Einführung

Berlin als Filmstadt



Zur Geschichte 

des Films in Berlin



Text: Lutz Röhrig 

Zu den ersten Akteuren des Films in Berlin gehörten die Brüder Skladanowsky. Max Skladanowsky entwickelte 1894 seine erste Filmkamera, dem später sein erster Projektionsapparat, das "Bioscope" folgte. Erste Aufführungen fanden im Juli 1895 im Lokal "Feldschlösschen" in Pankow statt. Hier, im Saal dieses Lokals, sollte später das Kino "Tivoli" entstehen. Am 1. November 1895 führte Max Skladanowsky mithilfe des Bioscope die erste kommerzielle Filmvorführung im Berliner Varieté Wintergarten am Bahnhof Friedrichstraße durch, zu der insgesamt fünf Filme gehören sollten, darunter das bekannte "boxende Känguru". Das Bioscope war jedoch, wovon sich die Brüder am 28. Dezember 1895  - der offiziellen Geburtsstunde des Films - in Paris selbst überzeugen konnten, dem "Cinématographe" der Brüder Lumière technisch unterlegen.

| Die Brüder Max (rechts) und Eugen Skladanowsky, 1934, mit ihrem "Bioscope" . Aufnahme des Bundesarchiv, Bild 183-R96755 / CC-BY-SA 3.0

Kinofilme wurden in Deutschland, wie auch das Beispiel der Brüder Skladanowsky zeigt, zunächst vor allem in Gastwirtschaften aufgeführt. Mit der Zeit wurden dann spezielle, den Wünschen des Publikums nach größerer Bequemlichkeit und den neuen technischen Möglichkeiten folgend, spezielle Kinosäle eingerichtet. 

 

1907 richtete Alfred Topp im 1. OG eines Eckgebäudes am Kottbusser Damm in Kreuzberg, in dem er schon ein Lokal betrieb, in den Räumen eines ehem. Panoptikums einen eigenen Kinosaal ein. Das Kino, welches zunächst den Namen "Lichtspieltheater am Zickenplatz" trug, existiert unter den Namen Moviemento bis heute und ist damit das älteste, noch in Betrieb befindliche Kino Deutschlands. 

| Der Kottbusser Damm in der Zeit um den Ersten Weltkrieg herum. Rechts an der Ecke zur Boppstraße das damals als "Vitascope - Theater" bezeichnete spätere Moviemento. Im Hintergrund der Hermannplatz.

So hatten sich im Laufe der Zeit bereits vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin eine ganze Reihe von Kinos etabliert. Aber auch für die Produktion von Filmen gab es im Berliner Raum bereits spezielle Einrichtungen und Studios. Am 12. Februar 1912 begannen die Dreharbeiten im Glashaus - Atelier der "Deutschen Bioscope" in Babelsberg zum Film "Der Totentanz" mit Asta Nielsen in der Hauptrolle - die Geburtsstunde der späteren Filmstadt, die 1922 von der UFA übernommen werden sollte. Im späteren Berliner Bezirk Tempelhof begann man ab 1913 an der Oberlandstraße mit dem Bau von Filmateliers durch den Filmpionier Alfred Duskers und dessen "Literaria Film GmbH", an welcher auch die französische Pathé Fréres finanziell beteiligt war.

 

1913 entstand auch das erste Studio in Berlin - Weißensee. Noch im gleichen Jahr eröffnete hier der Abbruch - Unternehmer Paul Köhler ebenfalls einen Studio - Komplex an der Franz - Joseph - Straße, in dem Filme wie "Der Hund von Baskerville" gedreht wurden. Der eigentliche Boom kam für Weißensee nach dem Ersten Weltkrieg. Zu den Hauptakteuren jener Zeit gehörte hier u. a.  auch Joe May, der in Weißensee den Film "Das Cabinet des Dr. Caligari" mit Fritz Lang als Regisseur drehte.

