Das Ensemble U- Bahnhof Schloßstraße

- Zweiter Teil -



Zweiter Teil

Kapitel 7 - 13




Ladenpassage und

Brückenbeleuchtung



Zum heutigen, recht abweisend wirkenden Eindruck des Verteilergeschosses trägt auch eine Maßnahme aus jüngster Zeit bei. So war das im nördlichen Kopfbau befindliche Spielwarengeschäft von dem Architektenehepaar ganz bewusst auf zwei Ebenen angelegt worden, um eine zusätzliche Belebung des Verteilergeschosses zu erreichen. Die im Verteilergeschoß ursprünglich vorhandenen Schaufenster und Eingänge des Geschäftes wurden jedoch bereits vor längerer Zeit auf Grund von Vandalismus mit großformatigen Metallplatten verschlossen, so das hier statt einer Belebung ein weiterer toter Winkel mit entsprechend unerfreulichen Anblicken (und Gerüchen...) entstand.

 

Zur Beleuchtung des Verteilergeschosses mit Tageslicht waren zunächst entsprechend der Lage der Zugangstreppen links und rechts der Brücke Lichtschächte vorgesehen. Im Laufe der weiteren Planung entfielen jedoch diese wieder und die Treppen erhielten eine Position direkt unterhalb der Autobahnbrücke. So entwarf das Architektenpaar ein zwischen den Rippen der Betonbrücke zu installierendes Beleuchtungskonzept, das den gesamten Bereich unter der Brücke taghell erleuchtet und so auch die Eingangssituation zu dem darunterliegenden  Verteilergeschoss durch dieses zusätzliche Licht verbessert hätte.

 

Leider wurde diese Maßnahme aus Kostengründen nicht realisiert, so dass dieser Bereich bis heute schmuddelig und abweisend wirkt und Platz für eher Unerfreuliches bietet, dem der im halbdunkeln liegende Stadtraum unfreiwillig die nötige Diskretion gewährt. 

 

Nicht realisiert wurde auch der direkte Zugang zum Warenhaus des Bekleidungskonzerns C & A, welcher zu einer zusätzlichen Belebung der Verteilerebene beigetragen hätte. Immerhin wurde 1974/75 - also zeitgleich mit den Baumaßnahmen des Architektenehepaars - durch Werner Auth ein Verbindungstunnel zwischen der Lebensmittelabteilung des Wertheim - Kaufhauses und dem Verteilergeschoss geschaffen.

| Der ursprüngliche Plan der Architekten sah vor, neben der Montage der roten Paneele auch eine Beleuchtung zu installieren, die den dunklen Bereich unterhalb der Brücke taghell erleuchtet hätte. Zudem hätten hiervon auch die Treppenanlagen sowie die Verteilerebene hiervon profitiert.
Berlin. U-Bahnhof Schloßstraße. Verschlossene Schaufensterscheiben im Verteilergeschoss
| Mit Blechen dauerhaft verschlossene Schaufensterscheiben und
Eingangstüren im Verteilergeschoss


Sichtbeton

und Hosalit



Berlin. U-Bahnhof Schloßstraße. Bahnhofsname

| Die inzwischen vollständig demontierten Hosalit - Elemente mit dem Bahnhofsnamen. Der untere Farbanstrich kam erst in späterer Zeit hinzu

Dem Gedanken folgend, dass ein Bauwerk und dessen Form sich am besten durch sich selbst erklärt, wurde seitens des Architektenpaars beschlossen, die rauen Betonwände unverkleidet zu belassen. Als Kontrapunkt dazu wurden diese freien Sichtflächen auf dem unbehandelten Beton von aus Hosalit gefertigten dunkelblauen Kunststoffelementen eingefasst, welche den Bahnhofsnamen auf orange hinterlegten Feldern trugen. Zudem bot die Verkleidung der auf den Bahnsteig befindlichen Pfeiler zugleich den wartenden Fahrgästen Ruhemöglichkeiten in Form von in die Säulenverkleidung integrierten Bänken.

