Bismarck - Lichtspiele in Lichtenrade

Zescher Straße




 1 | Vorwort. Eine Entdeckungsreise in die Vergangenheit


Bild und Text: Lutz Röhrig 

Manchmal ist es ja so. Man geht durch eine Straße und stößt plötzlich auf etwas, das einen irgendwie anzuziehen scheint. Man erkennt, dass das scheinbar architektonisch belanglose Gebäude einst einer ganz anderen Zweckbestimmung zugedacht war, als der, einen Lebensmittel - Supermarkt zu beherbergen. Gut, wenn man gerade seine Kamera dabei hat. Zuhause angekommen, beginnt man dann anhand der Fotos mit der Recherche, was denn wohl früher hier gewesen sei. Form und Größe legen dabei schon eine gewisse Vermutung nahe. 

 

Eine Reise in die Vergangenheit beginnt. Zurück in eine Zeit, als die heutige Zescher Straße, in welcher jenes Gebäude bis vor Kurzem noch zu finden war, Bismarckstraße hieß. In den 1930er Jahren - der mutmaßlichen Bauzeit des Gebäudes - war diese erst zum Teil bebaut, es gab dort neben freiem Bauland noch einige Gärtnereien. Klar war jedoch auch schon in den 1930er Jahren, dass dies auf Grund der stetig steigenden Einwohnerzahlen Berlins  und damit auch Lichtenrades nicht lange so bleiben würde...

| Rechts der ehemalige, aus der Fassadenfront leicht heraustretende Kinobau, Links der in den 1970er Jahren für den Supermarkt errichtete Flachbau mit seiner nach hinten um ein weiteres Geschoß ansteigenden Front.



 2 | Eröffnung der Bismarck - Lichtspiele


| Die nur selten fotografierte Rückfront des ehemaligen Kinobaus (links)  und des zweistöckigen Supermarkt - Anbaus (rechts).

Steigende Einwohnerzahlen, wie Lichtenrade sie in jener Zeit hatte, bedeuteten zugleich aber auch eine hohe Zahl potentieller Kinobesucher. Daher erwarben der Kinobesitzer L. Müller sowie Willy Schönke (Wohnadresse: Kaiser-Friedrich-Str. 34) das Grundstück Bismarckstraße 25 (heute Nr. 5) des Gärtnereibesitzers Ericsson, um hier ein Kino zu errichten.

 

Am 15. Juli 1933 war es dann soweit: in dem eigens auf dem Grundstück errichteten Kinoneubau öffneten nun die "Bismarck - Lichtspiele" ihre Türen. Für ein Vorstadt - Kino waren die Dimensionen wie auch die Ausstattung beachtlich: 294 Zuschauer konnten nicht nur einfache Stummfilme, sondern dank der "Klangfilm" - Tontechnik (damals ein Unternehmen der Telefunken - Gruppe) auch moderne Tonfilme genießen. Zudem gab es eine Bühne von 5 m Länge und einer Tiefe von 4 m für diverse anderweitige Veranstaltungen, für welche auch ein Dia - Projektor vorhanden war.



 3 | Willy Schönkes Kino - Trio


Der Betrieb florierte. 1937 trat Elsa Krieger als Teilhaberin in den Kinobetrieb ein. Denn Willy Schönke hatte bereits 1935 mit den "Marien - Lichtspielen" in der heutigen Marienfelder Allee 144 (damals Berliner Straße 54) sein zweites Kino eröffnet. Das Kino in Marienfelde war im Saal der ehemaligen Gaststätte "Zum braunen Ross" eingerichtet worden, welche der Familie Manntz gehörte. Die Gaststätte war später unter dem Namen "Zum Nassen Dreieck" bekannt. Für die "Marien - Lichtspiele" setzte Schönke Anna Laubsch als Geschäftsführerin ein.

 

1940, und damit schon im Zweiten Weltkrieg,  eröffnete Willy Schönke sein nunmehr drittes Kino, das "Gloria - Filmtheater" in der benachbarten Umlandgemeinde Mahlow. Der in der damaligen Steegerstraße 10 (heute Herbert - Tschäpe - Straße) gelegene Kinobau aus dem Jahre 1928 bot Platz für 325 Zuschauer.

 

Während des Krieges waren immer wieder Schäden auszubessern, welche den Kinobetrieb behinderten. Doch immerhin, die Bismarck - Lichtspiele überstanden den Zweiten Weltkrieg, so dass es ab 1949 mit dem Betrieb wieder weitergehen konnte.

 

Auch in Mahlow blieb das Kino erhalten. Dieses Kino lag jedoch nun in der sowjetisch besetzten Zone (ab 1949 DDR). Für einen im Westen lebenden Eigentümer war es damit nicht mehr zugänglich. Das Kino bestand noch bis nach 1990 und beherbergt heute u. a. ein Reisebüro und einen Laden für preisgünstige Artikel.

 

In Marienfelde ruhte der Kinobetrieb bis 1951. Offensichtlich war das dortige Haus schwer beschädigt worden, so dass die Errichtung eines Neubaus (Architekt Franz Neumann) notwendig war, der nun jedoch nicht mehr von Willy Schönke, sondern von Else Briesch unter dem Namen "Monopol" betrieben wurde. 

| Das "Gloria - Filmtheater" in Mahlow.

