Das Dragoner - Areal

Einstieg in die Historie




Bild und Text: Lutz Röhrig 

Einst, vor vielen Jahren, wurde ich von meiner damaligen Chefin angesprochen, warum ich den meine Kamera mitgebracht hätte. Ich erklärte ihr, dass ich nach Dienstschluss noch zu den alten Pferdeställen auf dem Areal hinter dem Finanzamt am Mehringdamm gehen wolle. Mit einem Schmunzeln schüttelte sie den Kopf: „Was an alten Ställen schon besonderes sei“. Aber sie kannte mich längst und wusste, ausreden konnte sie mir das nicht…

 

Die Jahre vergingen, bald darauf beherrschte das Thema Dragoner – Areal“ die Schlagzeilen der Medien. Der Verlauf der sich über Jahre hinziehenden Ereignisse um den Verkauf des Geländes durch den Bund an meistbietende Investoren, der Wiederstand hiergegen, das Umdenken des Bundes und die schlussendliche Übergabe des Areals an das Land Berlin zum Zweck einer sozialverträglichen Bebauung sind hinreichend bekannt.

 

Doch wird bei aller Diskussion um einen sozialverträglichen Wohnungsbau oft vergessen, dass es sich bei dem Dragoner – Areal nicht nur um eine Brachfläche handelt, die möglichst schnell für den Wohnungsbau beräumt werden sollte, sondern um ein geschichtsträchtiges authentisch gebliebenes Areal, wie es in seiner Art nur noch wenige gibt in Berlin.

 

Denn wo sonst noch kann man noch inmitten der Berliner Innenstadt einen Ort finden, in dem die Zeit seit dem Ende des Kaiserreichs und seinen prunkvollen Garderegimentern stehen geblieben zu sein scheint. Wo sonst kann man inmitten der Berliner Innenstadt noch einen Eindruck davon gewinnen, welche umfangreichen Gebäude und Anlagen einst für die Beherbergung eines ganzen preußischen Kavallerie - Regiments mit seinen fünf Eskadronen notwendig waren. Denn oft blieb nach dem Ende der militärischen Nutzung nur das an der Straße gelegene Mannschaftsgebäude stehen - und vielfach noch nicht einmal dieses. 

 

Das Dragoner - Areal war jedoch nicht nur ein Ort, von dem aus  prächtig uniformierter Soldaten zur Parade zum Tempelhofer Feld ritten. Hier versammelten sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs auch jene Einheiten, die zum Sturm auf das SPD - nahe Gebäude des "Vorwärtsverlags" ansetzten. Hier wurden Parlamentäre erschossen und Gefangene misshandelt.  

 

In der Zeit der Weimarer Republik siedelte sich hier die Frankfurter Adlerwerke an, die im eigens errichteten "Rheinlandhaus" nicht nur ihre berühmten Automobile, sondern auch die auf dem Gelände produzierten Fahrräder anboten. Während des Zweiten Weltkriegs war dies aber auch ein Ort, in dem Zwangsarbeiter gegen ihren Willen festgehalten und ihre Arbeitskraft ausgebeutet wurde.  

 

Geschichte ist auf dem Dragoner - Areal angesichts des authentischen Umfelds sichtbar und damit erlebbar geblieben. Es ist ein vielschichtiger Ort, an dem die wechselvolle Geschichte unserer Stadt bis heute ablesbar ist. Zwar stehen Teile des Areals unter Denkmalschutz, der jedoch nur einzelne Gebäude, nicht das gesamte Gelände umfasst. Daher sollen nicht unter Schutz stehende Bereiche abgebrochen und modern überbaut werden. Die stehen zu lassenden Baulichkeiten sollen gleichfalls einer neuen Nutzung zugeführt und in das zu entwickelnde Konzept mit einbezogen werden.  

 

Moderne Quaderarchitektur, versehen mit feigenblatthaft vorgeblendeten, jedoch durch die jeweiligen Nutzugskonzepte stark veränderten Bestandsbauten. Beispiele dieser Art finden sich viele, der Charme des authentischen ist hier in den meiste Fällen für immer verloren.  Man denke nur an die Überbauung des alten Güterbahnhofs an der Yorck- und Bautzener Straße,  wo sich gigantische, zur Straße hin fensterlose Quader hinter dem zierlichen, denkmalgeschützten Gebäude des ehem. Restaurants "Zum Umsteiger" erheben oder sorgfältig restaurierte historische Eisenbahnbrücken bezugslos an Betonmauern scheitern. 

 

Ob die öffentliche Hand, die de Pläne des Investors an der Yorckstraße einst genehmigte, auf dem Dragoner - Areal mit größerer Sensibilität vorgehen wird? Die Gemengelage auf dem scheinbar riesigen Areal ist komplex. Hierzwischen, unter Erhalt der denkmalgeschützten Bauten und des bestehenden Gewerbes, das mangels günstiger Ersatzflächen nicht so einfach umgesetzt werden kann, modernen Wohnungsbau zu implementieren, ist äußerst schwierig. 

 

Doch, bei allem Verständnis für den Wunsch, hier dringend benötigte Wohnungen zu errichten, muss denn wirklich jeglicher Freiraum zwingend bebaut werden? Ist es nicht besser, gerade diese nur schwierig zu beplanende Fläche weiterhin offen zu halten und so auch in Zukunft als einen Ort zu erhalten, an dem Geschichte noch spürbar ist? 