 

Weißensee blieb bis zur Einführung des Tonfilms einer der wichtigsten Produktionsstandtorte und besaß eine dementsprechende Dichte an Kinos. So eröffnete hier 1921 beispielsweise die später als Delphi bekannt gewordenen  "Meckel- Lichtspiele" ihre Pforten. Ein im Vergleich zum noch heute bestehenden Moviemento, das aus einem ehem. Wachsfigurenkabinett entstand, moderner Kinopalast neuester Bauart. Denn längst hatten moderne Kinobauten den in ehemaligen Kneipen und anderen Räumlichkeiten eingerichtete Kinos den Rang abgelaufen. Das Kino gerierte mit der Zeit zur eigenen architektonischen Bauaufgabe mit Namen wie Hugo Pál (Marmorhaus, 1912) oder Hans Poelzig (Babylon, Capitol am Zoo)

| Das ehem. Kino Delphi, das heute dank privater Betreiber, erhalten werden konnte und nun für Kulturveranstaltungen aller Art genutzt wird. Bekannt wurde es u. a. durch die TV - Serie "Babylon Berlin", da hier die beeindruckten Ballsaal - Szenen (mit dem Song "zu Asche, zu Staub") entstanden. 

Nachdem der deutsche Film mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf Grund der nun fehlenden Auslandsmärkte nahezu bankrott war, begann dieser im Laufe des immer länger währenden Krieges mit einem rasanten wirtschaftlichen Aufschwung. Denn in der Umkehrung der Situation zu Beginn des Krieges blieb nun auch der ausländischen Konkurrenz der deutsche Markt versperrt. Zudem wurde der Bedarf nach Ablenkung durch das Medium Film auf Grund der sich verschärfenden Kriegslage immer größer.  Und auch die militärische Propaganda erkannte nun den Wert und den Einfluss des Films.

So begründete der Erste kaiserliche Generalquartiermeister Erich Ludendorff in Tempelhof 1917 das "Bild- und Filmamt" (BUFA) ein, das der Herstellung und Verbreitung von Propagandafilmen diente. Ludendorff wies auf die Wichtigkeit der Schaffung eines Filmkonzerns mit Reichsbeteiligung hin. Am 18. Dezember 1917 kam es zur Gründung der "Universum - Film Aktiengesellschaft Berlin", kurz UFA, an welcher das deutsche Kaiserreich mit 7,5 Millionen Mark beteiligt war. Ab 1918 wurden die Tempelhofer Studios durch die UFA weiter ausgebaut.

 

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs machte die Entwicklung des Mediums Film gewaltige Fortschritte, die Zahl der Kinos stieg rasant. Allein in der Zeit von 1918 bis 1930 wuchs deren Zahl von 2300 auf 5000. Damit war Deutschland das europäische Land mit den meisten Kinos. Angesichts eines Publikums von täglich etwa 2 Millionen war auch die Produktion von Filmen dementsprechend hoch. Auch hier war Deutschland zwischen 1920 und 1930 europaweit führend. 

 

Dementsprechend wurden auch die Filmstudios weiter ausgebaut und neue eröffnet. So ließ nach 1918 Joe May in Woltersdorf bei Berlin eine eigene Filmstadt bauen, in denen Klassiker wie "Das indische Grabmal" (1921) entstanden. Woltersdorf wurde so zur Geburtsstädte des deutschen Monumentalfilms. 

 

Der "Film" hatte sich längst zu einem bedeutenden eigenen Wirtschaftszweig entwickelt, der entsprechend differenzierte Berufsstände hervorbrachte. Zu diesem gehörte auch eine Reihe großer Film - Regisseure, die künstlerisch hervorragende Meisterwerke produzierten, wie z. B. Robert Wiene (Das Cabinett des Dr. Caligari, 1919/20), Friedrich Wilhelm Murnau (Nosferatu, 1922), Fritz Lang (Metropolis, 1927) oder Josef von Sternberg (Der blaue Engel, 1930/31).

Doch Berlin war keineswegs nur ein Ort der Produktion oder der größten Kinodichte in Europa, sondern erstmals spielte die Stadt in den 1920er Jahren mit ihren damals 4 Millionen Einwohnern und ihren großen sozialen Problemen auch selbst eine bedeutende Rolle. Der Film "Die Stadt der Millionen. Ein Lebensbild Berlins" (1925) ist der erste abendfüllende Film über Berlin und das Leben in der Stadt.

 

Einer der bedeutendsten Filme über das Berlin jener Jahre ist sicher Walther Ruttmans "Die Sinfonie einer Großstadt" (1927), in dem das Leben in Berlin in einer Art expressionistischer Collage zusammengestellt wird.  