 

| Vorderfront mit dem vorgelagerten ehem. Foyer. Die Eingänge wurden von den Seiten in die Mitte verlegt, wo sich einst die Kassen für die Kinokarten befanden.

 


| Blick zur Seite. Hinter dem ehem. Foyer erhebt sich der ehem. Saalbau.

| Blick von der Gebäuderückseite auf dem ehem. Saalbau. Offenbar bedingte die relativ große Spannweite des Saales eine Verstärkung durch außenliegende, sich nach oben verjüngende Pfeiler. 



 4 | Hans Heller


| Der Abbruch in Lichtenrade ist hier schon weit fortgeschritten. Vom Kinobau ist bereits nichts mehr übrig, nur der ehem. Anbau steht noch in Resten.

Doch auch das Kino in Lichtenrade gab Willy Schönke bald auf. 1950 kam es hier zu einem Inhaberwechsel. Der Betrieb gehörte nun dem in der Wilmersdorfer Ahrweiler Straße 1 wohnenden Heinz Steckel. Das Kino wurde im Auftrag der "Heinz Steckel & Co" von Richard Starke geleitet.

 

1954 kam es erneut zu einem bemerkenswerten Wechsel: Die "Bismarck - Lichtspiele" wurden der Schönke & Heller oHG" übertragen - und gehörten damit wieder Willy Schönke sowie dessen neuen Teilhaber Hans Heller.

 

Wie Schönke hatte auch Hans Heller ein Kino in der DDR durch die dortigen Verhältnisse verloren. Heller kam aus Zossen, wo er Mitte der 1920er Jahre das Hotel und Restaurant "Zum Schwan" erworben hatte, um im Saalbau das Lichtspieltheater "Skala" einzurichten.  Endlich hatte Heller damit ein festes Haus, nachdem er jahrelang mit einer mobilen Kinoapparatur durch die Lande gezogen war. Im Krieg wurde der Saalbau und damit das Kino schwer beschädigt, doch befahl die sowjetische Administration nach Kriegsende den Wiederaufbau, um der Bevölkerung eine kulturelle Anlaufstelle zu bieten - und auch auf diesem Gebiet ihren Einfluss auszuüben. 1953 floh Hans Heller, der sich ohne Perspektive sah, schließlich nach West - Berlin. 



 5 | Die Schlussphase der Bismarck - Lichtspiele


Mit Willy Schönke und Arthur Heller unterstanden die "Bismarck - Lichtspiele" nun also zwei erfahrenen Kinobetreibern, die wussten, was sie taten. So erfolgte 1957 etwa die Erweiterung des filmischen Angebots mit den damals neuen Breitwandfilmen, was mit der vorhandenen Technik ohne weiteres möglich war. Das Kino florierte. 

 

Doch mit dem Mauerbau im Jahre 1961 blieb die Kundschaft aus dem benachbarten Umland schlagartig aus. Zudem orientierte sich das Publikum im eingeschlossenen West - Berlin längst in Richtung der neuen luxuriösen Kinopalästen am Zoo und am Kurfürstendamm. Hier waren z. B. 1953 der neue Gloria - Palast und 1957 der Zoo - Palast entstanden. Zudem bestanden traditionelle Kinos wie das "Marmorhaus" oder die "Filmbühne Wien" dort weiter fort.

 

1962 kam schließlich das "Aus" für die Bismarck - Lichtspiele. In das Gebäude zog nun "Super - Discount Weisner", eine Lebensmittel - Filialkette, die zunächst mit vier fünf Filialen in Berlin vertreten waren (noch Uhlandstraße 45, Gersdorfstraße 42 [Zentrale] und Mariendorfer Damm 96). In den 1970er Jahren, die Filialkette bestand nun aus sechs Märkten, reichte die Fläche dem Lebensmittel - Discounter nicht mehr aus.

 

Daher wurde von diesem das benachbarte Mehrfamilienhaus Zescher Straße 3 erworben, abgebrochen und hier ein an das ehem. Kinogebäude angrenzender Flachbau errichtet. In den erheblich größeren Flachbau zog nun der Lebensmitteldiscounter, während das ehemalige Kinogebäude u. a. an Schuh - Reno sowie einer Reinigungsfirma und dem Spielcasino "Traum - Insel" (in der oberen Etage) vermietet wurde.  Weisner betrieb hier noch bis ca. 1980 einen Lebensmittel - Markt. Die Ablösung durch "Aldi" erfolgte dementsprechend danach.

 

Dem heutigen Anspruch eines modernen Lebensmittel - Filialbetriebs konnte jedoch die Gebäudekonstellation aus Kino-Altbau und dem Anbau aus den 1970er Jahren kaum mehr genügen. 2018 wurde das Grundstück zu Gunsten einer neuen Aldi - Filiale beräumt. Ein interessantes Stück Kinogeschichte findet damit nun auch baulich ihr Ende.

 

| Das ehemalige Kinogebäude (Bildmitte, erkennbar am Dach) sowie der für die Discounter - Kette Weisner entstandene Anbau auf einer Google - Luftaufnahme. Am Bildrand oben verläuft die Bahnhofsstraße, von welcher die Zescher Straße zur Bildmitte nach unten hin abzweigt.

 

| Blick auf den hinteren Teil des ehem. Anbaus.



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