Cocktailbars
Netzwerk
Bar.Kultur.Geschichte.
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1 | Einleitung. Cocktails und mehr im hohen Norden
Bild und Text: Lutz Röhrig
Ein sich konstituierendes Netzwerk ist stets eine spannende Angelegenheit, wird doch der Blick auf bislang nur wenig bekannte Themen und neue Forschungsaufgaben gelenkt. Man denke nur an das KulturerbeNetz.Berlin und dessen "Roter Liste", die der Inventarisierung von erhaltungswürdigen, jedoch noch nicht unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden dient. Einem Netzwerk, dem „Zeit für Berlin“ seit der Gründung angehört.
Das Netzwerk „Bar.Kultur.Geschichte“, an dessen "1. Forum für Barkultur" ich als Autor und Betreiber der Plattform "Zeit für Berlin" teilnehmen durfte, hat es sich hingegen zur Aufgabe gemacht, die Historie einst legendärer, heute meist vergessener Bars wiederzuentdecken und dabei auch die modernen Bar-Neuschöpfungen zu berücksichtigen und diese durch seine Expertise zu fördern.
Eine Vielzahl spannender thematischer Ansätze also, die mich im Berliner Landesarchiv am Eichborndamm während des „1. Forum für Barkultur“ des Netzwerkes „Bar.Kultur.Geschichte.“ erwarteten.
| Das "Kakadu" (siehe auch das Titelbild) in der Joachimsthaler Straße 10, Ecke Kurfürstendamm war wohl eine der bekanntesten Berliner Bars. Die nicht an ein Hotel gebundene Bar rühmte sich, den "längsten Bartresen der Stadt" - er besaß 40 Sitzplätze - zu haben. Die Bar war ein gern besuchter Ort der Geschäfts- wie auch der Halbwelt. Entsprechend standen den Gästen nicht nur edle Mixgetränke, sondern auch andere "Dienstleistungen" zur Verfügung. 1927 - 28 erfolgte ein Umbau der Bar durch die Architekten Oskar Kaufmann und Richard Wolffenstein (u. a. Admiralspalast, Theater am Kurfürstendamm), die künstlerische Ausgestaltung erfolgte durch den Maler Max Ackermann. Angeblich soll in der Bar auch Heinrich Mann seine Frau Nelly kennengelernt haben. Postkarte Sammlung Röhrig, nach dem Umbau von 1927/28 durch Oskar Kaufmann .
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2 | Cocktail-Bars. Eine vergessene Geschichte
Wer an das kultivierte Nachtleben im Berlin insbesondere der 1920er Jahre denkt, denkt unwillkürlich auch an all die vielen, teils legendären Bars der Stadt, wo ein illustres Publikum oft in Abendgarderobe an der Theke sitzend, sich vom Bartender bzw. Bartenderin mit den raffiniertesten, vor den Augen der Gäste gemixten Cocktailkreationen verwöhnen ließ.
Es verwundert daher sehr, dass trotz des Renommees und der Bekanntheit vieler damaliger Bars deren Historie bislang kaum näher betrachtet worden ist. Wenig findet sich zu berühmten Bars wie der des Hotels „Eden“, des Hotels „Esplanade“ oder jener des „Adlon“, der Luxusherberge der Stadt schlechthin. Auch die Geschichte von einst weithin bekannten Bars, die außerhalb der Luxushotels auf Ihr Publikum warteten, wie dem „Kakadu“, der „Rio-Rita-Bar“ oder dem „Tanzcafé Roesch“, sind heute trotz ihrer damaligen Bedeutung eher unbekannt und vergessen.
Es ist der Initiative des Historikers Michael C. Bienert zu verdanken, diesem Missstand abzuhelfen – insbesondere auch vor dem Hintergrund, das sich inzwischen wieder eine größere Anzahl an hervorragenden Cocktailbars in der Stadt etabliert haben. Es lag also nahe, die historische Aufarbeitung des Themas mit einer gegenwartsbezogenen Komponente zu verbinden. Denn viele Cocktailbars – keineswegs nur in Berlin – leisten oft in mühevoller Kleinarbeit Großartiges, den Begriff „Barkultur“ durch die Wiederentdeckung historischer Drinks, einem gepflegten Ambiente und einer Rückbesinnung auf das, was die Bars früherer Tage eins ausmachte, wieder erlebbar zu machen.
Das Buch „Cocktails in Berlin“ von Michael C. Bienert verkörpert diese Kombination historischer Fakten mit aktuellem Gegenwartsbezug in besonderer Weise. So finden sich nicht nur Hinweise auf die großen Berliner Cocktailbars der Vergangenheit, sondern auch einiger heutiger Bars, die unbedingt einen Besuch wert sind – Rezepte zum Selbermachen von Cocktails inklusive.
| Die Vortragenden des 1. Forums für Barkultur, aufgenommen in den Räumen des Landesarchivs. Von links nach rechts: Armin Zimmermann (Blog Bar-Vademecum), Andreas Berg (MirabeauBar, Freiburg), Stephan Wuthe (Autor, Herausgeber und Experte in Sachen Swing), Dr. Maren-Sophie Fünderich (Historikerin, spezialisiert auf historischem Interieur), Jenny Berg (Bartenderin der Mirabeau-Bar) und Dr. Michael C. Bienert (Historiker und Geschäftsführer der Stiftung Ernst-Reuter-Archiv. Autor des Buches "Cocktails in Berlin").
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3 | Netzwerk Bar. Kultur. Geschichte.
