Sankt-Hedwigs- Kathedrale

Denkmalkonflikt um einen Umbau

St. - Hedwigs - Kathedrale

Denkmalkonflikt um einen Umbau

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Einleitung1


 1 | Einleitung. Sorge um eine Kirche


Bild und Text: Lutz Röhrig 

Viele verstehen unter dem Begriff Denkmalschutz nur die Unterschutzstellung von Gebäuden, die im klassischen Sinne als „alt“ angesehen werden und von daher wenig umstritten sind.

 

Die Architektur der Nachkriegsmoderne bleibt dabei in der Meinung und dem Interesse der Öffentlichkeit oft außen vor. Sie wird gern als wenig ansprechend, störend oder gar als möglichst schnell zu beseitigen empfunden.

 

Das diese eher oberflächliche Betrachtung zu kurz greift, zeigte schon das Beispiel des ICC, das erst vor kurzem unter Denkmalschutz gestellt worden ist. Doch es gibt weitere Beispiele einer zusehends unter Druck geratenen Moderne – und das an Orten, wo man es kaum erwartet hätte.

 

Ein solcher Ort ist die St. - Hedwigs – Kathedrale in Mitte, die einem stark in der Diskussion stehenden Umbau unterzogen werden soll. Gegen diesen Umbau regte sich von Anfang an Widerstand. Um den Konflikt und die Bedenken gegen den Umbau zu verstehen, muss man jedoch ein wenig in die Geschichte zurückgehen. 

 

| Der Kuppelsaal des Zentralbaus. Inmitten des Raumes befindet sich hier der Abgang in die Unterkirche. Ober- und Unterkirche werden durch einen über beide Ebenen reichenden Doppelaltar verbunden.

 


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 2 | Ein kurzer Blick zurück


| Die St. - Hedwigs - Kirche 1850 am Opernplatz (heute Bebelplatz).

Den Bestrebungen Friedrich des Großen zum repräsentativen Ausbau Berlins hat die Stadt das sog. „Forum Friedericianum“ am Ende seines Prachtboulevards Unter den Linden zu verdanken. Bestandteil dieses Forums sollte neben einem Opernhaus und diversen Palais auch einen allen Religionen gewidmeten Pantheon werden, das die religiöse Toleranz in Preußen symbolisieren und fördern sollte.

 

Doch nach der Eroberung Schlesiens war es Friedrich dem Großen daran gelegen, den überwiegend katholischen Schlesiern als Ausdruck der Wertschätzung inmitten seiner Hauptstadt ein zentrales Gotteshaus zu errichten. Das Projekt eines Pantheons wandelte sich damit. Die Idee einer dem Pantheon zumindest ähnelnden Architektur jedoch übernahmen Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff und Jean Laurent Legeay, welche in den Jahren 1747 bis 1773 die der schlesischen Schutzheiligen Hedwig von Andechs gewidmete St. - Hedwigs - Kirche  (dem ersten katholischen Kirchbau seit dem Ende der Reformation) unter der Aufsicht Johann Boumann d. Ä. errichteten.

 

1930 wurde das Bistum Berlin aus dem Bistum Breslau ausgegründet, die St. – Hedwigs - Kirche zur Kathedrale erhoben. Diesem neuen Rang des Bauwerks trug man durch einen vollständigen Umbau des Innenraums Rechnung. Bis 1932 wandelte der österreichische Architekt Clemens Holzmeister den barocken Innenraum in einen expressionistischen Kirchenraum um.

 


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 3 | Der Wiederaufbau


In den Jahren 1952 bis 1963 erfolgte ein Wiederaufbau der nun in Ost – Berlin liegenden St. Hedwigs – Kathedrale. Auf das wiederhergestellte, größten Teils erhalten gebliebene Mauerwerk des Zentralbaus setzte man erneut eine Kuppel, die jedoch im Gegensatz zur historischen Konstruktion nicht aus Holz, sondern aus 86 Betonsegmenten besteht. Eine für die Zeit anspruchsvolle Bauaufgabe.

 

Die Kuppel erhielt im Gegensatz zum Vorkriegszustand keine Laterne mehr, da diese erst 1884/1887 aufgesetzt worden war und die St. – Hedwigs – Kathedrale somit eher dem Originalzustand entsprach. Die gravierendsten Veränderungen erfolgten jedoch im Inneren der Kirche. Für die Innenraumplanung war der West – Berliner Architekt Hans Schwippert (u. a. Hochhaus im Hansaviertel) zuständig. Damit kam es hier zu einer seltenen Zusammenarbeit östlicher als auch westlicher Architekten. Schwippert hatte sich jahrelang mit dem Standort und der Situation der Kirch beschäftigt.

 

Sein radikaler Entwurf, den Boden des Gotteshauses zu öffnen und so einen unmittelbaren Zugang zur gleichfalls neuen Unterkirche zu schaffen, wurde erst nach längerer Diskussion 1958 vom Domkapitel genehmigt. Die Fertigstellung des Innenraums erfolgte 1963. Seither sind Ober- und Unterkirche, dem Entwurf Schwipperts folgend, durch einen zweigeschossigen Hoch- und Sakramentsaltar direkt miteinander verbunden.

 

| Blick auf den die Ober- und Unterkirche verbindenden Doppelaltar.

 


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 4 | Neuplanung und Konflikt


| Blick hinauf in die Kuppel. Ursprünglich dachte man durchaus an eine Wiederherstellung der die Kuppel bekrönenden Ampel und traf entsprechende bauliche Vorbereitungen. Mit Blick auf die moderne Innenausstattung und den Originalzustand der Kuppel von 1773 entschied man sich jedoch, diese Zutat des 19. Jahrhunderts wegzulassen.

 

2013 kam es zur Ausschreibung eines Architektenwettbewerbs durch das Erzbistum Berlin, dessen Siegerentwurf eine Schließung der Bodenöffnung zur Unterkirche und damit auch die Beseitigung des Doppelaltares vorsieht. Als Begründung für die seit dem vergangenen Jahr laufenden Umbaumaßnahmen wird eine sich gegenüber den 1950er Jahren in Folge des zweiten vatikanischen Konzils erheblich veränderte Liturgie angegeben, welcher der aktuelle Zustand der Kirche nicht mehr gerecht wird.

 

Gegen die Pläne des Erzbistums, deren Ausführung einer beinahe

völligen Beseitigung der Architektur Hans Schwipperts gleichkommt, regt sich vielfacher Wiederstand. Sowohl die Denkmalbehörden als auch Gemeindemitglieder legten Protest ein. Hinzu kommen urheberrechtliche Klagen der seinerzeit aus Ost und West am Bau  beteiligten Künstler.

 

Da jedoch die Arbeiten im Kirchenraum ohne die Ergebnisse der Einsprüche abzuwarten, unvermindert weitergehen, wurde nun durch das Bezirksamt Mitte ein Baustopp verhängt. Man darf gespannt sein, wie sich die Dinge weiterentwickeln – oder ob meine Fotos einen Zustand dokumentieren, wie er danach nie mehr wieder sein wird.

 



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