Berliner Märzkämpfe 1919


Inhalt und Kapitelübersicht



Rätselhafte

Fotos



Text: Lutz Röhrig. Fotos: Kerstin Möhlenbrock

Es ist immer schön, wenn sich Leser meiner Artikel mit alten Bildern bei mir direkt melden oder in den sozialen Netzwerken an mich wenden: „…man hätte da etwas, könne aber nichts Näheres darüber sagen…“ Und so begann auch im Fall jener rätselhaften, dem Vater einer Leserin gehörenden Fotografien mit der Darstellung von  offenbar kriegerisch intendierten Szenarien wieder eine spannende Suche nach Hintergründen und Fakten. Diesmal sollte die Reise in das bewegte Jahr 1919 führen, mitten hinein in die sog. „Märzkämpfe“...

Soldaten vermutlich im Kreuzberger Zeitungsviertel verschanzt hinter Papierrollen. 



Märzkämpfe 1919

Die Ausgangslage



Selbst die Georgenkirche am Alexanderplatz ist schwer von Artillerietreffern gezeichnet

Der Erste Weltkrieg war zwar vorüber, dafür tobte in den Straßen die Revolution. Dabei handelte es sich keineswegs um einen geschlossenen Aufstand, der irgendwann in die Republik von Weimar einmündete, sondern um eine Vielzahl von Streiks, Aufständen und Putschversuchen mit jeweils unterschiedlichen Akteuren und Zielsetzungen. Der blutigste dieser Aufstände waren zweifelsohne die sog. „Märzkämpfe“ vom 3. bis 19. März 1919, die über 1200 Todesopfer kosten sollten.

 

Ausganssituation waren die Forderungen der radikalen Linke und der KPD nach einer Ablösung der in Weimar tagenden Regierung und der Einführung des Rätesystems nach sowjetischen Vorbild. Wichtige Schlüsselindustrie sollten zudem sozialisiert“, also staatlich gelenkt und das Heer umfassend reformiert werden. Alle Forderungen gingen aus der sog. „Novemberrevolution“ hervor und fanden ihren Ausdruck 1918 im „Reichsrätekongress“. Diese bis dahin uneingelösten Forderungen sollten nun in einem deutschlandweiten Generalstreik, zu dem Linke und KPD aufriefen, durchgesetzt werden.



Der 

Generalstreik



Die Reichsregierung der Weimarer Koalition aus SPD, DDP und Zentrum wollte eine „Räterepublik“ nach sowjetischem Vorbild unbedingt verhindern. Sie sah sich durch den allgemeinen Generalstreik, welcher nun nicht nur Berlin, sondern auch andere Regionen wie zum Beispiel Thüringen und damit auch Weimar, wohin sich die Regierung zurückgezogen hatte, betraf, nun regelrecht eingekreist. Auch der Verlust der Industrie des Ruhrgebietes hätte faktisch das Ende der Weimar Republik bedeutet.

 

Am 3. März, dem Beginn des Generalstreiks, kam es zu ersten Plünderungen und zum Überfall auf Polizeireviere. Das preußische Staatsministerium nahm dies zum Anlass, nun den Belagerungszustand über Berlin zu verhängen.

Das wegen seiner Ziegelarchitektur als "Rote Burg" bezeichnete Polizeipräsidium am Alexanderplatz nach Artillerieeinsatz



Das Militär 

steht rechts



Zerschossene Häuser am Alexanderplatz Ecke Prenzlauer Straße (heute Karl- Liebknecht - Straße).

Am 4. März begann auf Befehl Friedrich Eberts der Einmarsch von Freikorpsverbänden sowie Militäreinheiten des Generalstabs in die Stadt. Die Einheiten des Generalstabs bestanden vor allem aus der Garde-Kavallerie-Schützen-Division unter dem Kommando des Generalleutnants Heinrich von Hoffmann.

 

Faktisch wurde die Division jedoch von ihrem ersten Generalstabsoffizier Hauptmann Waldemar Pabst geführt. Oberbefehlshaber des zuständigen Generalkommandos für Berlin und Umgebung war General Walther von Lüttwitz, welcher wie Pabst später auch zu den Hauptakteuren des rechtsintendierten "Kapp - Putsches" gehören sollte.



Erste

Gefechte



Die Kämpfe in Berlin hatten vor allem die östlichen Stadtviertel rund um den Alexanderplatz zum Schwerpunkt. Hier kam es zu ersten schweren Gefechten zwischen der Garde - Kavallerie - Schützen - Division und Einheit der „Volksmarinedivision“, die ihrerseits zuvor von „Deutschen Schutztruppen“ grundlos angegriffen worden waren.

 

Ein vielleicht für den gesamten Verlauf der Märzkämpfe symptomatischer Vorgang, bei dem gezielte Provokationen und das Streuen falscher Gerüchte zu einer unnützen, den rechtsgerichteten Freikorpsverbänden und Divisionsangehörigen in die Hände spielenden, Verschärfung der Situation führten.

Eckhaus mit Kneipe in der Alten Schützenstraße. Die Straße verlief von der damaligen Prenzlauer Straße (heute Karl-Liebknecht-Straße) bis zur Neuen Königsstraße (Otto-Braun-Straße) und besteht heute nicht mehr.



Willkür

als Methode



Gebäude in der Alten Schützenstraße. Rechts das Eckhaus mit Kneipe.

So beruhte auch der nicht gesetzlich gedeckte Befehl Gustav Noskes, dass jeder Bewaffnete sofort von Freikorps- und Regierungstruppen zu erschießen sei, letztlich auf dem – falschen - Gerücht, dass von den Aufständischen 60 Polizisten ermordet worden seien.

 

Zwei geheime Zusatzbefehle des rechtsgerichteten Offiziers Waldemar Pabst, das Wohnungen und Gebäude systematisch zu durchsuchen seien und jeder zu erschießen ist, bei dem eine Waffe aufgefunden wurde, lagen derselben Intention zu Grunde.

 

Schließlich war allgemein bekannt, dass viele Veteranen des Ersten Weltkriegs noch Waffen als Andenken aufbewahrten. Letztlich stellten die Befehle eine Art Freibrief für willkürliche Hinrichtungen, die nun auch auf bloßen Verdacht oder nach Denunziationen erfolgen konnten, dar. Die Märzkämpfe endeten schließlich mit der kampflosen Einnahme Lichtenbergs durch Regierungstruppen am 13. März 1919.



Fazit der

Ereignisse



Durch die Niederringung des Aufstands konnte zwar die Errichtung einer Räterepublik verhindert werden. Doch trug der Einsatz von rechtsgerichteten Armeeeinheiten und Freikorpsverbänden bereits die Saat des Untergangs der Weimarer Republik in sich. Die Demokratie hatte sich als noch so schwach erwiesen, dass sie auf die alten Führungseliten zurückgreifen musste. Zudem galten nun „demokratische Verhältnisse“ endgültig als diffamiert im Sinne von Chaos und Gewalt begünstigend.

 

Kurze Zeit später sollten sich mit dem sog. Kapp - Putsch eben jene Offiziere, die zuvor noch scheinbar die Weimarer Koalition unterstützt hatten, nun ganz direkt gegen die demokratische Regierung richten. Viele der putschenden Soldaten und Offiziere trugen als Ausdruck ihrer Gesinnung ein Hakenkreuz am Helm. Aus rechtsgerichteten Militärangehörigen speiste sich schließlich dann auch die Anhängerschaft Hitlers. Das Ende ist bekannt.

Das "Volks-Marinehaus" (gegenüber dem Märkischen Museum) nach der Erstürmung durch Regierungstruppen



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