Batterien aus Neukölln 2


Die Firma Koch & Krüger

Standortkarte Weinspedition Albert Mann
Karte Neukölln

Batterien
aus
Neukölln

Die Firma
Koch & Krüger

Zweiter Teil. Inhalt und Kapitelübersicht
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Nummer8

| Berliner Adressbuch, Koch & Krüger, Naumburger Straße 42-43.

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8 | Aufstieg zur "Nummer drei"

1928 erfolgte die Verlegung des stetig wachsenden Geschäftsbetriebs von Koch & Krüger in die Naumburger Straße 42-43 in Berlin-Neukölln. Hier standen erheblich größere Räumlichkeiten als in der Wissmannstraße zur Verfügung. 

 

Mit der Zeit jedoch begann sich - trotz des wirtschaftlichen Erfolgs - das Verhältnis zwischen den beiden Geschäftspartnern langsam abzukühlen. Zu groß waren die Gegensätze zwischen dem sparsam wirtschaftenden Kaufmann Bruno Krüger und dem eher großzügigen Walter Koch. Mitte der 1930er Jahre beschloss man, sich zu trennen. Walter Koch ging nach England und übernahm die dortige Firma. Bruno hingegen wurde alleiniger Gesellschafter in Deutschland.

 

1938 erwarb die Fa. Krüger & Koch – der Firmenname blieb trotz der Trennung der beiden Gesellschafter unverändert – mit der „Hugo Falk GmbH“ im Thüringischen Tabarz die größte, kurz vor einer Pleite stehende Firma. Das Unternehmen, welches die Fabrikation von Taschenlampen- und Anoden-Batterien im großen Stil betrieb, gehörte etwa dreißig verschiedenen Eigentümern, die untereinander zerstritten waren.

 


Bruno Krüger entsandte nach dem Kauf des an sich gesunden, rund 80 Mitarbeiter beschäftigenden Unternehmens zwei bewährte Mitarbeiter, einen Techniker und einen Kaufmann, nach Tabarz, die nun den Fabrikbetrieb leiteten. Er selbst fuhr einmal im Monat mit dem Auto zur Koordination nach Thüringen.

 

Mit dem Erwerb der „Hugo Falk GmbH“ hatten sich Koch & Krüger nach "Daimon" und "Varta-Pertrix" zu Deutschlands drittgrößtem Hersteller für Trockenbatterien entwickelt.

 

Die Geschäftsgewinne waren offensichtlich bedeutend, so Siegfried Krüger: „Ich erinnere mich gut, wie Bruno manchmal abends strahlend und sich die Hände reibend berichtete, wieviel Steuern er bezahlt habe. Auf den Einwand, es sei doch schade, soviel Steuern zu zahlen, meinte er: Wieso? Je mehr Steuern ich zahle, desto mehr habe ich ja auch verdient.“

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| Das Vorderhaus Naumburger Straße 42-43. Zwischen den beiden Gebäuden befindet sich eine Einfahrt, über die noch das verwitterte Firmenschild des Heizungs- und Sanitärunternehmens "Arne Stüber & Co." hängt. 


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| Aufnahme aus den 1930er Jahren der Glasower Villa in der Blücherstraße 7-9 (heute Ernst-Thälmann-Straße 9) der Familie Krüger. 

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9 | Die Villa in Glasow

Nicht nur für die prosperierende Firma mussten gegen Ende der 1920er Jahre neue Räume gefunden werden. Auch Brunos Familie war inzwischen recht groß geworden, zumal neben den Kindern zum Haushalt auch Martha und ihre Tochter Lilly gehörten. 1932 konnte, so die Familienunterlagen, in der südlich von Lichtenrade gelegenen Gemeinde Glasow (heute ein Ortsteil von Blankenfelde-Mahlow) eine gerade fertiggestellte Villa samt 2400 Quadratmeter großem Grundstück in der damaligen Blücherstraße 7–9 (heute Ernst-Thälmann-Straße 9) erworben werden. Doch es gibt, so zeigt ein Blick in die offiziellen Unterlagen des Gemeindearchivs, eine Abweichung gegenüber der Familienchronik...

 

In der Tat war das Gebäude erst wenige Jahre zuvor errichtet worden. Im Archiv findet sich ein Bauantrag für den 11. Januar 1930 des Mahlower Baugeschäfts Heinrich Stöhr. Als Bauherr wird der Stadtbauinspektor i. R. (im Ruhestand) Wilhelm Kuhle und seine Ehefrau Helene, geb. Greulich, benannt. Die Rohbauabnahme erfolgte am 20. Mai 1930, die Gebrauchsabnahme und Nutzungsaufnahme am 2. September 1930.  