Die Gründung des Netzwerkes „Bar.Kultur.Geschichte“, das auf Initiative von Dr. Michael C. Bienert, Andreas und Jenny Berg (MIRABEAU Bar, Freiburg) und Armin Zimmermann (Bar-Vademecum, Hannover) entstand, soll den Gedanken eines ganzheitlichen Ansatzes transportieren. Denn nur im gegenseitigen Austausch von Historikern, Bareigentümern, Kulturschaffenden, Barbesuchern sowie Journalisten kann das Thema in allen Aspekten erfasst und weiterentwickelt werden.
Das „1. Forum für Barkultur“, veranstaltet im Landesarchiv Berlin, soll dem gemeinsamen Austausch und der Spezifikation der geplanten Inhalte und Ziele dienen. Da „Zeit für Berlin“ sich von jeher mit der Dokumentation bestehender oder längst vergangener Einrichtung beschäftigt hat, beteilige ich mich gern an dem Projekt.
Neben der Erforschung der Geschichte der vielen, einst namhaften Cocktailbars bildet deren Einrichtung, die oft von teils bekannten Architekten stammt, einen weiteren Schwerpunkt. Zu diesem Schwerpunkt gehören auch die Sichtbarmachung der die Entwürfe der Architekten ausführenden Tischlereien und Möbelfirmen, über die bislang nur wenig bekannt ist. Es wäre spannend zu erfahren, inwieweit auch Berliner Möbelfirmen – etwa J. C. Pfaff – hieran beteiligt waren.
Viele Bars waren zugleich auch – typisch für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg– Aufführungsort renommierter Orchester und Solisten. Allen voran die luxuriösen Tanzpaläste wie dem „Femina“ oder dem "Moka Efti“, die meist Spielstätte großer Orchester waren - aber auch intimerer Bars, die mehr auf Solisten oder Jazzmusik setzten. Ein Geschäft, das auf Gegenseitigkeit beruhte.
| Auch manch bekanntes Gesicht hatte den Weg nach Dalldorf, pardon Wittenau, ins Landesarchiv auf sich genommen. So auch Frau Sigrid Nikutta. Neben ihrer Tätigkeit als Managerin vor allem im Bahnbereich ist sie auch seit dem 11. Mai 2023 Vorsitzende im Vorstand des Kuratoriums der Stiftung Ernst Reuter Archiv.
Denn während viele Orchester und Einzelkünstler durch ihre häufigen Auftritte in renommierten Tanzpalästen und Bars bald weit über die Grenzen Berlins bekannt wurden, profitierte die Schallplattenindustrie hiervon durch die Verwendung entsprechender Aufdrucke auf ihren Platten und Covern, die nicht nur den Namen des Künstlers oder des Orchesters angaben, sondern auch den der oft weithin beliebten Bar, was die Bekanntheit der Spielstätten weiter erhöhte. Viele offene Fragen gibt es auch zu den Biografien der Bartender der Vergangenheit, über die – mit wenigen Ausnahmen - kaum etwas bekannt ist.
In die Gegenwart weist die Aufgabe der Nachschöpfung von historischen Cocktails anhand von historischen Unterlagen, um so auf ganz spezielle Weise das Bargefühl vergangener Tage lebendig werden zu lassen. Wie schmeckte der „Adlon–Spezial“? Was bedeuten die historischen Cocktails für die Qualität der Cocktails und das Geschmackserlebnis unserer Tage?
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4 | Ausblick. Pläne für die Zukunft
Das Netzwerk Bar.Kultur.Geschichte. strebt die Schaffung eines Museums oder einer Dauerausstellung an, die unter Verwendung von Nachlässen und Sammlungen verschiedene Aspekte der Barkultur darstellt. Ein derartiges Museum gibt es bislang in Deutschland nicht.
Hiermit in Zusammenhang steht die Anerkennung der Bar als immaterielles Kulturerbe - einem besonderen, verschiedene Elemente wie Musik, Design, Architektur, Malerei und Literatur verbindenden Kulturraum.
Durch das Netzwerk Bar.Kultur.Geschichte. sollen jedoch auch vergleichbare Qualitätskriterien entwickelt werden, die es so bislang noch nicht gibt. Hierdurch sollen insbesondere jene Bars sichtbar werden, die Cocktails auf hohem handwerklichem Niveau unter Verwendung ausgewählter Zutaten anbieten – unabhängig davon, welches Konzept hierbei im Einzelnen – etwa die Neuschöpfung historischer Drinks oder die Entwicklung kreativer moderner Cocktails - verfolgt wird.
In diesem Zusammenhang soll auch ein Wettbewerb initiiert werden, welcher unter dem Namen „William-Schmidt-Bar-Award“ (nach dem wohl kreativsten Bartender aller Zeiten) die besten Bartender und Bartenderinnen auszeichnet, die - nach jeweiliger Vorgabe eines besonderen, jedoch unbekannten historischen Drinks - ein wirklich geschmacklich wie handwerklich ausgezeichnetes Produkt erstellt haben.
Und nicht zuletzt soll das Netzwerk Bar.Kultur.Geschichte künftig als Gemeinnütziger Verein institutionalisiert werden.
Es war ein interessanter Nachmittag. Leider konnte ich an dem Abschluss der Veranstaltung in der Windhorst Bar nicht teilnehmen. Der nächste Tag sollte mich schon um 5 Uhr Morgens wieder in die Bahn und an meinen Schreibtisch zwingen...









