Kurfürstendamm - Theater

Theater am Kurfürstendamm - Komödie am Kurfürstendamm



I. Zwei Theaterbühnen am Kurfürstendamm

Nun ist es also soweit. Die geschichtsträchtigen Kurfürstendamm - Theater schließen für immer, werden ersetzt durch eine einzelne kleinere Spielstätte im Kellergeschoss des hier nun neu entstehenden Büro- und Einkaufskomplexes.

 

Bald werden die Abrissbagger all das zu Stein- und Betonbrocken zerlegen, was sich mit berühmten Namen wie Max Liebermann und der von Ihm geleiteten "Berliner Secession", dem Theaterregisseur Max Reinhardt als dem wohl bedeutendsten der 1920er Jahre überhaupt und seinem ungarisch - jüdischen Theaterarchitekten Oskar Kaufmann, dem wir u. a. auch das Renaissance - Theater verdanken, verbindet. 

 

Der bislang in Form der Theater noch physisch erfahrbare Erinnerung an all jene wird dann am Ort ihres einstigen Schaffens, ebenso wenig mehr nachzuspüren sein, wie an bekannte Namen der Gegenwart, zu denen etwa Harald Juhnke, Wolfgang Völz, Günther Pfitzmann oder Wolfgang Spier zählten.

 

Zerrieben zu feinem Staub wird all das, was wir eben noch schätzten, Vergangenheit sein, entsorgt auf den Schutthalden des Umlands. Bald wird sich hier ein weiterer Büro- und Einkaufskomplex erheben, wie es sie in Berlin schon so viele gibt.

 

Ein Schimmer jener großen Vergangenheit bleibt indes. Doch wird diese Bühne, ein vollständiger Neubau, allein haptisch kaum mehr das verkörpern können, was wir mit den beiden alten Theatern, die in jedem Winkel den Odem der Vergangenheit atmen ließen, verbanden.

 

Ich hoffe sehr, das die Familie Woelffer, welche bislang in nunmehr dritter Generation auch schon die historischen Theater mit großem Erfolg betrieb und welcher der Verdienst zukommt, den Kurfürstendamm als Theaterstandort erhalten zu haben, das neue Theater in eine sichere Zukunft führen kann.

 

Franzi und mich wird man sicher öfter dort sehen. Sollten sie also dort eines Paares ansichtig werden, das sich etwas verträumt in den Gängen umschaut - dann wird es wohl an jene beiden alten Häuser zurückdenken, in denen einst auch Franzis Vater, halb verborgen hinter dem Bühnenvorhang, dem Spiel einer Grete Weiser lauschte - was diese temperamentvolle Dame, die während der Proben keine Zuschauer wünschte, über die Maßen verärgerte... 



Kurfürst Joachim II., Hector. Ihm verdanken wir die Anlage des Kurfürstendamms - wenn zunächst auch als einfacher Knüppeldamm.

II. Der Damm des Kurfürsten

Die besondere Bedeutung der Kurfürstendamm - Theater, die in ihrer historischen Dimension weit über die Geschichte anderer Berliner Bühnen hinausgeht, erschließt sich nur durch einen Blick zurück in die Geschichte des Grundstücks am heutigen Berliner Prachtboulevard. 

 

Kurfürst Joachim II., genannt Hector (13.1.1505 in Cölln / Spree bis 3.1.1571 Köpenick), war ein überaus prachtliebender und bisweilen weit über seine Verhältnisse lebender brandenburgischer Potentat aus dem Hause der Hohenzollern. Ein Umstand, dem wir jedoch die Anlage des Kurfürstendammes verdanken. Denn schließlich musste das von ihm 1542 errichtete Jagdschloß "Zum gruenen Wald" mit dem gleichfalls im Bau befindlichen Berliner Schloß auf der Spreeinsel durch einen geeigneten, eine sichere Passage durch das weithin sumpfige Umland ermöglichenden Weg verbunden werden.  