 

Die im Deckenbereich verlaufenden röhrenförmigen Kabeltrassen für Beleuchtung, Lautsprecher etc. wurden hingegen rot umkleidet. Querab zu den roten Röhren der Kabelführungen verlaufen gelbe Trägersysteme, welche die eigentliche Beleuchtung sowie die Lautsprecher für die Bahnhofsdurchsagen aufnahmen.

 

Es bestand somit ein System an je nach Verwendungszweck farblich abgestimmten Funktions- und Leitelementen, das sich bis hinauf in den Bierpinsel fortsetzte, dessen Bau zeitgleich durch das Architektenpaar angeregt und durchgeführt wurde. Am 30. September 1974 erfolgte schließlich die Eröffnung des U – Bahnhofs, zunächst – und wohl noch für lange Zeit – ausschließlich für den Betrieb der U9.  



Hosalit kontra

Farbeimer und Pinselanstrich



Mit der Begründung, das insbesondere die Bahnhofsauskleidung aus blauen Hosalit - Elementen im zunehmenden Maße Vandalismus durch Schmierereien und Zerkratzen der Oberflächen ausgesetzt seien, begann im Jahr 2010 der Rückbau der Bahnhofsauskleidung, die lediglich durch einen einfachen blauen Farbanstrich ersetzt wurde. Damit verschwanden zugleich auch die typischen Sitzbänke des Bahnhofs Schloßstraße, welche durch die allseits bekannten Drahtgeflecht – Sitzmöbel ausgetauscht wurden.

 

In den folgenden Jahren ersetzte man zudem die Bahnhofsnamen an den Wandflächen durch bedruckte Elemente und legte die Beleuchtungsanlage in den gelben Trägersystemen still. Diese wurden durch die großen, nun an der Bahnhofsdecke befestigten Halbkugeln ersetzt, wie sie hervorragend zu den Bahnhöfen der Vorkriegszeit, nicht jedoch für ein modernes Bauwerk der 1970er Jahre passen würden.

 

Da zudem die Deckenhöhe im zweiten Untergeschoß niedriger ist als im ersten, ist das neue Konzept dort nicht so ohne weiteres übertragbar. Während der mehrwöchigen Sperrung wurden nun auch die letzten blauen Hosalit-Elemente entfernt. Was einmal an deren Stelle tritt, bleibt unklar. 

Berlin. U-Bahnhof Schloßstraße. Originäre Beleuchtung vs. moderner

| Die originäre Beleuchtung in den auskragenden Lampenträgern wurde

durch unpassende Halbkugelleuchten im Deckenbereich ersetzt



Der

Bierpinsel



Berlin. Schloßstraße. Bierpinsel

| Der Bierpinsel. Die von der Schloßstraße abgewandte Rückseite mit dem Treppenaufgang und im aktuellen, durch Künstler gestalteten Farbanstrich. Eine Rückkehr zum originären Rot der Architekten wäre wünschenswert.

Um die übereinanderliegenden Verkehrsebenen der Schloßstraße im Bereich des nördlichen Kopfbaues (zwei Tiefgeschosse mit den Richtungsbahnsteigen, die Verteilerebene, die Straßenebene sowie die Autobahnbrücke) auch optisch nach außen zu kennzeichnen, sollte der Verkehrsort durch eine „Stadtmarke“, wie das Architektenpaar sich ausdrückte, betont werden.

 

Zugleich sollte mit dieser Stadtmarke auch die Waagerechte der Autobahnbrücke durch eine Vertikale Gegenposition aufgehoben werden. Eine reine Skulptur kam aus ökonomischen Gründen nicht in Frage, eher schon ein Turmbauwerk, das durch seinen künftigen Nutzen den finanziellen Aufwand rechtfertigen würde.

