Der alte Weg nach Dresden, Abschnitt Berlin - Dahlewitz. Mit allen auf der Strecke bereits porträtierten Läden, Firmen und Bauwerken. Vom Halleschen Tor über den Mehringdamm, Tempelhofer-, Mariendorfer- und Kirchhainer Damm, der Stadt- und Landesgrenze, dem Roten Dudel, Mahlow, Glasow und Dahlewitz.


Die Confiserie Charlotte und Sawade



I. Geburtstage

Bild und Text: Lutz Röhrig 

…noch vor den ersten Weihnachtseinkäufen kommt im November für uns eine Zeit, in welcher sich die Geburtstage auf seltsame Art und Weise häufen: einige noch Skorpion, andere bereits schon Schütze. Doch allen ist gemeinsam, dass sie „Leckermäuler“ mit anspruchsvollem Geschmack sind. Also, was tun?

 

Nun, unsere Wahl fiel auf ein kleines, aber feines Schokoladen - Fachgeschäft, das am Mariendorfer Damm 439 im Ortsteil Buckow Pralinen und andere Spezialitäten des Berliner Herstellers „Sawade“ präsentiert. Denn klar war, etwas Berlintypisches sollte es sein – und was gibt es spezielleres, als die Produkte des ältesten Berliner Pralinenherstellers und einstigen „Königlichen Hoflieferanten“ Sawade.

Die "Confiserie Charlotte" am Mariendorfer Damm



Confiserie Charlotte. In Regalen, Fächern und Auslagen - alles, was das Herz begehrt.

II. Nur eine Aufmerksamkeit

Wir betraten jedenfalls am Mariendorfer Damm mit der „Confiserie

Charlotte“ ein kleines Paradies, in dem die Inhaberin, Frau  Vera Wilk, ein Fülle raffiniertester Köstlichkeiten appetitlich arrangiert hat. Nicht einfach, hier die Übersicht zu behalten. Aber es gibt ja erfahrene Verkaufskräfte, die einem gern behilflich sind.

 

Sie suchen etwas für einen jungen Herren? Da habe ich etwas – mit gewandten Griff wurde eine edle Sperrholzkiste aus dem Regal hervorgezaubert, die uns sofort gefiel – vom Äußeren her, aber erst recht auch vom Inhalt. Wir hatten gefunden, was wir suchten. Eine kleine, aber edle Aufmerksamkeit für den ältesten Sohn.

 

Und, wie ich uns kenne, werden wir angesichts der vielen Leckereien nicht nur bei Geburtstagen hier erneut vorbeischauen. Schließlich sind Sawade - Pralinen  nicht nur edles Naschwerk, sondern es verbindet sich mit diesen Köstlichkeiten auch ein interessantes Stück Berliner Geschichte...



III. Sawade

Begründet worden war die Berliner Confiserie Sawade von Ladislaus Maximilianus Ziemkiewicz, welcher sich in Paris zusammen mit seinen Brüdern in die Geheimnisse der Konfektmacherei einweihen ließ.

 

Zurückgekehrt nach Berlin, eröffnete er 1880 in Berlins Prachtstraße Unter den Linden, wo er im Haus Nr. 18 seine Wohnung hatte (auf dem Grundstück befindet sich heute die komische Oper), ein Geschäft für handgemachte Pralinen, Bonbons und Konfekt.

 

Bald schon kann er angesichts der hohen Qualität seiner Erzeugnisse sein Geschäft vergrößern, das nun ins Nachbarhaus Unter den Linden 19 zieht. Ziemkiewicz, ein junger, tüchtiger und weltgewandter Mann, verband eine besondere Beziehung zu seiner Nachbarin Marie de Savadé, die als Namenspatronin seines Geschäftes offenbar gern zur Verfügung stand. 

Confiserie Charlotte. Auch Weine gehören zum Programm.



Confiserie Charlotte. In meterlangen Regalen finden sich viele Köstlichkeiten

IV. Die Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs

Bald werden auch Kunden aus dem adligen Umfeld auf Sawade aufmerksam. Prinz Georg von Preußen, welcher recht bald

zu den festen Kunden des Hauses „Sawade“ gehörte, ernannte den Chocolatier schließlich 1885 zum „Königlichen Hoflieferanten“ – ein wichtiger und in der damaligen Zeit äußerst werbewirksamer Titel. 1934 stirbt  Ziemkiewicz und der Frankfurter Kaufmann Georg Hanemann übernimmt das Pralinengeschäft.

 

Während des Krieges wird die Produktion der edlen Kostbarkeiten immer schwieriger. 1943 wird zudem das Haus Unter den Linden 19 samt Fabrikation und Ladengeschäft zerstört. Hanemann eröffnet nun im Westteil der Stadt, in Nikolassee, eine neue Fabrikation. 

 

In den 1970er Jahren, nun unter der Führung Ullrich Spenglers, welcher Hanemann zunächst unterstützt und ihn dann abgelöst hatte, erfolgte der Bau des neuen Werkes in der Reinickendorfer Wittestraße 26e, wo 70 Angestellte die handgemachten Köstlichkeiten produzierten. Die süße Welt Sawades, sie schien noch in Ordnung...



V. Krise und Neubeginn

Doch dann folgte die Krise. Die üblichen Handelsketten möchten die Ware bis zu sechs Monate lagern, was Sawade auf Grund der frischen Zutaten nicht garantieren kann. Zudem fehlt Kapital, um Großaufträge vorzufinanzieren. Schließlich muss Sawade 2013 Konkurs anmelden. Das „Aus“ für den Berliner Pralinenhersteller schien sicher...

 

Mit der Grafik - Designerin Melanie Hübel und dem gelernten Koch Benno Hübel kam schließlich die Rettung. Zusammen hatten sie zuletzt die Berliner Digitaldruckerei Koebecke Information Partners zum drittgrößten Fotobuchhersteller Europas aufgebaut. Darüber hinaus war Benno Hübel im Mittleren Osten als Berater für die dortige Lebensmittelindustrie sehr erfolgreich gewesen.

 

Dies – sowie das Konzept Melanie Hübels, die antiquierte Verpackungen Sawades für eine auch jüngere Käuferschicht neu zu gestalten - muss auch den Insolvenzverwalter überzeugt haben, das Ehepaar unter den schließlich 50 Bietern zuzulassen. Im November 2013 erhielten die Hübels schließlich den Zuschlag. Inzwischen ist Sawade wieder auf erfolgreichem Kurs…

Confiserie Charlotte. Verkaufstresen



Möchten Sie regelmäßig über alle Neuigkeiten auf zeit-fuer-berlin.de informiert werden? Dann melden Sie sich für den kostenlosen Newsletter an - und lesen Heute, was Morgen nur noch Geschichte ist...

Sie möchten gern einen Kommentar oder Hinweis zu meinen Artikeln geben? Sie wünschen, dass auch über Ihr  Unternehmen berichtet wird? Nutzen Sie einfach das Kontaktformular