 

Wo gibt es einen vergleichbaren Ort, der mit der Erstürmung des Vorwärts - Verlagshauses und damit der Geschichte der SPD derart eng verbunden ist? Wo kann all Jener gedacht werden, die hier während des Krieges unter Verlust ihrer Freiheit und unter unsäglichen Bedingungen arbeiten mussten? Gedanken, denen man sich stellen sollte - aus Verantwortung unseren Kindern gegenüber in einer Zeit, die mehr an Zuwendung benötigt, als nur bezahlbaren Wohnraum...

| Ein Garde - Dragoner des ersten Regiments mit gezogenen Säbel auf Posten vor dem Mannschaftsgebäude am heutigen Mehringdamm. Er trägt die seit dem 16. Januar 1890 geltende Uniform. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Königin von Großbritannien und Irland zum Ehrenoberst des Regiments ernannt. Dementsprechend waren die roten Schulterklappen mit einem goldfarbenes "IR" versehen.  Im Unterschied hierzu waren alle Schulterklappen, Kragenspiegel und Ärmelaufschläge des 2. Garde - Dragoner - Regiments, das unter dem Patronat der "Kaiserin Alexandra von Russland" stand, mit silberfarben Rangabzeichen belegt. Typisch für alle Garderegimenter hingegen waren die länglichen "Gardelitzen" an den Ärmelaufschlägen.

 

| Ausschnitt 

 




| Ausschnitt aus dem Plan von Jean Chretien Selter, 1846. Selters Plan gibt sehr genau die Überbauung des Landwehrgrabens durch die eigens für die Kaserne ein Stück weit aus ihrem früheren Verlauf herausgerückte Akzisemauer wieder. Der Pfeil bezeichnet die Blickrichtung Adolph Friedrich Erdmann von Menzels auf der nachfolgenden Zeichnung.

 

| Adolph Friedrich Erdmann von Menzel hat eine Reihe von Zeichnungen des Landwehrgrabens angefertigt. Die hier abgebildete, 1843 entstandene trägt die Bezeichnung "Schafgraben". Diesen Namen trug der Landwehrgraben in dem nach dem Halleschen Tor in Richtung der Potsdamer Brücke folgenden Abschnitt. Eine genaue Zuordnung der Lage des Motivs erfolgte bisher nicht. Doch gern habe ich mir die Mühe gemacht. Nur an einer Stelle ist der Landwehr- bzw. Schafgraben derart überbaut worden: am Halleschen Tor, siehe auch den Pfeil auf der Karte oben. Das über die Mauer ragende Gebäude ist die alte Infanterie- bzw. Dragonerkaserne.

Bereits die Betrachtung des Baus der Kaserne stellt einen tiefen Einblick in die Entwicklung Berlins dar. Die von Friedrich dem Großen 1767 erbaute Infanteriekaserne am Halleschen Tor war ursprünglich für das „Möllendorfsche Regiment“ errichtet worden.

Um der Anlage genügend Platz zu verschaffen, überbaute man hier teilweise den Landwehrgraben. Die Zoll- und Akzisemauer, welche damals die Stadt umgab, wurde dadurch ein Stückweit nach außen gerückt.

 

Doch mit Begründung des am 21. Februar 1815 durch den Zusammenschluss mehrerer Eskadron entstandenen 1. Dragoner – Regiment wurde die alte Infanteriekaserne am Hallesche Tor nun in eine Kavalleriekaserne umgewandelt. Da der Platz für die Anlage der notwendigen Ställe auf Grund der beengten Verhältnisse zwischen der Akzisemauer und dem Landwehrgraben nicht ausreichend ist, werden diese in anderen Kasernen der Umgebung provisorisch untergebracht.

 

Doch nicht nur die kaum für ein Kavallerieregiment ausreichenden Platzverhältnisse zwingen den damaligen Militärfiskus dazu, über einen Ersatz der unzureichenden Gebäude nachzudenken. Die Lage der Kaserne über dem alten Landwehrgraben steht dem 1845 nach Plänen Peter Joseph Lenné beginnende Ausbau des alten, seit dem Mittelalter bestehenden Grabenlaufs im Weg. Dieser soll nun zu einem schiffbaren Wasserweg ausgebaut werden, welcher eine Entlastung der vielbefahrenen Spree ermöglicht.

 

Die Lage der Kaserne am Halleschen Tor war an sich ideal, von hier konnte das große Manövergelände am Tempelhofer Feld (später u. a. Gelände des Flughafens) leicht erreicht werden. Doch war das dem alten Standort gegenüberliegende Ufer bereits von der weithin bekannten Plamannschen Erziehungsanstalt besetzt. Einen Ausweg bot da das Gelände des sog. "Uppstalls" - eine öffentliche Weidefläche, die nun durch den Militärfiskus von den Bauern erworben wird.

 

Den geplanten Bau der neuen Kavallerie – Kaserne behindert jedoch – ebenso wie den weiteren Ausbau des Landwehrgrabens - die ausbrechende Revolution von 1848, in deren Verlauf auch das 1. Garde –Dragoner – Regiment zum Einsatz kommt. In der Innenstadt (z. B. am Schloßplatz oder dem Dönhoffplatz) schreitet das Regiment energisch ein. Ab und an geraten einzeln patrouillierende Eskadronen (franz. für Schwadron, ein Regiment bestand aus 5 Eskadronen) unter Feuer, doch bleibt dies eher die Ausnahme.