Die noch im Stil der 1920er Jahre errichtete Villa wäre demnach 2 Jahre nach Fertigstellung durch Bruno Krüger übernommen worden. Den Gemeindeunterlagen hingegen soll jedoch Bruno Krügers Ehefrau Lucie wegen einer ausstehenden Forderung von 960 RM nebst rückständigen Zinsen und Kosten gegen die Eigentümer Wilhelm und Helene Kuhle am 4. Januar 1937 einen Antrag auf Zwangsversteigerung beim zuständigen Amtsgericht Berlin Tempelhof eingereicht haben. Am 19. Januar 1937 wird dem stattgegeben.

 

Bei der Zwangsversteigerung ist Lucie mit 7000 RM die Höchstbietende und damit neue Eigentümerin. Anzunehmen ist daher, dass die Familie Krüger zunächst die Villa gemietet hat, ehe sie diese aufgrund der offenen Forderungen per Zwangsversteigerung erwerben konnte. Woraus die Forderung resultierte, ist leider nicht überliefert.   

 

Noch 1932, dem Jahr des Einzugs der Familien in die Villa, erhielt der ohnehin schon große Familienverband mit Bruno und Lucies am 3. Dezember 1933  geborenen Sohn Siegfried weiteren Zuwachs. 

| Das damals selbstständige Glasow ist heute ein Ortsteil der Gemeinde Blankenfelde-Mahlow. Die ehemalige Villa der Familie Krüger hat Krieg und Teilung überstanden - und das in fast originären Zustand wie ein Vergleich mit dem historischen Foto zeigt.

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| Der ehem. Buick des 1933 abgelösten US-amerikanischen Botschafters Frederic M. Sackett. Vor dem Wagen stehen stolz Bruno und Lucie Krüger.

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Die Führung des Haushalts lag vorwiegend in den Händen der resoluten, in allen Belangen erfahrenen Martha, während sich Lucie neben den Kindern mehr ihren verschiedenen Hobbys widmete, die da waren: Gesangsunterricht, Klavierunterricht und Unterricht in Englisch und Französisch. Sie machte damals auch den Führerschein, was für eine Frau eine Seltenheit war. Das Verhältnis zwischen Martha, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand und Lucie, die mehr dem Luftelement zugewandt war, gestaltete sich daher nicht immer sehr harmonisch. Bruno Krüger war dann oft das ausgleichende Element.

 

Bruno indes konnte 1933 den Dienstwagen des US-Botschafters (Frederic M. Sackett wurde in dem Jahr durch William Edward Dodd abgelöst) kaufen, als dieser versetzt werden sollte. Seinen Wagen, einen Buick, hatte er aus den USA mitgebracht. 

 

"Obwohl wir", so Siegfried Krüger in seinen Erinnerungen, "in einer Villengegend wohnten, war auch dort der Besitz eines Autos noch die Ausnahme, ganz zu schweigen von einem so mächtigen amerikanischen Schlitten. Als Bruno einmal mit offenen Fenstern und Radiomusik an unserem Bäcker vorbeifuhr, hörte er die Leute sagen: „Sogar ein Radio hat er im Auto!“ Bei Kriegsbeginn musste er den Wagen an das Militär abliefern."


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10 | Der Zweite Weltkrieg in Glasow

„Während des Krieges und den unzähligen Bombardierungen Berlins“, so erinnert sich Siegfried Krüger, „waren zwar Mahlow und Glasow nie das Ziel eines Angriffs, aber es kam doch recht häufig vor, dass angeschossene oder verirrte Flieger ihre „Geschenke“ auch bei uns abluden, so dass wir viele Nächte im Keller verbrachten. Um wenigstens einen Teil der Familie besser zu schützen, zog Luchen in diesen Jahren mit mir oft für einige Wochen weg von Berlin aufs Land. Dort besuchte ich dann jeweils die örtliche Schule. 1953, am Ende meiner Schulzeit, zählte ich die verschiedenen Schulen, die ich in dreizehn Jahren besucht hatte, und kam auf vierzehn verschiedene!“

 

„Bei den vielen Zufallstreffern von Bomben in Mahlow“, so Siegfried Krüger weiter, „hatte unser Haus zwar nie einen Treffer, aber es gab doch etliche Einschläge in der Nähe. So weiß ich, dass die Fenster oft vom Luftdruck zerbarsten oder ein Teil der Dachziegel davonflog.