 

Dieser Weg bestand im Grunde nur aus einer einfachen höher gelegenen Sandschüttung mit einer Abdeckung aus hölzernen Knüppeln, die diese Dammschüttung auch bei feuchter Witterung noch passierbar sein ließen. Dieser, durch das von zahlreichen Gräben wie etwa dem "Landwehrgraben" durchzogene Spreeniederungsland verlaufende Damm zweigte etwa am heutigen Brandenburger Tor von der Straße "Unter den Linden" ab und verlief um den Tiergarten herum bis zum heutigen Olivaer Platz, wo er abrupt die Richtung nach Süden auf das Dorf "Wilmersdorf" zu änderte. Hier traf die Wegführung wieder auf festen Untergrund, was eine weitere Dammschüttung unnötig machte.

 

Die sich im Laufe der Zeit aus der Funktion des Weges ergebende Bezeichnung "Kurfürstendamm" ist also eine Wiedergabe der einstigen historischen Realität.



III. Peter Joseph Lenné

Die Jahrhunderte vergingen, ohne das man sich viel über den noch immer als bloßen Sandweg existierenden "Kurfürstendamm" Gedanken machte. Warum auch, fand man doch westlich des alten Landwehrgrabens nur unbebaute Brachen sowie einige ausgedehnte Spargelfelder vor. 1843 immerhin wandelte Peter Joseph Lenné das Gelände der alten, zwischen dem Tiergarten und der heutigen Hardenbergstraße (die damals Teil des Kurfürstendammes war) gelegenen Fasanerie auf Anregung Alexander von Humboldts in einen Zoologischen Garten um.

 

1864 sollte mit dem Hamburger Baumschulenbesitzer John Cornelius Booth der neben Bismarck wichtigste Protagonist für den weiteren Ausbau des Kurfürstendamms zu einem Boulevard die historische Bühne betreten. Booth erwarb zwischen der heutigen Ranke-, Hardenberg-, Lietzenburger- und Fasanenstraße ein umfangreiches, 26 ha großes Areal , das er zum Aufbau einer Berliner Baumschule nutzte. 



IV. John Cornelius Booth

John Cornelius Booth hatte 1863 zunächst zusammen mit seinem Bruder Lorenz Booth die weithin bekannte Hamburger Baumschule seiner Eltern übernommen. Das John C. Booth bereits ein Jahr später, 1864, in Berlin am Kurfürstendamm eine Filiale seiner Baumschule begründete, war sicher kein Zufall. Denn Booth war gut mit dem gleichfalls aus Hamburg stammenden Johann Anton Wilhelm von Carstenn bekannt, welcher 1854 in der Hansestadt die Villenkolonie Wandsbeck begründet hatte, für die Booth den größten Teil der benötigten Bäume lieferte.  

 

1865 zog es nun auch Carstenn nach Berlin. Mit den Gewinnen aus Wandsbeck erwarb er u. a. die Güter Lichterfelde, Giesendorf, Wilmersdorf und Frohnau um sie Teil eines südlich um Berlin verlaufenden Gürtels von Villenkolonien werden zu lassen, welcher sich bis hinein in den Grunewald und weiter nach Potsdam erstrecken sollte - einen Gedanken, den er nach eigenen Bekunden auch 1869 König Wilhelm I. bei dessen Besuch in der Carstennschen Villenkolonie in Lichterfelde vorgetragen haben will. Booth jedenfalls reüssierte mit seiner Baumschule auch hier zum Hauslieferanten Carstenns.



V. Fürst Bismarck

Neben Carstenn trat mit dem Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck, der wohl namhafteste Führsprecher eines Ausbaus des Kurfürstendamms auf den Plan.  Am 18. Mai 1868 wandte sich Bismarck mit einem Brief an König Wilhelm von Preußen. In diesem schlug Bismarck die Verlängerung des Kurfürstendamms bis zum Grunewald als Reitweg vor. Als begeisterter Reiter vermisste er eine "Weiche" Direktverbindung zum Grunewald. Denn der Kurfürstendamm zweigte zu diesem Zeitpunkt noch immer am Olivaer Platz nach Süden in Richtung Wilmersdorf ab.  

 

1872 - nach dem Ende des Deutsch - Französischen Kriegs und der Begründung des Deutschen Kaiserreichs -  erwarb der von Carstenn begründete "Berlin-Charlottenburger-Bauverein" große Areale in Halensee. Nach dem Beispiel der von Carstenn angelegten heutigen Bundesallee sollte der Kurfürstendamm zu einer 30 Meter breiten Erschließungsstraße der geplanten Kolonie Halensee entwickelt werden.  Doch Carstenn ging in Konkurs. Der Kurfürstendamm blieb ein "sandiger Weg mit Knick auf Wilmersdorf".

