Der Siemensblock in Kreuzberg. Tagesspiegel und Mövenpick

- Erster Teil -


Inhalt und Kapitelübersicht

Erster Teil




Zweiter Teil




Dritter Teil




Vierter Teil





Besuch beim Tagesspiegel

am Askanischen Platz



Bild und Text: Lutz Röhrig 

Seit dem Jahr 2009 ist der Tagesspiegel nun nicht mehr in der Potsdamer Straße, sondern am Askanischen Platz in Kreuzberg am ehem. Anhalter Bahnhof ansässig - in einem Gebäude, das einst für die Fa. Siemens errichtet worden ist. Denn wer bei "Siemens" zuerst an die Spandauer Siemensstadt oder gar den fernen Wittelsbacher Platz in München denkt, vergisst, dass die Wurzeln des Weltkonzerns einst im heutigen Berliner Stadtteil Kreuzberg lagen. 

 

So gibt es denn gleich mehrere Gründe, sich einmal dort umzuschauen. Denn schließlich unterstand die Hochbahngesellschaft, die von dem Ingenieur und Architekten Paul Wittig geleitet wurde und dem mein besonderes Interesse im Hinblick auf künftige Projekte gilt, zur Hälfte der Fa. Siemens, die hier ihre Konzernzentrale hatte. Und der Blick in die Redaktionen der größten Berliner Abonnentenzeitung ist mindestens in gleicher Weise interessant. 

 

Die Betrachtung des Hauses am Askanischen Platz wäre jedoch unvollständig, würden nicht auch die Umstände, die zu seiner Erbauung führten und eng mit der Entwicklung des Viertels zwischen dem Potsdamer- und vor allem dem Anhalter Bahnhof in Verbindung stehen, betrachtet werden. Zudem bildeten Teile des Gebäudes lange Zeit eine Einheit mit dem sog. "Siemenshaus" in der Schöneberger Straße, das heute vom Hotel Mövenpick genutzt wird. 

 

Es freute mich daher sehr, dass sich angesichts des "gebäudeübergreifenden" Themas sowohl Herr Tolga Hasirci vom Management des Hotels Mövenpick als auch der mir bekannte Autor und Lokalredakteur des Tagesspiegels, Klaus Kurpjuweit, sich Zeit nahmen, um mich jeweils durch ihr Haus zu führen.

 

Ältester Teil des Kreuzberger "Siemensblocks" ist das Haus am Askanischen Platz Nr. 3., wo ich mich mit Klaus Kurpjuweit traf. Nach der herzlichen Begrüßung ging es dann auch bereits am Empfang des Tagesspiegels angesichts des imposanten, roten Sandsteingebälks um jene Zeit, als auch ein gewisser Herr Wittig hier den leitenden Herren der Fa. Siemens Besuch und Bericht abzustatten hatte.

 

Wittig hatte bis zur neuen Siemens-Zentrale nicht weit zu gehen. Denn etwa zur selben Zeit waren am unweit entfernten Potsdamer Platz die Verwaltungsräume der seit 1897 bestehenden Berliner Hoch- und Untergrundbahngesellschaft in der Köthener Straße 12 eingerichtet worden. Nicht ohne Grund, hatte die Gesellschaft doch für den Bau der Rampe der Hochbahn, die hier zur U - Bahn wird, die Mietshäuser an der Köthener Straße erwerben müssen.  

 

Neben der verkehrsgünstigen Lage zwischen zwei Fernbahnhöfen und der seit langem von der Fa. Siemens geplanten Hoch- und Untergrundbahn spielte jedoch bei der Entscheidung, die neue Siemens -Konzernzentrale am Askanischen Platz zu errichten, auch ein Stück Sentimentalität eine Rolle. Hier, am Anhalter Bahnhof, hatte Werner von Siemens einst seine erste Hinterhofwerkstatt begründet und damit zugleich die Wurzeln für den späteren Weltkonzern gelegt. Beginnen wir also dort unsere Reise in die Geschichte des Siemensblocks...

| Das Haus am Askanischen Platz Nr. 3. Heute u. a. Sitz des Tagesspiegels. Die Fassade war nach dem Krieg stark versachlicht worden. 2002 wurde die moderne Fassade aus Naturstein montiert. Von der Vorkriegs - Bebauung des Platzes blieb ansonsten nur noch das rechts neben dem Tagesspiegelhaus zu sehende Eckgebäude erhalten. 

| Schematischer Grundriss der Gebäude des ehem. Siemensblocks am Askanischen Platz und in der Schöneberger Straße. Der hellgraue Bereich wird heute durch den Tagesspiegel genutzt, der dunkelgraue durch das Hotel Mövenpick.


| Das Haus am Askanischen Platz Nr. 3, Foyer. Blick auf das zu den Redaktionsräumen führende Treppenhaus. 

| Das Gebäude der ehem. Siemens - Repräsentanz an der Schöneberger Straße, welches heute durch das Hotel Mövenpick genutzt wird. 