 

Um für den Fall eines Treffers nicht die ganze Familie in Gefahr zu bringen, hatte mein Vater einen mannstiefen Graben im Garten gebuddelt, mit Brettern und Erde abgedeckt und in diesen Graben gingen die Eltern und ich meistens während der Stunden der Angriffe. Ich fand das so spannend, dass ich mir als Elfjähriger schließlich in einer anderen Ecke des Gartens einen „Bunker“ für mich allein baute.“

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"1944 wurde Hannes Krüger als ältester Sohn der Familie, obwohl er noch nicht einmal siebzehn war, freiwillig als Helfer zur Fliegerabwehr bei Berlin eingezogen. Er war Richtschütze an einer Kanone und erlebte dort auch den Tod von Klassenkameraden."

 

Über die letzten Tage des Krieges in Mahlow berichtet Siegfried Krüger: „Bei den Endkämpfen um Berlin hatte Mahlow das Glück, nicht verteidigt zu werden und so erlebten wir nur den Durchzug der russischen Truppen auf dem Weg nach Berlin. Wir hatten 1942 nach der Besetzung der Ukraine durch die Deutschen ein achtzehnjähriges ukrainisches Mädchen, Lisa, als Hilfe bekommen. Sie sprach recht gut Deutsch und fühlte sich bei uns wohl. Als nach dem Durchzug der Kampftruppen die russischen Besatzungstruppen zu uns kamen und die Durchsuchung der Häuser nach Uhren, Wertsachen, Schnaps und - nicht zu vergessen jungen Frauen - begann, konnte uns Lisa fast immer vor dem Ärgsten bewahren. Einige Wochen später mussten jedoch alle diese Helferinnen zurück nach Russland und wir haben nie wieder etwas von ihr gehört. Später erfuhren wir, dass diese Menschen direkt nach Sibirien gebracht wurden, damit sie daheim in ihren Familien nicht über ihre positiven Erfahrungen und die Lebensverhältnisse bei uns berichten konnten.“

 

„Eines Tages erschien dann bei uns ein deutschsprechender russischer Offizier, der uns mitteilte, dass wir in einer Stunde das Haus verlassen müssten; sie bräuchten es für zwei Wochen als Seuchenlazarett. Wir sollten nur mitnehmen, was wir für diese kurze Zeit benötigen und könnten alles ruhig in den Schränken lassen. Wir kamen bei drei verschiedenen Familien in der Nähe unter und durften tatsächlich nach der angegebenen Zeit wieder in unser Haus, doch wie sah es da aus! Alle Schränke waren ausgeräumt und Kleider, Wäsche und Geschirr lagen wahllos auf dem Fußboden…“

 

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Doch es gab auch in jener schwierigen Zeit erfreuliche Momente, so Siegfried Krüger: „Gegenüber von unserem Haus hatten die Russen in einer anderen beschlagnahmten Villa für ihre Soldaten eine Küche eingerichtet. Wir hungernden Kinder saßen oft vor diesem Haus auf der Straße und warteten darauf, dass sie uns die Reste herausgaben."

 

"Einmal kam ein Offizier auf mich zu und fragte: „Du Hunger?“ Auf mein Kopfnicken hin nahm er mich an die Hand und ging einige hundert Meter mit mir zur Fleischerei, wo wohl gerade eine der seltenen Lieferungen eingetroffen war. Jedenfalls stand eine lange Schlange wartender Kunden davor. Er ging schnurstracks mit mir an der Schlange vorbei in den Laden, zeigte auf ein großes Stück Schinken, ließ es in Zeitungspapier einpacken und schickte mich damit nach Hause, natürlich ohne zu bezahlen. Kein Mensch wagte damals, den Russen gegenüber zu protestieren.“

 

Über die endgültige Beschlagnahmung der Villa berichtet Siegfried Krüger: „…bald nach der ersten Beschlagnahmung der Villa erschien wieder ein Offizier und teilte uns mit, dass unser Haus wegen seines gut ausgebauten Kellers als Gefängnis für „Nazis“ ausgewählt worden war und wir es zu räumen hätten."