 

Die Planungen durch das Architektenpaar begannen zeitgleich mit dem U – Bahnhof, da die technische Infrastruktur mit diesem verwoben ist. So führt beispielsweise die Fahrstuhlanlage durchgehend vom Verteilergeschoß des U - Bahnhofs über die Straßenebene bis hinauf in den Bierpinsel, welcher somit als integraler Bestandteil sowohl des U – Bahnhofs als auch der übrigen Verkehrsbauwerke in diesem Bereich der Schloßstraße zu sehen ist. Die ursprünglich geplante Verbindungsbrücke zwischen Bierpinsel und dem gegenüberliegenden Wertheim - Kaufhaus (über die Autobahnbrücke hinweg) wurde jedoch nie realisiert, da sich das Kaufhaus von dem hier geplanten "Wertheim - Café" wieder distanzierte.

 

Das Projekt eines Turmrestaurants erwies sich, insbesondere im Hinblick auf die Baukosten und den geplanten Betreibern, jedoch komplizierter als gedacht. Diverse Umplanungen waren erforderlich, bis endlich das Turmrestaurant durch eine Brauerei im Oktober 1976 als Biergaststätte eröffnet wurde. 



Der Verfall

des Bierpinsels



Zwar wurde durch das Architektenehepaar 1986 ein gestalterisch erheblich ansprechender Eingang zur Schloßstraße ausgeführt. Jedoch versäumte es die BEWOGE als Besitzerin der Immobilie, diese auf den neuesten technischen Stand zu halten.

 

Das Gebäude wurde, da man die inzwischen erforderliche hohe Summe für einen zeitgemäßen technischen Standard nicht aufzubringen vermochte, an einen privaten Eigentümer veräußert, der jedoch nur die notwendigsten Reparaturen durchführen ließ. Das Bauwerk wurde schließlich außen wie innen unansehnlich, der Betrieb eingestellt und das Gebäude veräußert. Künstler taten dann ein Übriges, das Bauwerk zu entstellen.

 

Zu hoffen bleibt, dass es bald wieder – in originärer roter Farbgebung – als Gaststätte erneut in Betrieb gehen wird. Steglitz erhielte damit ein bedeutendes Wahrzeichen zurück. 

Berlin. Schloßstraße. Eingangsbereich Bierpinsel

| Der nachträglich durch das Architektenpaar Schüler /Schüler- Witte

umgebaute Eingangsbereich zur Aufzugsanlage des Bierpinsel unter der

Joachim- Tiburtius- Brücke



Aussicht auf

Hoffnung?



Berlin. U- Bahnhof Schloßstraße. Treppenabgang noch unverändert

| Einer der noch weitgehend originären Treppenabgänge

Mit dem U- Bahnhof Schloßstraße entstand der einzig tatsächlich ausgeführte Bahnhof des Architekturbüros Ralf Schüler / Ursulina Schüler – Witte, das durch den Bau des Bierpinsels und später des ICC bekannt werden sollte. Er ist durch seine spezielle Architektur, die dem Brutalismus zuzuordnen ist, ein bemerkenswertes Zeitdokument, das zusammen mit den beiden unter der Autobahnbrücke befindlichen Kopfbauten und dem Bierpinsel ein gestalterisch wie auch technisch einzigartiges Ensemble bildet. Ein radikaler Umbau im Sinne einer ästhetisch scheinbar ansprechenderen Form würde dieses architektonische Kleinod für immer der Nachwelt entziehen.

 

Ein Schicksal, das bald auch dem ICC – durch Abriss oder Umnutzung zu drohen scheint. Berlins architektonisches Erbe besteht nicht nur aus den Bauwerken der Vergangenheit wie etwa dem Brandenburger Tor, sondern auch aus jenen der jüngeren Zeitgeschichte. Denn auch das Kapitel „Bauen im Westteil Berlins“ verdient es, durch seine steinernen Sachzeugen für die Nachwelt bewahrt zu werden.  



Bestandsaufnahmen eines 

im Wandel begriffenen Bahnhofs




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