Der Kauf des Grundstücks

am Askanischen Platz Nr. 3



| Luftbild der Gegend um den 1880 eröffneten neuen Anhalter Bahnhof, ca. 1920. Der Askanische Platz mit dem Verwaltungsbau der Fa. Siemens ist oben links zu sehen. Der Platz wird durch die Schöneberger Straße geteilt, die am 1960 zugeschütteten Schöneberger Hafen vorbei nach rechts auf den U - Bahnhof Gleisdreieck zuläuft.

Am direkt zwischen dem Bahnhof, dem Askanischen Platz und der Schöneberger Straße liegenden Häuserblock befand sich die erste Werkstatt von Siemens & Halske (zweites Haus vom Platz aus). Der Werkstatt gegenüber auf der anderen Seite der Schöneberger Straße befindet sich die ab 1914 errichtete Verkaufsrepräsentanz der Fa. Siemens. Am unteren Bildrand sind die Anlagen der Berlin - Potsdamer - Eisenbahn zu sehen.

1847 hatte Werner Siemens (damals noch ohne "von") und sein Kompagnon Georg Halske den Bau von Telegrafenanlagen im Hof des Hauses Schöneberger Straße 12 (ab 1846 - 1858 Nr. 19, dann 33 ) direkt am Anhalter Bahnhof aufgenommen. Das aus dem Jahr 1842/43 stammende Haus des Schlossermeisters Spiller  war gewählt worden, da Siemens im selben Jahr vom preußischen Kriegsministerium mit dem versuchsweisen Bau einer unterirdischen Telegrafenleitung entlang der Anhalter Bahn beauftragt worden war.

 

Und auch die Berlin-Anhaltische Eisenbahn-Gesellschaft selbst gehörte neben dem Militär bald zu den wichtigsten Kunden der „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“. Heute blickt man hier nur noch auf den immer noch eindrucksvollen Portikus des Anhalter Bahnhofs. Denn die Keimzelle des späteren Weltkonzerns wurde für den Bau der Nord – Süd- S-Bahn in den 1930er-Jahren abgebrochen. 

 

Werner Siemens indes reichten die lediglich 150 qm umfassenden Räume bald nicht mehr aus, so dass fünf Jahre später ein neuer Standort gesucht werden musste. Siemens  erwarb schließlich in der Markgrafenstraße 94 schräg gegenüber dem Gendarmenmarkt ein Wohnhaus samt Hofgebäude. Durch den Zukauf weiterer Grundstücke in der Nachbarschaft konnte der Standort zwar sukzessive dem steigenden Bedarf nach zusätzlichen und vor allem größeren Räumen angepasst werden, aber schließlich reichte der Platz auch in der Markgrafenstraße nicht mehr aus.

 

Siemens plante daher für die Verwaltungsabteilungen ein neues repräsentatives Gebäude zu errichten, für das er 1888 das Grundstück am Askanischen Platz 3 von den Erben des „Kaiserlichen Hoflieferanten C. W. Borchert“ erwarb. Borchert war durch seine bekannte Hut- und Mützenfabrik in der Friedrichstraße 153 zu beachtlichen Vermögen gekommenen. Leider sind Bilder seines Wohnhauses nicht überliefert. Wie beeindruckend dieses einst gewesen sein muss, lässt sich jedoch aus den erhalten gebliebenen Plänen des Architekten Gustav Knoblauch zum Bau eines mehrstöckigen Gewächshauses zumindest erahnen...



Der Architekt

Gustav Knoblauch



Für den Entwurf dieses imposanten Gewächshauses hatte Borchert keinen geringeren als den Vorsitzenden des Architekten- und Ingenieursverein zu Berlin, Gustav Knoblauch gewinnen können, dessen Pläne im TU – Archiv erhalten sind. Dass Borchert Gustav Knoblauch wählte, mag nicht nur an der Reputation des Architekten und seinen guten Kontakten zur Berliner Unternehmerschaft (u. a. zum Holzhändler Eger, dessen Wohnhaus er am nahe gelegenen Tempelhofer Ufer errichtete) gelegen haben, sondern auch an dem Umstand, dass Gustavs Vater, Eduard Knoblauch (u. a. Neue Synagoge Oranienburger Straße), zuvor mit der planerischen Entwicklung des Gebiets zwischen der Potsdamer- und der Anhalter Eisenbahn durch die hier ansässigen Grundstückseigentümer beauftragt worden war.