 

Bismarck indes hatte den Gedanken an einer Direktverbindung zum Grunewald keineswegs aufgegeben, allerdings mit einer neuen Intention. Am 5.2.1873 schrieb er an den Geheimen Kabinettsrat von Wilmowski einen Brief, in dem er erstmals den Ausbau des Kurfürstendamms zu einer breiten Prachtstraße in Anregung brachte. Bismarck nahm dabei die "Avenue des Champs-Élysées" zum Vorbild, die nach seiner Vorstellung auf den Pariser Stadtpark "Bois de Boulogne" ähnlich zulief, wie später einmal der zum Boulevard ausgebaute Kurfürstendamm auf den Grunewald. Bismarck erreichte sein Ziel. Am 2.6.1875 legte man per Kabinettorder die Breite des nun im Sinne Bismarcks auszubauenden Kurfürstendamms auf 53 m fest - was gerade einmal die Hälfte der Breite der "Avenue des Champs-Élysées" entspricht. Die nach dem "Gründerkrach" ausbrechende Wirtschaftskrise allerdings verhinderte vorerst jegliche Arbeiten an dem Projekt. 1880 immerhin spendierte Kaiser Wilhelm I 40 000 Mark aus seiner Privatschatulle für die Pflasterung des Kurfürstendamms in seiner bisherigen Breite. 



VI. Die Deutsche Bank betritt das Feld

1881 bildete sich in London die "Kurfürsten Avenue Land Companie limited", deren Ziel nun endlich der Ausbau des Kurfürstendamms zu einer Prachtstraße sein sollte. Doch gegen die Abtretung eines größeren Areals des Grunewalds zum Bau einer Pferderennbahn sperrte sich nun der Fiskus, der mit immer neuen fiskalischen Auflagen das Projekt schließlich auszuhebeln wusste. Da nützte auch das Wohlwollen des Kaisers nur wenig.

 

Doch die Forstverwaltung hatte die Rechnung ohne John Cornelius Booth gemacht. Seit 1878 mit Bismarck eng bekannt, hatten seine Baumschulen auch dessen Gut Friedrichsruh mit dem damals gerade erst durch Booth eingeführten Doglasien versorgt. Es entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Freundschaft zwischen dem Fürsten und Booth, die ihren Ausdruck in verschiedenen Schriften Booths fand - die wohl aufschlussreichsten Einblicke in das Privatleben des Kanzlers. 

 

Booth gelang es, die verschiedenen privaten und staatlichen Interessen miteinander in Einklang zu bringen. Als Vertrauensmann eines privaten deutschen Konsortiums verpflichtete er sich, die Herstellung der Straße in der vorgesehenen Breite von 53 m zu übernehmen.  Dafür erhielt er zum Ausgleich das Vorkaufsrecht für 234 ha des Grunewalds zum Bau einer Villenkolonie. Doch Booth war nur eine Art Strohmann. Sofort nach Unterzeichnung des Vertrags trat er seine Rechte gegen eine Entschädigungszahlung an die Deutsche Bank ab. Nun war klar, wer die eigentliche treibende Kraft hinter dem Ganzen war. Die Deutsche Bank ihrerseits gründete am 22.1.21882 die "Kurfürstendamm- Gesellschaft", die sich in ihrem Auftrag mit der Vermarktung der Grundstücke am Kurfürstendamm und im Grunewald zu beschäftigen hatte. 

 

Dieser Gesellschaft stand wiederum Booth beratend zur Seite, welcher ja auch selbst umfangreiche Ländereien am Kurfürstendamm besaß. Damit begann die Spekulation mit Baugrundstücken entlang des Kurfürstendamms und in der neu entstehenden Villenkolonie Grunewald. Proteste der Berliner nutzten dabei nur wenig. Der Charakter des Grunewalds als zuvor weitläufiges Waldgebiet sollte mit dem Bau der Villenkolonie auf Dauer verändert werden. Letztlich bis in unsere Tage...