 

"Diesmal etwas klüger geworden, nahmen wir so viel wie möglich mit und verteilten uns wieder bei den drei verschiedenen Bekannten. Damals wussten wir noch nicht, dass wir nie wieder in unser Haus zurückkehren würden…“


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11 | Die Nachkriegsjahre

Die Produktion von Koch & Krüger lief während des Krieges auf Hochtouren. Die Fabrik in Tabarz erhielt als Ersatz für die an die Front geschickten Arbeiter dreißig gefangene Franzosen. Diesen wurden in einem Gebäude ein Schlafsaal sowie eine Küche, in der die Franzosen auch selbstständig kochen durften, zugeteilt. „Das Verhältnis zu den deutschen Mitarbeitern und der Betriebsleitung war offensichtlich sehr gut“, so Siegfried Krüger, “denn nach dem Krieg hatte ich Einsicht in einen Dankesbrief, den einer der Franzosen geschickt hatte.“

 

Trotz der ab 1942 verstärkt einsetzenden Luftangriffe kam es weder in Berlin noch in Tabarz zu irgendwelchen Schäden an den Gebäuden. Erst 1945, am letzten Kampftag in Berlin, traf eine Granate das Gebäude in der Naumburger Straße 42 in Neukölln, wodurch die beiden oberen Etagen völlig ausbrannten und nur das Kellergeschoß unbeschädigt blieb.

 

Nach dem Ende des Krieges wurde das erhalten gebliebene Kellergeschoss notdürftig instandgesetzt und wieder mit einer kleinen Produktion begonnen. Der Bedarf an Batterien war weiterhin groß, doch wegen des Rohstoffmangels war es kaum möglich, die Nachfrage auch nur annähernd zu erfüllen. Nach dem Ende der Instandsetzungsarbeiten beschlossen Bruno Krüger und seine Frau Lucie nach Tabarz zu ziehen und dort die Leitung des Werkes selbst zu übernehmen. 

Bis in die 1980er Jahre hinein bot sich am S- Bahnhof Yorckstraße (links) dieses Bild. Auf dem Anschlussgleis des Lagerschuppens der Wein- und Spirituosenspedition Albert Mann stehen mit Weinfässern beladene Güterwagen.
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Die Familie hatte das Glück, durch die Kriegsereignisse keine Verluste in Ihren Reihen beklagen zu müssen. Nur von Hannes fehlte nach 1945 jede Spur. Durch verschiedene Verbindungen konnte er jedoch in Schleswig-Holstein, wo er mit einigen Kameraden einem englischen Gefangenentransport entkommen war und bei einem Bauern Zuflucht gefunden hatte, aufgespürt werden.  Unter abenteuerlichen Umständen gelang es Lucie zusammen mit Ihrem Sohn Siegfried, von Tabarz, das mittlerweile in der sowjetische Zone lag, in die britische Zone zu gelangen (was verboten war) und Hannes dort abzuholen. Hannes fuhr bald darauf von Tabarz nach Berlin, um dort sein Jurastudium zu beginnen.

 

Die Familie Krüger lebte, wie sich Sohn Siegfried erinnerte, zunächst weitgehend unbehelligt in Tabarz. „Wir wohnten die ersten ein oder zwei Jahre in Tabarz in einer 10m² großen Mansardenstube, bis eine kleine Dreizimmerwohnung für uns frei wurde. Dort lebten wir recht beschaulich und konnten dank eines kleinen Gartens und dem Tauschhandel – ich hatte eine Ziege gekauft und betreute sie - gut über die schwierigen Hungerjahre hinwegkommen. Dies auch Dank regelmäßiger Lebensmittelpakete von zwei Juden aus Südamerika, die in den dreißiger Jahren als Vertreter bei Koch&Krüger gearbeitet hatten. Bei Beginn der Repressalien gegen die Juden hatte Bruno ihnen zur Flucht geraten und sie dabei finanziell unterstützt. An einen Mitarbeiter namens Kohn erinnere ich mich noch besonders, da er stets viele wunderschöne Briefmarken schickte und damit den Anfang meiner Briefmarkensammlung legte.“


Doch dies sollte sich, so Siegfried Krüger weiter, bald ändern: „Weihnachten 1950 feierten wir zusammen mit der Familie in Berlin. Da ich Anfang Januar 1951 wieder zurück in die Schule musste, die Eltern aber noch einige Tage in Berlin zu tun hatten, fuhr ich mit der Oma nach Tabarz. Als ich an einem der nächsten Tage von der Schule nach Hause kam, berichteten mir die Angestellten, dass die Stasi (Staatssicherheitspolizei) da gewesen sei, um Bruno zu verhaften. Ich sauste zur Post und gab ein Blitztelegramm mit folgendem Inhalt auf: „Vati, keinesfalls kommen, melde mich morgen“. Mit wichtigen Gegenständen und Kleidung wie Brunos Pelzmantel nahm ich den Nachtzug nach Berlin, um meinen Eltern zu berichten. Dann fuhr ich am Tage wieder nach Tabarz, ging – um nicht aufzufallen - einen Tag zur Schule, um am Abend vollbepackt wieder mit dem Nachtzug nach Berlin zu fahren."