 

Dem Freizeitvergnügen ist hingegen der Film "Menschen am Sonntag" (1930)gewidmet, den Billy Wilder halbdokumentarisch mit Laienschauspielern inszenierte.  Erheblich ernsterer Natur sind die Filme "Berlin Alexanderplatz" von Phil Jutzi (1931) oder der Film "Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt?" (1932), welcher die hohe Arbeitslosigkeit und die hieraus erwachsenden Probleme der Zeit aufgreifen.

| Blick in das "Capitol am Zoo". Ein gewaltiges Großkino mit 1300 Plätzen des Architekten Hans Poelzig, siehe auch das Titelbild zu diesem Artikel. Eröffnet 1925, war das Kino ganz im Stil des Expressionismus gehalten. Das an Stelle des heutigen "Bikini - Hauses" und des "Zoo - Palast" sich erhebende Gebäude wurde leider im Krieg zerstört.

Eine Zäsur bedeutete die Einführung des Tonfilms. So experimentierten die Erfinder Jo (Joseph) Engl, Joseph Massolle und Hans Vogt im späteren Berliner Stadtteil Wilmersdorf in einem ehem. Blumenladen an der Möglichkeit, Schallwellen fotographisch auf Film aufzuzeichnen. Das so entwickelte und 1918 zum Patent angemeldete Verfahren erhielt den Namen "Tri-ergon", d. h. "Das Werk der Drei".  Am 26. Februar 1921 wurde der erste Tonfilm vorgeführt und am 17. September 1922 erfolgte die Präsentation des ersten Licht - Tonfilms im Berliner Kino "Alhambra" am Kurfürstendamm vor etwa 1000 Zuschauern.  Doch die Filmindustrie zeigte mit den Blick auf die Kosten einer Umstellung auf Tonfilm nur wenig Interesse. 1923 sahen sich die drei Erfinder schließlich gezwungen, alle Patente und Rechte an eine Schweizer Finanzgruppe zu veräußern. In der so begründeten "Triergon AG" in St. Gallen fungierten sie nur noch als technische Berater.

 

1926 wurden die Patente an die amerikanische "Fox" und dem deutschen "Tobis-Tonbild-Syndikat" (als "Tri-Ergon - Musik AG" durch die schweizer Triergon AG begründet, die sich dann mit der holländisch - deutschen H. J. Küchenmeister KG in Berlin, der Deutschen Tonfilm AG in Hannover und der Messterton AG, ebenfalls in Berlin, zum Zwecke der Tonfilmproduktion zusammenschloss) weiterverkauft - mit Konsequenzen auch für die Geräteindustrie. Die von Siemens & Halske und der AEG gemeinsam begründete "Klangfilm GmbH" einigte sich mit der "Tobis gerichtlich dahingehend, das die Klangfilm die Geräte, Tobis jedoch die Filme produzierte. 

 

Die Deutsche Tobis - Klangfilmgruppe und die amerikanischen Filmkonzerne stehen nun auf dem Weltmarkt in scharfer Konkurrenz zueinander. Man einigt sich schließlich 1930 im "Pariser Tonfilmfrieden" auf eine gemeinsame Aufteilung des Weltmarktes. Und die drei Berliner Erfinder? Nun, Engl geht zur amerikanischen Fox, Massolle wird technischer Direktor der Tobis und Vogt gründet mit neuen Erfindungen die Vogt - Werke bei Passau.    

 

Die Kinos hatten sich nun wie auch die Produktionsgesellschaften auf die gestiegenen technischen Anforderungen des Tonfilms einzurichten. Auf Grund des hohen Kapitalbedarfs der neuen Technik kam es bei den Produktionsgesellschaften zu einer immer höheren Konzentration. 1928 gingen so in den Studios in Weißensee die Lichter aus, die technisch mit der neuen Entwicklung nicht schritthalten konnten.

 

Am Ende blieben im Jahr 1932 mit der "UFA", der "Tobis", der "Terra" und der "Bavaria" nur noch vier große Produktionsfirmen übrig - eine auch in politischer Hinsicht bedenkliche Konzentration. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, das der Haupteigner der größten Produktionsgesellschaft, der zunächst stark defizitären UFA, seit 1927 Alfred Hugenberg war, dessen Konzern am politisch äußerst rechten Ende stand.

 

Ab 1933 und dem Beginn der nationalsozialistischen Diktatur sahen sich viele Filmschaffende Verfolgung und Berufsverboten ausgesetzt. Viele emigrierten daher ins Ausland, zu denen - neben vielen anderen - etwa Fritz Lang, Marlene Dietrich, Peter Lorre, Max Ophülls, Friedrich Holländer gehörten. Der deutsche Film hatte sich, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, nun ganz den Zielen der NS - Propaganda unterzuordnen. Der weitere Weg des deutschen Films und der Filmstadt Berlin in die Katastrophe ist bekannt.



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