 

Denn dieses nur wenig bebaute Gebiet war durch die Berlin - Sächsische - Eisenbahn - Gesellschaft (B.S.E.) erworben worden, obwohl klar war, das es eigentlich nicht für die Anlage des ersten Anhalter Bahnhofs benötigt werden würde. Vielmehr handelte es sich hier um eine rein spekulative Erwerbung mit dem Ziel, die zuvor günstig erworbenen,   durch den Bahnbau im Wert gestiegenen Grundstücke im Anschluss teuer vermarkten zu können.

 

Die "Berlin- Anhaltische – Eisenbahn – Gesellschaft“ (B.A.E.), wie sich die B.S.E. ab 1840 nannte, ist mit ihren Planungen für den Standort des Bahnhofs, der Anlage eines Vorplatzes sowie mehrere, von der neuen Platzanlage ausgehender Straßen verantwortlich für das heutige Aussehen des gesamten Areals zwischen der Möckern- und der Bernburger Straße sowie dem Landwehrkanal.

| Gustav Knoblauch. Plan zum Bau eines Gewächshauses auf dem Grundstück des Herrn Borchert, Askanischen Platz Nr. 3. Plansammlung der TU. Die aufwendige Architektur macht deutlich, um welches Anwesen es sich bei dem  - leider nicht überlieferten - Wohnhaus des Hutfabrikanten Borchert gehandelt haben muss.



Die Anlage des Askanischen Platzes

durch die Eisenbahngesellschaft



| Das 1841 fertiggestellte, im klassizistischen Stil gehaltenen Gebäude (Mitte) des ersten Anhalter Bahnhofs.  Die Zeichnung gibt noch nicht ganz den endgültigen Ausführungszustand wieder, auch wenn es bei der dreiteiligen Anordnung der im klassizistischen Stil errichteten Gebäude auf der östlichen Platzseite bleiben sollte. Gut sind die zwischen den Gebäuden liegenden Durchgänge zu erkennen, deren Umsetzung die B.A.E. auch auf der westlichen Platzseite forderte. 

| Sieneck - Plan von 1856. Schwarzplan, welcher vor allem deutlich die Konturen der bereits errichteten Gebäude hervorhebt. Es sind die drei Gebäude auf der Ostseite des Askanischen Platzes mit dem Bahnhof in der Mitte zu sehen. Bebaut ist auch bereits die westliche Seite des durch die Schöneberger Straße geteilten Platzes. Schaut man hier genauer hin, so meint man auf der Rückseite des Gebäudes Askanischer Platz Nr. 3 den Grundriss des Gewächshauses von Gustav Knoblauch zu erkennen. 

| Delius - Plan von 1850. Gut ist die Lage des Anhalter Bahnhofs zwischen der Potsdamer Bahn (links) und dem Halleschen Tor (rechts unten) zu erkennen. Die heutige Stresemannstraße ist noch durch die Zoll- und Akzisemauer zwischen dem Potsdamer- und dem Anhalter Tor zweigeteilt: stadtauswärts trug sie den Namen "Hirschelstraße", der auf der Innenseite der Mauer  verlaufende Weg hingen nannte sich "Potsdamer Communication". In diesem Bereich verkehrte auch der sog. "Verbinder". Diese im Straßenniveau verlaufende, als Vorläufer der Ringbahn geltende Bahn verband sämtliche Berliner Kopfbahnhöfe. 

| Werner Siemens 1842, fünf Jahre vor der Gründung seiner Telegraphen - Bauanstalt, als Seconde- Lieutenant der preuß. Artillerie. 

Nach der Inbetriebnahme der Berlin – Potsdamer Eisenbahn im Jahre 1838 verstärkte auch die Berlin – Sächsische – Eisenbahn-Gesellschaft (B.S.E.) ihre Bemühungen um ihren bereits seit 1836 beabsichtigten Bau einer Eisenbahnverbindung von Berlin nach Sachsen.