VII. Zwei Grundstücke am Kurfürstendamm

Die Villa Hirschwald

Die Preis der Grundstücke am Kürfürstendamm explodierten in der Folge. So stieg der Wert aller Grundstücke am Kurfürstendamm von 100.000 Mark im Jahre 1860 auf über 30 Millionen im Jahre 1890. 1898 sollten es gar 50 Millionen sein.

 

Während sich die Grundstückspreise durch Kauf und Wiederverkauf förmlich überschlugen, kam der Bau von Wohnhäusern oder Villen hingegen am Kurfürstendamms zunächst nur zögerlich voran. Vollständig bebaut war im Wesentlichen nur der Berliner Teil des Kurfürsten Damms im Bereich der heutigen Budapester Straße. Der große Rest blieb noch immer ländlich geprägt.

 

Auch die für die späteren Theater wichtigen Grundstücke Kurfürstendamm 91/92 (heute 206/207) sowie 93 (heute Kurfürstendamm 208/209) wurden erst ab Mitte der 1880er-Jahre bebaut. Typisch für jene frühe Entwicklungsphase des Kurfürstendamms ist dabei die Bebauung der Grundstücken mit imposanten Villen vermögender Unternehmensbesitzer, die eine starke Verbindung zur Kunst und Kultur besaßen und diese Neigungen über ihre Villen und den dort oft ausgeübten Konzerten, Lesungen und Ausstellungen auch auf den Charakter des Kurfürstendamms als Treffpunkt zeitgenössischer, "moderner" Künstlern übertrugen.

 

Den Anfang dieser ersten Entwicklung des Kurfürstendamms machte dabei 1888 die "Villa Hirschwald" auf dem Grundstück Kurfürstendamm 91/92. 

 

Die "Architektonische Rundschau" beschreibt die Villa 1892 wie folgt:  Die Villa Hirschwald wurde 1886 - 1888 von der bekannten Berliner Architekten- Sozietät "von der Hude & Hennicke" für "eine Familie" errichtet, und zwar äusserlich in echtem Material, Sandstein und Verblendziegel; das Dach weit vortretend. Die im Treppenhause sichtbaren Säulen wurden aus schwedischem Granit, die Kapitäle und Vasen in Kupfer getrieben und hergestellt, die Wände in Stuckputz, die Treppe selbst in Eichenholz. Die Statue inmitten der Halle ist von Professor Sussmann-Hellborn ausgeführt, das Oberlicht in farbigem Glase eingedeckt. Die Gesamtkosten des Baus inkl. Stallgebäude, Gärtner- Treibhaus, Einfriedung etc. betrugen 420 000 Mark."

 

Das Grundstück der Villa Hirschwald besaß eine Größe von ca. 4 Morgen. Von der Straße aus durchschritt man zunächst eine Art durch Pergolen begrenzten Vorhof, an welchem das Pförtnerhaus, der Pferdestall, das Gewächshaus usw. lagen. Die Villa selbst befand sich im mittleren Teil des Anwesens, umgeben von parkartigen Gartenanlagen.

 

Leider ist nur wenig über den Bauherrn jener einst prächtigen Villa bekannt. Auch der Artikel der "Architektonischen Rundschau" spricht nur ganz allgemein von einer "Familie", für die das Gebäude errichtet worden sei. Meine Recherchen ergaben jedoch, das es sich bei der "Familie" um die des Verlegers Ferdinand Hirschwald gehandelt hat. Irritierend ist dabei, das in den Quellen das Architekturbüro von der Hude & Hennicke stets mit einer bereits in den Jahren 1869/70 für Ferdinand Hirschwald errichteten Villa in der Bendlerstraße 27 genannt wird. Offenbar gab es jedoch für Ferdinand Hirschwald Gründe, sich 18 Jahre später eine neue Villa am Kurfürstendamm errichten zu lassen - ein Vorhaben, für das er gern auf das ihm bereits durch den ersten Auftrag bestens bekannte Architekturbüro zurückgriff.

 

Ferdinand Hirschwald hatte nach dem Tod seines Vaters und Firmenbegründers, August Hirschwald, den "Hirschwaldschen Verlag" übernommen. In die zugehörige, seit 1840 von Ferdinands Cousin, Eduard Aber, geleitete Buchhandlung trat er im selben Jahr als Teilhaber ein. Im Laufe der Zeit entwickelten sich Buchhandlung und Verlag vor allem auf Betreiben Abers zum führenden deutschen Herausgeber und Anbieter von medizinischer Fachliteratur. 