 

"Nachdem ich das dreimal gemacht hatte, erwartete mich in Gotha die Polizei und sperrte mich einige Stunden ein. Dann wurde ich verhört. Man wollte wissen, wo mein Vater sei und warum ich nach Westberlin fahre. Ich stellte mich harmlos, bis mir die Stasi schließlich sagte, ich solle hier verschwinden, unsere Wohnung sei sowieso versiegelt. Also fuhr ich schnell nach Tabarz, fand dort meine Oma vor der versiegelten Wohnung und wir fuhren beide zurück nach Westberlin. Bruno hatte mit dieser Entwicklung gerechnet, da die 1948 gegründete DDR damit begonnen hatte, die sogenannten „Kapitalisten“ auf irgendeine Weise loszuwerden und zu enteignen.“

Bis in die 1980er Jahre hinein bot sich am S- Bahnhof Yorckstraße (links) dieses Bild. Auf dem Anschlussgleis des Lagerschuppens der Wein- und Spirituosenspedition Albert Mann stehen mit Weinfässern beladene Güterwagen.
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West-Berlin12

Bis in die 1980er Jahre hinein bot sich am S- Bahnhof Yorckstraße (links) dieses Bild. Auf dem Anschlussgleis des Lagerschuppens der Wein- und Spirituosenspedition Albert Mann stehen mit Weinfässern beladene Güterwagen.
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12 | Die letzten Jahre in West-Berlin

1951 und 1952 ging Siegfried Krüger nach der Flucht und Vertreibung aus der DDR in Berlin zur Schule, um im März 1953 das Abitur zu machen. An den freien Nachmittagen fuhr er mit dem Auto durch Berlin, um Elektrohändler davon zu überzeugen, doch in Zukunft ihre Batterien bei Koch & Krüger zu kaufen, denn inzwischen war auch die Konkurrenz wieder aktiv.

 

Doch der Markt für Batterien war in jener Zeit umkämpft. Das kleine, zudem auch noch auf ein Kellergeschoss reduzierte Werk in Neukölln als letzter Betriebsteil von Koch & Krüger konnte die Familie gerade so mit einem Einkommen versorgen. Zu diesem Zeitpunkt waren Waschsalons gerade groß im Kommen. Hier bestand der große Vorteil darin, dass die eigene Wäsche getrennt von denen anderer Kunden gewaschen wurde. Eine eigene moderne Waschmaschine, wie sie zu Beginn der 1950er Jahre auch für Privatkunden angeboten wurden, konnten sich jedoch die meisten Haushalte aus Kostengründen oder Platzmangel nicht leisten. 


Als jemand aus der Familie Krüger zufällig bei einer Fahrt durch Berlin in Schöneberg so einen Waschsalon mit fünf Maschinen zum Verkauf sah, beschloss Marthas Tochter Lilly, die zu der Zeit arbeitslos war, diesen Waschsalon zu kaufen. Den für den Betrieb eines derartigen Salons notwendigen Gewerbeschein als Nachweis entsprechender Sachkenntnis, konnte Siegfried Krüger erwerben, da er 1953 damit begonnen hatte, Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Fragen zur Buchhaltung waren für ihn somit kein Problem.   

 

Ab 1956 kam die Batterieproduktion jedoch dank des zunehmenden Bedarfs an Batterien für Transistorradios, Fotoapparate und Blitzlichtgeräte wieder in Schwung. Der Zweischichtbetrieb musste eingeführt werden und mit „Photo Porst“ konnte ein wichtiger Kunde gewonnen werden. So konnte der Waschsalon wieder aufgegeben werden, da Lilly nun wieder im Betrieb mitarbeitete. 

 

Gerade in dieser Zeit erlitt Bruno Krüger eine gefährliche Netzhautablösung mit komplizierter Operation (man konnte damals noch nicht lasern) und fiel mehrere Monate in der Unternehmensführung aus. So musste sein Sohn Siegfried das Studium an der Technischen Universität auf Sparflamme legen, um nun an der Stelle seines Vaters den Betrieb zu führen.

