weiter auf die Plattform YouTube. Dort kann es zur automatisierten Erhebung von Daten durch YouTube kommen. 

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Album "Romantic Times" von Bernd Kistenmacher, 1999

| Album "Romantic Times" von Bernd Kistenmacher, 1999. Beachten Sie: Ein Klick auf das Bild leitet Sie direkt weiter auf die Plattform YouTube. Dort kann es zur automatisierten Erhebung von Daten durch YouTube kommen.