Zauberkönig Berlin. Ladengeschäft Neukölln Hermannstraße Innenraum Gesamtansicht

Ein Zauberkönig

in Berlin



Ein Zauberkönig in der Hermannstraße


Inhalt und Kapitelübersicht



Vorgeschichte.

Eine Dose zum Knobeln



Bild und Text: Lutz Röhrig 

…irgendwann in den 1970ern nahm uns Kinder ein Onkel mit seinem VW-Käfer mit nach Neukölln. Er wolle uns etwas Besonderes kaufen, was man nicht alle Tage in den Kaufhäusern findet. Gespannt fuhren wir also den Kottbusser Damm, den Hermannplatz und die Hermannstraße entlang, bis wir auf Höhe der dortigen Friedhöfe waren – und hielten vor einem unscheinbaren Flachbau, dessen Schaufenster jedoch sofort unsere Aufmerksamkeit fanden. Was es da alles zu sehen gab… Gekauft wurde für uns beide ein Knobelspiel namens „Spring“, dessen rot – cremefarbene Kunststoffdose uns noch viele Jahre begleiten sollte – bis sie irgendwann spurlos verschwand…

 

Vierzig Jahre später. Urplötzlich taucht die Nachricht aus der üblichen Pressewolke auf, dass eine noch aus der Nachkriegszeit stammende Ladenzeile in der Hermannstraße abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden soll. Bald war klar, dass unter den vom Abriss betroffenen Geschäften wohl auch der „Zauberkönig“ sein muss – jener Laden also, den wir als Kinder einst besuchten. Grund genug, einen Ausflug mit meiner Kamera dorthin zu unternehmen – selbstverständlich begleitet von meiner Schwester.

 

Empfangen wurden wir zu meiner Überraschung von einer sehr freundlichen Dame, mit der wir sehr schnell ins Gespräch kamen. Bald war neben der Erstellung von Fotos auch von der langen Geschichte des „Zauberkönigs“ die Rede, die von den beiden Inhaberinnen erst zum Teil eruiert werden konnte. Eine Geschichte, die, wie so oft, auf Grund der Zeitereignisse eine Geschichte voller Umbrüche ist mit tragischen Auswirkungen für den Einzelnen.

Zauberkönig Berlin. Ladengeschäft Neukölln Hermannstraße

| Das Ladengeschäft des "Zauberkönigs". Seit 1952 in einem eigens errichteten Flachbau am Rande eines Friedhofsgeländes an der Hermannstraße 84 - 90 ansässig. Ein Geschäft mit geradezu magischen Inhalt...


Zauberkönig Berlin. Ladengeschäft Neukölln mit Landebefeuerung

| Auch Geschichte: Die Anflugbefeuerung des ehem. Flughafen Tempelhof, direkt hinter dem Nachkriegsprovisorium des Zauberkönigs. Im Bereich der Bahnanlagen ist die alte Befeuerung bereits teilweise abgebaut.

Zauberkönig Berlin. Ladengeschäft Neukölln Hermannstraße Innenraum

| In jeder Ecke Überraschungen. Ein wahrhaft magischer Laden. Ich mochte ihn schon als Kind - und nun wieder für mich entdeckt.



Das Geschäft in

der Friedrichstraße



Zauberkönig Berlin. Ladengeschäft Neukölln Hermannstraße Innenraum und Ofen

| Ein kleines Paradies der Erinnerung. Was es hier alles gibt: Neben Artikel für gestandene Magier auch bunte Masken, Scherzartikel wie realistisch wirkende "Hundehinterlassenschaften", Kostüme zum Ausleihen, falsche Bärte, Kreisel und allerlei Spielzeug. Wahrlich ein kleines Paradies...

Begonnen hat diese Geschichte nicht etwa in Neukölln, sondern in der damals für ihre vielen Theater und Varietés berühmten Friedrichstraße mit klangvollen, ja geradezu legendären Namen wie dem „Metropoltheater“, das Apollo – Theater, dem Passage – Theater und natürlich, dem legendären „Wintergarten“. Dieser war tatsächlich aus dem 2000 qm großen Wintergarten des 1880 eröffneten „Central – Hotels“ hervorgegangen und wurde schon früh für diverse Veranstaltungen genutzt. 1884 wird der Wintergarten endgültig zum separaten Programm – und Verzehrtheater umgewandelt, welches sich alsbald einen hervorragenden Namen vor allem mit seinen Varieté – Vorstellungen erwirbt.

 

Es ist somit nicht verwunderlich, das Joseph Leichtmann, welcher 1880 bereits in Wien seinen ersten Zauberladen eröffnete hatte und 1884 in München sein nächstes Projekt wagte, noch im gleichen Jahr auch in Berlin eine derartiges Geschäft eröffnet, um hier den zahlreichen Varieté – Künstlern und Magiern eine Stätte zu bieten, in denen sie ihr für ihre Auftritte benötigtes Zubehör erhalten können.

 

In bester Lage, in der Friedrichstraße 54, etwa am Standort der heutigen Galerie Lafayette, richtete er ein bald weithin bekanntes, sich über zwei Etagen erstreckendes Geschäft für Zaubereiartikel ein. Auch seine vier Töchter Rosa, Melanie, Leonie und Charlotte ließen sich im Laufe der Jahre von der Zauberei begeistern und führten die als „Zauberkönig“ firmierenden Ladengeschäfte ihres Vaters weiter fort.  



