Kurfürstendamm - Theater. Ein Nachruf



I. Die Berliner Secession

Bild und Text: Lutz Röhrig 

Können Sie sich vorstellen, dass man die „Berliner Secession“, aus der die wohl bedeutendste Kunstströmung der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg hervorging und der neben Max Liebermann, Walter Leistikow, Käthe Kollwitz noch 62 weitere namhafte Künstler der Avantgarde angehörten, einfach so als „uninteressant und historisch zu vernachlässigen“ abtut?

 

Dies muss man wohl können, wenn man auch den wichtigsten Ort jener avantgardistischen Kunstvereinigung als „durch einen Neubau zu ersetzen“ ansieht. Die unablässige Ausstrahlung, die von jenem Ort durch zahlreiche, viel beachtete Ausstellungen ranghoher Künstler ausging, war fester Bestandteil dessen, was man später als den Glanz der „Goldenen Zwanziger Jahre“ in Berlin beschrieb.

 

Längst hatten die Künstler der „Berliner Secession“ und vergleichbarer Vereinigungen dafür gesorgt, dass sich die Malerei von einer gegenständlichen, das Sujet genau nachzeichnenden Kunstform in eine mehr dem Eindruck, der „Impression“ verpflichtete gewandelt hat.

 

Denn genaues Nachzeichnen der Realität– das konnte die von Anfang an als eigene Kunstform gewertete Fotografie viel besser. Die Malerei geriet in Konkurrenz zu dieser neuen Kunstform in eine inhaltliche Krise, aus der sie erst die Künstler der „Secession“ wieder herausführen sollten.

Berliner Secession Kurfürstendamm - Theater Charlottenburg

Oben: Das zweite Gebäude der Secession. Es erhielt bereits zu Zeiten der Secession ein Theater, das Oskar Kaufmann umbaute. 

Unten links: Grundrissplan des Kudamm - Karree. Die Theater (dunkelblaue Flächen) bilden nach wie vor eigene Baukörper, deren Erhalt technisch eine nur geringe Herausforderung wäre. Noch erkennbar sind im Grundriss und den Proportionen das Gebäude der Secession.

Unten: Grundrisssituation zu Zeiten der Secession. Deutlich ist das Hauptgebäude der Secession erkennbar.

Berliner Secession Kurfürstendamm - Theater Berlin Charlottenburg


Kurfürstendamm - Theater Berlin Charlottenburg Geschichte

Kurfürstendamm - Theater, der Vorraum. Deutlich ist hier noch immer bis hin zu den Metall - Geländern die Handschrift Oskar Kaufmanns zu sehen.

Berlin Kurfürstendamm - Theater Charlottenburg

II. Oskar Kaufmann

Können Sie sich vorstellen, dass man die Architektur der zwanziger Jahre in Deutschland als „beliebig“ bezeichnet und die Bauten eines ihrer bedeutendsten Vertreter dem Abriss preisgibt? Oskar Kaufmann war einer jener Baukünstler, dessen Architektur noch heute national wie international als prägend für den Theaterbau jene Epoche angesehen wird.

 

Von Oskar Kaufmann stammten u. a. der Umbau des studentischen Clubhauses an der Hardenbergstraße zum Renaissance – Theater, das Hebbel – Theater, die Freie Volksbühne am Rosa – Luxemburg – Platz sowie die im Krieg zerstörte Kroll – Oper gegenüber dem Reichstaggebäude, aber auch Theaterbauten in Ungarn und Israel. Hinzu kommen diverse Villen.

 

Wie nun, wenn es in Berlin – noch – einen Ort gibt, welcher einer der wohl wichtigste der Berliner Secession gewesen ist - und dem sich später Oskar Kaufmann zu widmete, um bei Beibehaltung der Proportionen und dem Kern der Architektur hier ein Theater für den ebenso bedeutenden Regisseur und Theater – Gründer Max Reinhardt zu schaffen?

 

Würden sie ein derartiges, in jeder Hinsicht für die Kunst national wie international bedeutsames Bauwerk abreißen und das darin seit 1921 bestehende Theater in den Keller verbannen? Wie würden wohl New York, London oder Paris mit so einem bedeutsamen Ort umgehen?