 

Hier veröffentlichten so bedeutende Koryphäen wie Rudolf Virchow, Wilms, B. v. Langenbeck; E. von Bergmann; C. Binz; Th. Billroth; Jul. Cohnheim; von Coler; W. Ellenberger; H. Eulenberg; A. C. Gerlach; E. F. Gurlt; H. v. Helmholtz; E. Leyden; J. Orth; W. Roth und R. Lex ihre Bücher und Schriften.

 

1899 verstarben sowohl Ferdinand Hirschwald als auch Eduard Aber. Inhaber des Verlags und der Buchhandlung war seit 1872 jedoch bereits Eduard Abers Sohn, Albert Aber. Im Lauf der Zeit verlor die Verlagsbuchhandlung jedoch angesichts einer zunehmenden Konkurrenz ihre führende Position auf dem Gebiet der medizinischen Fachliteratur. Nach dem Tode Albert Abers (1920), welcher keinen Erben hinterließ, wurde die "Hirschwaldsche Buchhandlung" am 1.4.1921 schließlich vom Wissenschaftsverlag "Julius Springer" für 1 750 000 Mark übernommen. 



Die Villa Raussendorff

Noch im selben Jahr der Fertigstellung der Villa Hirschwald begann auch der Fabrikant Hugo Raussendorff (1832-1908) mit dem Bau seiner Villa auf dem Nachbargrundstück Kurfürstendamm 93 (heute Kurfürstendamm 208/209). Hugo Rauschendorff war mit der Herstellung von Himbeer- und Kirschsaft, Zuckerfarben, ätherische Öle und Essenzen vermögend geworden. Und ähnlich wie Ferdinand Hirschwald wählte auch Rauschendorff  einen namhaften Baumeister für seine Villa: den eng mit Max Liebermann befreundeten Architekten Hans Grisebach.

 

Grisebach errichtete eine überaus aufwendige, mit vielen Türmen versehene Villa im Stil der Deutschen Neorenaissance.

 

 

 

 

 

 

 

Die "Dr. Hugo Raussendorff- Stiftung" offerierte 1910 Stipendien "von 300 - 1500 Mark an jüngere christliche Maler und Bildhauer".

 

1912 gelangte zudem die Kunstsammlung Raussendorff als Stiftung in den Besitz der Stadt Charlottenburg.

 

Antoine und Hugo Raussendorff-Stift" in Westend

 

Er wurde 1832 in Frankfurt an der Oder geboren und wurde Millionär als Besitzer einer Fabrik für ätherische Öle und Essenzen. Raussendorf zog mit seiner Familie 1889 aus der Neuen Jakobstraße in Mitte an den Kurfürstendamm 206-207 in eine neugotische Villa,

 

emeinsam mit seiner Ehefrau Antonie stiftete Hugo Raussendorff in Charlottenburg mehrere Millionen Reichsmark für wohltätige Zwecke, die unter anderem dafür verwandt wurden, an der Westendallee 120 ein Altersheim vor allem für notleidende Künstler und für Lehrerinnen christlichen Glaubens zu bauen. Seit 1995 bietet die Gesellschaft für soziales und betreutes Wohnen im Raußendorff-Stift speziell für wohnungslose Erwachsene betreutes Wohnen an.

 

 


I. Die Berliner Secession

Bild und Text: Lutz Röhrig 

Können Sie sich vorstellen, dass man die „Berliner Secession“ als eine der wohl wichtigsten Kunstströmungen der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, der neben Max Liebermann, Walter Leistikow, Käthe Kollwitz noch 62 weitere namhafte Künstler der Avantgarde angehörten, als historisch eher zu vernachlässigen abtut?

 

Dies muss man wohl können, wenn man den wichtigsten, noch erhalten gebliebenen Ort jener avantgardistischen Berliner Kunstvereinigung durch einen Neubau ersetzen möchte. Die unablässige Ausstrahlung, die von jenem Ort durch zahlreiche, viel beachtete Ausstellungen ranghoher Künstler ausging, war fester Bestandteil dessen, was man später als den Glanz der „Goldenen Zwanziger Jahre“ in Berlin beschrieb.