Die vier

Schwestern



Während Rosa Leichtmann die Hamburger Filiale übernahm, wurde

Melanie das Geschäft in Köln übertragen, Leonie erhielt den Laden in München und Charlotte als älteste Tochter den Zauberkönig in Berlin. Alle vier wurden unterstützt durch Ihre Ehemänner, die gleichfalls aus der Branche kamen und z. T. namhafte Illusionisten waren.

 

Doch allzu schnell änderten sich die Zeiten. Nach dem Untergang der Monarchie erlebte die Zauberkunst in der Weimarer Republik zwar durch den erneuten Aufstieg des Varietés eine neue Glanzzeit. Doch mit dem Niedergang der Weimarer Republik änderte sich für die vier Familien der Zauberkönig – Geschäfte der Alltag radikal.

Zauberkönig Berlin Neukölln Hermannstraße Masken

Aus jeder Perspektive einmalig. Man kann sich kaum sattsehen an den vielen bunten Gegenständen...



Die Zauberkönigläden

während der NS - Zeit



Zauberkönig Berlin. Ladengeschäft Neukölln Hermannstraße

| Bald wird es diese Ansicht nicht mehr geben. Die Nachkriegsprovisorien werden zugunsten neuer Wohnungen und Ladengeschäfte verschwinden.

Während das Hamburger Geschäft am Jungfernstieg wie auch Rosa Leichtmann vermutlich auf Grund des aus Ungarn stammenden, „arischen“ Ehegatten Joseph Bartl – einem bekannten Magier - keinen Repressalien ausgesetzt war, sah es in Köln anders aus. Hier wurde Melanie Leichtmann ins KZ Theresienstadt deportiert - wo sie den Zweiten Weltkrieg jedoch überlebte. Nach dem Krieg baute sie den Kölner „Zauberkönig“ zusammen mit ihrer Tochter wieder auf. Deren Sohn, Karl-Dieter Opp, wurde einer der bekanntesten deutschen Soziologen und war als Professor an diversen in- und ausländischen Universitäten tätig.

 

Auch im Münchner „Zauberkönig“ liefen die Geschäfte, vermutlich ebenfalls auf Grund des Ehemanns von Leonie, Otto Mösch, nahezu unverändert weiter. Doch ebenso wie Melanie in Köln sah sich auch Charlotte in Berlin härtesten Repressionen durch die Nazis  ausgesetzt. Seit 1909 führte sie mit ihrem gleichfalls jüdischen Ehemann Arthur Kroner das Geschäft. 1938 musste Charlotte das Geschäft an Regine Schmidt, einer Angestellten des Zauberkönigs, abgeben, da die Führung eigener Geschäfte allen Juden fortan verboten war.



Die wirtschaftliche wie allgemeine Lage der Juden in Deutschland wurde damit immer prekärer. Ein Teil der Familie Kroner konnte sich in die Immigration retten. Charlotte und ihr Ehemann sowie ihre älteste Tochter Meta, welche man zur leitenden Angestellten des Zauberkönigs degradiert hatte, verblieben jedoch in Berlin.

 

Meta wird Anfang der 1940er Jahre schließlich verhaftet und nach Ausschwitz deportiert und dort ermordet. Charlotte und ihr Ehemann begreifen ihre aussichtslose Lage und begehen 1943 aus Angst und Verzweiflung Selbstmord.

Zauberkönig Berlin Neukölln Hermannstraße Automat

Ein Automat mit Scherzartikeln - wohl einmalig in Berlin



Von der Nachkriegszeit

bis zur Gegenwart



Nach dem Krieg führt Regina Schmidt, der man das Geschäft während der NS – Zeit übertragen hatte, in der Friedrichstraße den Berliner „Zauberkönig“ zunächst weiter. Doch da sie im Westteil der Stadt ihren Wohnsitz hatte, das Geschäft jedoch im östlichen lag, wird sie 1952 durch die DDR – Machthaber enteignet.

 

Noch im selben Jahr eröffnet sie daher in einer eigens errichteten Baracke auf dem Gelände der Friedhöfe an der Hermannstraße ein neues Geschäft mit dem Namen "Zauberkönig". 1978 stirbt Regina Schmidt. Der Zauberkönig wird 1979 von Günter Klepke erworben.

 

Der nicht mit Regina Schmidt verwandte Berliner Illusionist übergibt 1995 das Geschäft an seine Tochter Mona Schmidt, die es 2011 ihrer Nichte Karen Goetzke (nach Heirat German) überträgt. Zusammen mit Kirsi Hinze leitet sie den "Zauberkönig" bis heute.

 

Auch nach dem Abbruch der aus der Nachkriegszeit stammenden Behelfsbauten an der Hermannstraße wird es den Zauberkönig geben, soviel ist sicher. Das Geschäft besteht hier noch bis Ende 2018. Danach wird es einjährige Pause geben, während der im wesentlichen nur der Online - Handel bestehen bleibt. Eine Wiedereröffnung wird es dann danach geben. Gern werde ich mit meiner Kamera zur Neueröffnung vorbeikommen...

Zauberkönig Berlin Neukölln Hermannstraße Klepke

Günter Klepke in seinem Zauberkönig. Als namhafter Illusionist führte er gern das ein oder andere Kunststück seinen Kunden vor - auch den Klassiker "Stich mit der Nadel in einen aufgeblasenen Ballon". 



Zauberkönig Berlin. Ladengeschäft Neukölln Hermannstraße Inhaberinnen Hinze German Goetzke

| Die beiden Inhaberinnen Kirsi Hinze und Karen German am 12. Mai 2018 während eines von Ihnen vor dem Zauberkönig veranstalteten kleinen Festes.


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