III. Ablösung des Bestandsschutzes

In Berlin werden solche Überlegungen möglichst nicht angestellt. Die Denkweise ist hier eine andere. So hat der Senat 1998 mit dem Aufkommen des Wunsches der Deutschen Bank, das Kudamm – Karree samt Theaterbauten abreißen zu wollen, die Streichung des Bestandschutzes im Grundbuch für die „Theater am Kurfürstendamm“ gegen Zahlung von 8 Millionen Mark nach erfolgtem Abbruch zugesagt.

 

Als die alarmierte Denkmalbehörde nach langen Diskussionen über das Werk und den Wert Oskar Kaufmanns endlich an den Senat herantrat, waren die Würfel bereits gefallen. Fortan stieß die Denkmalbehörde hinsichtlich der Kurfürstendamm – Theater auf für sie unverständliche Ablehnung, ohne dass sie den genauen Hintergrund kannte.

Kurfürstendamm - Theater Berlin Charlottenburg

Kurfürstendamm - Theater. Garderobe



Kurfürstendamm - Theater Berlin Charlottenburg

Die Komödie der Kurfürstendamm - Theater ist ein Logentheater - und gehört damit einer heute im Aussterben begriffenen Theatergattung an. 

Kurfürstendamm - Theater Berlin Charlottenburg

IV. Kudamm - Karree und Kurfürstendamm - Theater

Im Zusammenhang mit dem zunehmenden öffentlichen Interesse an dem Erhalt der Kurfürstendamm – Theater war der Senat nun bemüht, den Fokus auf das seit langem dahinsiechende „Kudamm – Karree“ zu lenken.

 

Die Einkaufspassage steht weitgehend leer und bietet ein eher unerfreuliches Bild. Die auf Grund des fehlenden, im Krieg zerstörten Vordergebäudes nicht straßenseitig als eigenständiger Baukörper mit prachtvoller Fassade erlebbaren, nach wie vor jedoch gut besuchten Kurfürstendamm - Theater und das in den 1970er Jahren errichtete Kudamm – Karree werden so schnell in der allgemeinen Wahrnehmung addiert und zu Bauten der Moderne erklärt.

 

Der Konflikt um die Bühnen bleibt damit der breiten Öffentlichkeit unverständlich. Dass das Kudamm – Karree einst um die Theater herumgebaut worden ist, die im Kern immer noch aus dem Secessions – Gebäude und den Bauten Oskar Kaufmanns bestehen, davon erfährt man eher weniger.



V. Resümee

Bestandsgarantien und Denkmalschutz sind in unserer Stadt nicht eben hoch angesiedelt. Allzu oft ist Denkmalschutz nur ein anderer Begriff für „Bauerwartungsland“ (siehe meinen gesonderten Artikel hierzu), ein schützenswertes Gebäude somit zum Platzhalter künftiger Investorenträume degradiert.

 

Dabei könnte mit ein wenig Kreativität oftmals allen Interessen gedient sein. Im Falle von Gewerbeimmobilien – genauso wie bei Wohnobjekten – steigt oftmals gar Wert der Anlage beim Vorhandensein eines historischen Baukörpers.

 

Auch Einkaufspassagen sind in neuerer Zeit bemüht, durch die Integration historischer Fassaden und Details aus der allgemeinen Beliebigkeit herauszuragen. Die Theater am Kurfürstendamm leben mit und von ihrer Geschichte. Ein heutzutage nicht hoch genug einzuschätzender Aspekt…

Kurfürstendamm - Theater Charlottenburg Berlin

Das Theater am Kurfürstendamm - die zweite Bühne der Kurfürstendamm - Theater beruht im Kerner auf das durch Oskar Kaufmann umgebaute Theater der Secession.  



Kurfürstendamm - Theater Berlin Charlottenburg

Eingang zum Kurfürstendamm - Theater. Da in den 1970er Jahren das Kudamm- Karree um die beiden Bühnen herum gebaut wurde entsteht der äußerliche Eindruck, als seien auch die Theater in jener Zeit neu entstanden.

Kurfürstendamm - Theater Berlin Charlottenburg Martin Woelffer Wölffer

Theater - Direktor in der dritten Generation: Martin Woelffer, dem ich an dieser Stelle für die Führung durch seine Theater danken möchte.



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