 

Längst hatten die Künstler der „Berliner Secession“ und vergleichbarer Vereinigungen dafür gesorgt, dass sich die Malerei von einer gegenständlichen, das Sujet genau nachzeichnenden Kunstform in eine mehr dem Eindruck, der „Impression“ verpflichtete gewandelt hat.

 

Denn genaues Nachzeichnen der Realität– das konnte die von Anfang an als eigene Kunstform gewertete Fotografie viel besser. Die Malerei geriet in Konkurrenz zu dieser neuen Kunstform in eine inhaltliche Krise, aus der sie erst die Künstler der „Secession“ wieder herausführen sollten.

Berliner Secession Kurfürstendamm - Theater Berlin Charlottenburg

Grundrisssituation zu Zeiten der Berliner Secession. Deutlich ist das Hauptgebäude der Secession erkennbar.

Berliner Secession Kurfürstendamm - Theater Charlottenburg

Das zweite Gebäude der Secession. Es erhielt bereits zu Zeiten der Secession ein Theater, das später Oskar Kaufmann umbaute. 

Grundrissplan des Kudamm - Karree. Die Theater (dunkelblaue Flächen) bilden nach wie vor eigene Baukörper, deren Erhalt technisch eine nur geringe Herausforderung wäre. Noch erkennbar sind im Grundriss und den Proportionen das Gebäude der Secession.



Vorraum der Komödie am Kurfürstendamm. Blick auf die zum Ausgangs- und Kassenbereich führenden Doppeltüren.

Berlin Kurfürstendamm - Theater Charlottenburg

Vorraum der Komödie am Kurfürstendamm. Blick auf die dem zum Ausgangs- und Kassenbereich gegenüberliegenden Zugängen zum Flur und den jeweiligen Sitzplätzen.  Deutlich ist hier noch immer bis hin zu den Metall - Geländern die Handschrift Oskar Kaufmanns zu sehen.

Kurfürstendamm - Theater Berlin Charlottenburg Geschichte

Vorraum der Komödie am Kurfürstendamm. Getränkeausgabe. 

II. Oskar Kaufmann

Können Sie sich vorstellen, dass man die Bauten eines der bedeutendsten nationalen wie internationalen Vertreter der Theaterarchitektur dem Abriss preisgibt?

 

Der ungarisch - jüdische Architekt Oskar Kaufmann war national wie international prägend für den Theaterbau der 1920er Jahre. Von ihm stammten u. a. der Umbau des studentischen Clubhauses an der Hardenbergstraße zum Renaissance – Theater, das Hebbel – Theater in der Stresemannstraße, die Freie Volksbühne am Rosa – Luxemburg – Platz sowie die im Krieg zerstörte Kroll – Oper gegenüber dem Reichstaggebäude, aber auch Theaterbauten in Ungarn und Israel. Hinzu kommen diverse Villen.

 

Wie nun, wenn es in Berlin einen Ort gibt, welcher einer der wohl wichtigsten der Berliner Secession gewesen ist - und dem sich später Oskar Kaufmann zu widmete, um bei Beibehaltung der Proportionen und dem Kern der Architektur hier ein Theater für den ebenso bedeutenden Regisseur und Theater – Gründer Max Reinhardt zu schaffen?

 

Würden sie ein derartiges, in jeder Hinsicht für die Kunst national wie international bedeutsames Bauwerk abreißen und in den Keller des künftigen Neubaus verbannen? Wie würden wohl New York, London oder Paris mit so einem bedeutsamen Ort umgehen?

Vorraum der Komödie am Kurfürstendamm. Blick auf die Getränkeausgabe. An den Wänden Fotos aus der großen Zeit der Theater am Kurfürstendamm.



III. Ablösung des Bestandsschutzes

Können Sie sich vorstellen, das man gegen Zahlung eines hohen Geldbetrages den auferlegten Denkmalschutz, für den es ja fachliche wie historische Gründe gegeben hat, einfach ablöst kann?