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1958 erfuhr Siegfried von einem Lieferanten für Rohstoffe und Spezialmaschinen, dass er eine komplette Einrichtung einer Batteriefabrik nach Marokko verkauft habe und sein Kunde jetzt noch einen Spezialisten suche, der die Einrichtung und Anlernung in Casablanca übernehmen könne. Monatslohn 1200 $, was damals fast 5000,- DM entsprach. Der Monatslohn eines Arbeiters in Deutschland lag zu dieser Zeit bei knapp 500,-DM. Da Vater Bruno inzwischen wieder arbeiten konnte, nahm Siegfried Krüger das Angebot an. Erneut unterbrach er sein Studium und flog im Oktober 1958 nach Marokko. Erfolgreich kehrte er im Mai 1959 nach Berlin zurück.

 

Doch immer dringlicher wurde nun die Frage, wie es mit dem Betrieb weitergehen solle. „Photo Porst“ war als Großkunde inzwischen weggefallen und der einstige Firmengründer Bruno Krüger hatte nun ein Alter von 68 Jahre erreicht. Darüber hinaus wäre es dringlich erforderlich gewesen, das Firmengebäude sowie die Produktionsabläufe im Unternehmen zu modernisieren. Weder Siegfried Krüger noch dessen Bruder Hannes – welcher inzwischen nach seiner Promotion eine erfolgversprechende Stellung in einer Großbank übernommen hatte - waren bereit, die Risken und den Stress eines solchen Schrittes zu tragen. Aus diesem Grund wurde beschlossen, das Unternehmen Krüger & Koch bis Ende 1960 zu liquidieren.   


Gegen Ende 1960 nahm Siegfried Krüger nun Kontakt zu Varta auf, um dieser Firma einige Maschinen zu verkaufen. Siegfried Krüger: „Varta schickte zwei Direktoren aus Ellwangen zu uns. Zu unserer großen Freude wurden wir für zahlreiche Maschinen schnell handelseinig. Zum Schluss fragten sie mich noch: „Und was werden Sie jetzt tun?“ Da wir Studenten in der Endphase des Studiums laufend von Vertretern großer Firmen zu einem Eintritt in deren Firma beworben wurden (Diplomingenieure waren Mangelware), antwortete ich wahrheitsgemäß, dass ich in eine Firma der Elektroindustrie eintreten werde."

 

"Daraufhin, so Siegfried Krüger, "schlugen sie mir zu meiner großen Freude vor, zu ihnen zu kommen. Nach einigen Verhandlungen sagte ich zu und habe es nie bereut, zumal ich dort nach einer kurzen Einarbeitungszeit wie vorher bei Koch & Krüger selbstverantwortlich tätig sein konnte, allerdings ohne den Stress der finanziellen Verantwortung. Die gut geplante Auflösung von K&K ließ meinen Eltern ein bescheidenes Vermögen zu ihrer Alterssicherung übrig, von dem wir Kinder nach Lucies Tod 1988 sogar noch ein wenig erben durften.“

| Die Familien Krüger und Schröter. Von links nach rechts: Edith, Hannes, Siegfried, Lilly und Martha (beide sitzend), Lothar, Lucie und Bruno.

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Nachwort13

13 | Nachwort und Schluss

Mit der Auflösung der Firma Koch & Krüger sowie der Übernahme von Siegfried Krüger als leitenden Mitarbeiter durch Varta endet im Grunde die Geschichte des einstmals drittgrößten Herstellers von Trockenbatterien in Deutschland. Anzumerken bliebe noch, das das ehemalige Werk im thüringischen Tabarz nach der Enteignung durch die DDR bis zur Wende weiterbetrieben wurde. Danach standen die Gebäude leer und verfielen zusehends. Inzwischen wurde das Fabrikareal beräumt um hier Wohnungen zu errichten. 

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In dem notdürftig instandgesetzten Gebäude im Berliner Bezirk Neukölln sind seither andere Unternehmen ansässig geworden.  Das vor den Fenstern der Gebäuderückseite verlaufende Bahngleis der ehem. Neuköllner Industriebahn, das einst auch die Naumburger Straße querte, ist seit 2025 wie die gesamte Industriebahn stillgelegt. Zuletzt wurden hier noch die Großrösterei von JDE (mit Marken wie Jacobs Kaffee) mit Rohkaffee beliefert. 

 

Und Siegfried Krüger? Nun, nach seiner Übernahme in das Varta Hauptwerk in Ellwangen versetzte man ihn nach zwei Jahren als Werksleiter der Varta ins französische Elsaß, wo er bis zu seiner Pensionierung tätig war. Im Elsaß wohnt Siegfried Krüger bis heute.