Joseph-Roth-Diele


Inhalt und Kapitelübersicht



Radetzkymarsch

Ein österreichischer Autor in Berlin



Text und Fotografien: Lutz Röhrig 

„Die Trottas waren ein junges Geschlecht. Ihr Ahnherr hatte nach der Schlacht bei Solferino den Adel bekommen. Er war Slowene. Sipolje- der Name des Dorfes, aus dem er stammte – wurde sein Adelsprädikat. Zu einer besonderen Tat hatte ihn das Schicksal ausersehn…“

 

Verwundert wird sich mancher ob dieser literarischen Einleitung die Augen reiben – erst recht, wenn er erfährt, dass diese Zeilen einem

der wohl bedeutendsten österreichischen Romane der Zeit zwischen den Weltkriegen entnommen sind.

 

Doch was hat jenes Werk mit dem Titel „Radetzkymarsch“ ausgerechnet mit einer nahe der Potsdamer Brücke gelegenen „Gast- und Lesestube“, wie sie die Betreiber nennen, zu tun? Begeben wir uns auf eine literarische Spurensuche.



Die Gründung

der Joseph - Roth - Diele



Berlin Joseph - Roth - Diele Potsdamer Straße Fassade

...„Man stand auf einmal in der mittäglichen Wärme der silbernen, verdeckten, gewitterlichen Sonne. Da erschien zwischen dem Leutnant und dem Rücken der Soldaten der Kaiser mit zwei Offizieren des Generalstabs. Er wollte gerade einen Feldstecher, den ihm einer der Begleiter reichte, an die Augen führen. Trotta wußte, was das bedeutete: Selbst wenn man annahm, daß der Feind auf dem Rückzug begriffen war, so stand seine Nachhut gewiß gegen die Österreicher gewendet, und wer einen Feldstecher erhob, gab zu erkennen, daß er ein Ziel sei, würdig, getroffen zu werden. Und es war der junge Kaiser. Trotta fühlte sein Herz im Halse...“

 

Gleich beim Betreten des Lokals wird deutlich, man hat es hier nicht mit einer jener verrucht- verrauchten Eckkneipen Alt-Berliner Zuschnitts zu tun, in denen man aus seiner in den oberen Stockwerken gelegenen Wohnung noch in Filzpantoffeln und Morgenmantel nach unten zum Frühschoppen ging.

 

Nein, diese Art von Lokalität ist die Joseph-Roth-Diele gewiss nicht. Noch nicht einmal das Prädikat „alt“ kann vergeben werden, denn die ob ihrer hölzernen Innendekoration gediegen und wie aus der Kaiserzeit stammend wirkende Literatur-Gaststätte ist im Jahre 2002 von Caroline Mentz, Ulrike Schuster, und Dieter Funk gegründet worden.



Der Schriftsteller

Joseph Roth 



...„Die Angst vor der unausdenkbaren, der grenzenlosen Katastrophe, die ihn selbst, das Regiment, die Armee, den Staat, die ganze Welt vernichten würde, jagte glühende Fröste durch seinen Körper. Seine Knie zitterten. Und der ewige Groll des subalternen Frontoffiziers gegen die Herren des Generalstabs, die keine Ahnung von der bitteren Praxis hatten, diktierte dem Leutnant jene Handlung, die seinen Namen unauslöschlich in die Geschichte seines Regiments einprägte...“

 

Ein Name für die neue Gaststätte war dank des ab 1920 im Nachbarhaus Potsdamer Straße 115 a (heute Nr. 73) zeitweilig lebenden und arbeitenden Schriftstellers Joseph Roth und der Vorliebe der Inhaber für dessen Literatur schnell gefunden. Roth arbeitete in Berlin für die „Neue Berliner Zeitung“, ab 1921 für den Berliner Börsen- Courier.

 

In Berlin verfasste Joseph Roth auch Teile seines wohl berühmtesten Werkes, dem Roman „Radetzkymarsch“, welcher anhand des Schicksals einer Familie den Niedergang der Österreichisch-Ungarischen Monarchie symbolhaft beschreibt.

Berlin Joseph - Roth - Diele Potsdamer Straße


Eine Gaststätte

mit Kultur



Berlin Joseph - Roth - Diele Potsdamer Straße Innenansicht

...„Ich bin ein Dummkopf, mein lieber Freund! sagte der Doktor. Ich hätte mich von Eva längst trennen müssen. Ich habe keine Kraft, diesem blöden Duell zu entrinnen. Ich werde aus Blödheit ein Held sein, nach Ehrenkodex und Dienstreglement. Ein Held! wiederholte er und stapfte hin und zurück vor dem Tor des Gasthofes....“

 

Und so findet man neben Fotos und Zitate des schon zu Lebzeiten überaus erfolgreichen österreichischen Schriftstellers auch dessen Literatur an den umliegenden Wänden der Gaststätte, die hier ausliegt und zum Schmökern einlädt.

 

Und wer sich – vielleicht bei einer der Lesungen – für Joseph Roth vollends begeistern lässt, kann diese hier auch jederzeit für sich selbst oder als Geschenk erwerben.



Joseph Roth

und Rindsrouladen



...„Durch das junge, trostbereite Hirn des Leutnants schoß blitzschnell eine kindische Hoffnung; sie werden nicht aufeinander schießen und sich versöhnen! Alles wird gut sein! Man wird sie zu anderen Regimentern transferieren! Mich auch! Töricht, lächerlich, unmöglich! dachte er gleich darauf...“

 

Und das Essen? Hausmannskost ist angesagt. Die Speisekarte ist übersichtlich – doch das, was sie bietet, hat eine hohe Qualität. Die Rindsrouladen, die ich bei meinen Besuch mir angedeihen ließ, waren, der Ausdruck sei mir verziehen – superlecker.

 

Meine charmante Begleitung probierte die Spätzle – diese waren erstklassig, was kein Wunder ist. Denn schließlich entstammte einer der Inhaber dem Schwabenländle…

Berlin Joseph - Roth - Diele Potsdamer Straße Innenansicht


Eine 

Empfehlung



Berlin Joseph - Roth - Diele Potsdamer Straße Innenansicht

...„Jetzt standen sie im Zimmer, der Oberleutnant Christ und der Hauptmann Wangert vom Infanterieregiment der Garnison. Sie blieben in der Nähe der Tür, der Leutnant einen halben Schritt hinter dem Hauptmann. Der Regimentsarzt warf einen Blick zum Himmel. Als ein ferner Widerhall aus ferner Kindheit zitterte die erloschene Stimme des Großvaters: Höre Israel, sprach die Stimme, der Herr, unser Gott, ist der einzige Gott! Ich bin fertig, meine Herren! sagte der Regimentsarzt...“

 

Die Joseph-Roth-Diele ist eine bemerkenswerte Gaststätte, in der insbesondere um die Mittagszeit, bei den Lesungen oder bei den von einem Klavier begleiteten Literatur- Abenden kein Platz mehr zu bekommen ist. Meine Empfehlung: Unbedingt einmal besuchen...

 



Nachklang

und Impressionen



Berlin Joseph - Roth - Diele Potsdamer Straße Innenansicht
Berlin Joseph - Roth - Diele Potsdamer Straße


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