 

Während man in London, Paris oder New York alles daran setzen würde, ein solches eng mit der Geschichte der Modernen Malerei wie auch der Theaterarchitektur und der Theaterhistorie verbundenes Gebäude vor dem Abbruch zu bewahren, da dieses die Bedeutung der Stadt auch als historischen Ort nachvollziehbar und erlebbar bleiben lässt, werden in Berlin solche Überlegungen möglichst nicht angestellt. Die Denkweise ist hier eine andere. So hat der Senat 1998 mit dem Aufkommen des Wunsches der Deutschen Bank, das Kudamm – Karree samt Theaterbauten abreißen zu wollen, die Streichung des Bestandschutzes im Grundbuch für die „Theater am Kurfürstendamm“ gegen Zahlung von 8 Millionen Mark nach erfolgtem Abbruch zugesagt.

 

Als die alarmierte Denkmalbehörde nach langen Diskussionen über das Werk und den Wert Oskar Kaufmanns endlich an den Senat herantrat, waren die Würfel bereits gefallen. Fortan stieß die Denkmalbehörde hinsichtlich der Kurfürstendamm – Theater auf für sie unverständliche Ablehnung, ohne dass sie den genauen Hintergrund kannte.

Kurfürstendamm - Theater Berlin Charlottenburg

Garderobe



Kurfürstendamm - Theater Berlin Charlottenburg

Die Komödie der Kurfürstendamm - Theater ist ein Logentheater - und gehört damit einer heute im Aussterben begriffenen Theatergattung an. 

Kurfürstendamm - Theater Berlin Charlottenburg

Blick zur Bühne der Komödie

Blick aus einer der Logen über das Parkett zur Bühne der Komödie

IV. Kudamm - Karree und Kurfürstendamm - Theater

Im Zusammenhang mit dem zunehmenden öffentlichen Interesse an dem Erhalt der Kurfürstendamm – Theater war der Senat nun bemüht, den Fokus auf das seit langem dahinsiechende „Kudamm – Karree“ zu lenken.

 

Die Einkaufspassage steht weitgehend leer und bietet ein eher unerfreuliches Bild. Die auf Grund des fehlenden, im Krieg zerstörten Vordergebäudes nicht straßenseitig als eigenständiger Baukörper mit prachtvoller Fassade erlebbaren, nach wie vor jedoch gut besuchten Kurfürstendamm - Theater und das in den 1970er Jahren errichtete Kudamm – Karree werden so schnell in der allgemeinen Wahrnehmung addiert und zu Bauten der Moderne erklärt.

 

Der Konflikt um die Bühnen bleibt damit der breiten Öffentlichkeit unverständlich. Dass das Kudamm – Karree einst um die Theater herumgebaut worden ist, die im Kern immer noch aus dem Secessions – Gebäude und den Bauten Oskar Kaufmanns bestehen, davon erfährt man eher weniger.



V. Resümee

Bestandsgarantien und Denkmalschutz sind in unserer Stadt nicht eben hoch angesiedelt. Allzu oft ist Denkmalschutz nur ein anderer Begriff für „Bauerwartungsland“ (siehe meinen gesonderten Artikel hierzu), ein schützenswertes Gebäude somit zum Platzhalter künftiger Investorenträume degradiert.

 

Dabei könnte mit ein wenig Kreativität oftmals allen Interessen gedient sein. Im Falle von Gewerbeimmobilien – genauso wie bei Wohnobjekten – steigt oftmals gar Wert der Anlage beim Vorhandensein eines historischen Baukörpers.

 

Auch Einkaufspassagen sind in neuerer Zeit bemüht, durch die Integration historischer Fassaden und Details aus der allgemeinen Beliebigkeit herauszuragen. Die Theater am Kurfürstendamm leben mit und von ihrer Geschichte. Ein heutzutage nicht hoch genug einzuschätzender Aspekt…

Kurfürstendamm - Theater Charlottenburg Berlin

Das Theater am Kurfürstendamm. Die zweite Bühne der Kurfürstendamm - Theater beruht im Kerner auf das durch Oskar Kaufmann umgebaute Theater der Secession.  



Kurfürstendamm - Theater Berlin Charlottenburg

Eingang zum Kurfürstendamm - Theater. Da in den 1970er Jahren das Kudamm- Karree um die beiden Bühnen herum gebaut wurde entsteht der äußerliche Eindruck, als seien auch die Theater in jener Zeit neu entstanden.

Kurfürstendamm - Theater Berlin Charlottenburg Martin Woelffer Wölffer

Theater - Direktor in der dritten Generation: Martin Woelffer, dem ich an dieser Stelle für die Führung durch seine Theater danken möchte.



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