Wie kam es zu zeit-fuer-berlin.de?



Ein junger Schüler mit seltsamen Hobby


Schon früh begann ich mit meiner Kamera das festzuhalten, was sich in meinen Kreuzberger Umfeld so tat. Die Abrisswelle rollte gerade über die von ihren Eigentümern bewusst vernachlässigten Altbauten hinweg und der Denkmalschutz war, wenn es um die Errichtung neuer Wohnhausblöcke ging, in seiner Priorität ziemlich weit unten angesiedelt. Hinzu kam, dass viele Firmen ihre altehrwürdigen Kreuzberger Produktionsstätten zugunsten neuer, besser zu „bespielender“ Industriebauten am Stadtrand verließen.

 

Viel Motivation also für einen Jugendlichen, der mit aufmerksamen Blick durch die Straßen ging, um das festzuhalten, was es morgen bereits nicht mehr geben würde. Oft erntete er dabei Unverständnis und kategorisches Kopfschütteln. „Warum ich denn die alten Kästen noch knipsen wolle“, „so etwas fotografiert man nicht“ oder schlicht „hau ab und geh woanders mit deiner Kamera spielen“. Auch in der Familie waren die Meinungen durchaus gespalten. Und unter den Mitschülern verbreitete sich schnell der Spitzname „Professor“, ob meiner Vorliebe für Geschichte und meinem vielleicht etwas ungewöhnlichen Hobby.


Die Kamera - immer dabei


Die Jahre vergingen und der eigene berufliche Wandel brachte es mit sich, dass ich in verschiedenen Stadtteilen Berlins tätig war. Und wie einst fiel auch hier der Blick auf alte Baulichkeiten, Geschäfte oder Kinos bei denen es sich lohnen würde, einmal seine Kamera mitzunehmen. Eine Angewohnheit, die ich bis heute zur Verblüffung mancher Kollegen beibehalten habe. 

 

War die Haltung gegenüber meinem Hobby in der Zeit als Schüler doch eher kritisch, so hatte sich diese Einstellung im Laufe der Jahrzehnte erheblich gewandelt. Die Abrisswelle, welche eigentlich der Errichtung von „Neubauten für einen zeitgemäßen Lebensstil“ dienen sollte, kam angesichts der immer massiver werdenden Proteste der Bevölkerung ob der Vernichtung von preiswertem Wohnraum und gewachsenen sozialen Strukturen in den abzureißenden Kiezen ins Stocken. Die sich bald abzeichnenden negativen städtebaulichen Folgen der massiv in die historischen Kieze implementierten Neubaublöcke führten zugleich zu einem wachsenden Interesse an einem Blick zurück zu dem einst hier Gewesenen, welcher keineswegs nur die Zeit vor dem Krieg umfasste. Vielmehr standen nun auch Fragestellungen nach der jüngeren Vergangenheit „vor dem Abriss“ im Fokus. Man wollte sich nun an jene Dinge erinnern, an die man „vor dem Abriss“ in jüngeren Jahren vielleicht noch achtlos vorbeigegangen war oder die man mitleidsvoll belächelt hatte - dem Laden an der Ecke, dem Kino an der Straße...

 

Dank dem erwachenden Interesse an der lokalen Geschichte wurde vielen lebhaft vor Augen geführt, was einmal gewesen war. Damit wurde zugleich ein Maßstab für eine besondere Art von Stadtverträglichkeit geschaffen, an dem sich nun nicht nur bestehende, sondern auch künftige Neubauprojekte zu messen hatten.

 

War es früher schwierig, für mein seinerzeit als sehr speziell angesehenes Hobby ein Interesse zu schaffen, so bietet heute das Internet in dieser Hinsicht eine Vielfalt von Möglichkeiten. Nach einem immer größer werdenden Interesse an meinen zeithistorisch intendierten Artikeln in den sozialen Medien fiel im Jahr 2016 der Entschluss, mit einer eigenen Internetseite online zu gehen. Ein nicht ganz einfacher Schritt, denn zusätzlich zum Schreiben der Artikel und einer umfänglichen Arbeit mit der Kamera kamen nun noch Fragen zur Gestaltung  einer Webseite hinzu. Denn bis heute wird meine Internetseite allein von mir, ohne die teure Zuarbeit von Webdesignern und Grafikern, betrieben.


Das Heute für das Morgen bewahren


All das Wissen um den Wandel in unserer Stadt, all die vielen Fotos, die noch immer ungesehen in Schubläden und Ordnern einem wachsenden Interesse an unser aller Vergangenheit entgegendämmern, sollten nun endlich einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt werden – und genauso wie damals nicht ohne kritischen Blick nach vorn. Denn auch heute noch kann so manches altvertraute Ladengeschäft dem wachsenden Druck der Eigentümer nicht mehr standhalten, verschwinden historische Theater aus unseren Boulevards oder werden Kinos und Cafés nun zur "Fashion - Locations" von Bekleidungskonzernen. 

 

Man sollte also auch heute noch genauer hinschauen auf das, was noch ist. Nicht umsonst lautet das Motto meiner Internetseite "Das Heute für das Morgen bewahren". Damit wir nicht eines Tages durch gesichtslose Straßen ganz ohne Geschichte gehen. Dann ist wohl niemand mehr da, welcher nach dem Gestern fragt, um es mit dem, was Heute ist, kritisch zu vergleichen. Unsere Kinder sind dann längst in fremde Phantasiewelten des Internets abgeglitten, wo sie noch das finden, was ihnen heute bald fehlen wird: spannende Geschichten aus einer gelebten Vergangenheit und all die vielen Dinge, die heute noch mitunter in unseren Straßen zu finden sind. Noch…

 

Lutz Röhrig

www.zeit-fuer-berlin.de