 

Nachdem die Verhandlungen zwischen der Berlin – Potsdamer – Eisenbahngesellschaft und der B.S.E. gescheitert waren, eine Verbindung von Dresden und Leipzig nach Berlin über die bereits fertiggestellte Potsdamer Eisenbahn herzustellen, entschied die B.S.E., nunmehr einen eigenen Bahnhof in Berlin anzulegen.

 

Die B.S.E. wählte nach zahlreichen Verhandlungen eine Streckenführung über Dessau und Köthen, da der Eisenbahnbegeisterte Herzog von Anhalt – Dessau der B. S. E. weitreichende Unterstützung zugesagt hatte. Im weiteren Verlauf der Verhandlungen entfiel das Ziel „Dresden“ ganz, Dessau und Köthen wurden nun zur Endstation der neuen Strecke. Daher erfolgte 1840 die Umbenennung der B. S. E. in „Berlin- Anhaltische – Eisenbahn – Gesellschaft“ (B.A.E.).

 

Für das letzte Teilstück der Strecke, für das eigentlich die Mitbenutzung der Berlin - Potsdamer - Eisenbahn vorgesehen war, ergaben sich jedoch bei der Wahl der Trasse erhebliche Schwierigkeiten. Eine von Süden auf die Stadt zulaufende Bahnstrecke musste zwangsläufig das Gebiet des "Tempelhofer Felds" (heute u. a. das Areal des Flughafen Tempelhof) tangieren, wollte sie nicht der bestehenden Potsdamer Eisenbahn zu nahe treten und sich so um potentielle Erweiterungsflächen bringen. Das Tempelhofer Feld jedoch besaß für die Berliner Garnison einen hohen Stellenwert als Übungs- und Paradegelände (u. a. während der alljährlichen "Kaisermanöver").

 

Berlin war zu diesem Zeitpunkt jedoch noch von der sog. Zoll- und Akzisemauer umgeben, der Zutritt in die Stadt daher durch entsprechende Tore geregelt. Da der Weg durch das Potsdamer Tor wegen der Potsdamer Eisenbahn versperrt war, blieb nur noch das Hallesche Tor als nächste mögliche Alternative für die Anlage eines Bahnhofs. Eine dementsprechende Trassierung der Strecke hätte jedoch eine noch größere Fläche des Tempelhofer Feldes beansprucht.

 

Daher musste die B. A. E. eine Linienführung wählen, die zwischen dem Potsdamer- und dem Halleschen Tor lag - was zusätzlich Kosten für den Bau eines neuen Stadttores sowie der Anlage eines entsprechenden Torplatzes bedeutete. Zudem musste – gleichfalls auf Kosten der B. A. E. - auch ein Verbindungsweg zwischen dem neuen Torplatz und der bereits bestehenden Wilhelmstraße geschaffen werden, um so eine bessere Verbindung zur Innenstadt zu erhalten:  die heutige Anhalter Straße. Immerhin konnte der neue Torplatz zugleich auch als Bahnhofsvorplatz genutzt werden, wenn auch dessen Dimensionierung ansonsten erheblich kleiner ausgefallen wäre. 

 

Ausgebaut werden musste von der B.A.E. auch ein alter Viehweg, da ansonsten das neue Stadttor keinerlei Anschluss an Berlins Umgebung gehabt hätte: Die heutige Schöneberger Straße. Diese verlief diagonal auf das Gelände der Potsdamer Eisenbahn zu. Richtung und Lage dieses neuen Straßenzuges lassen erkennen, dass zu einem späteren Zeitpunkt geplant war, die Schöneberger Straße bis zur Potsdamer Straße weiterzuführen, auf die sie in Höhe des alten Botanischen Gartens (heute Heinrich-von Kleist-Park) getroffen wäre.  

 

Darüber hinaus verpflichtete der preußische Militärfiskus - welcher sich nur gegen kostspielige Auflagen bereit erklärte, einen Teil des Tempelhofer Feldes (den es seit 1830 ohnehin an eine Pferde - Rennbahn verpachtet hatte) abzutreten - die B. A. E. u. a. dazu, eine Straße längs des Eisenbahngeländes anzulegen, über die das Tempelhofer Feld für die militärischen Marschkolonnen besser erreichbar werden sollte: die "Militair-", spätere „Möckernstraße“. 

 

Zugute kam der Eisenbahngesellschaft immerhin, dass sich im Bereich des 1840 eröffneten neuen Tores, das den Namen „Anhalter Tor“ erhielt, lediglich ein aufgelassener Viehmarkt sowie umfangreiche und damit preiswert zu erwerbende Garten- und Wiesengrundstücke befanden. Es lohnte sich somit, neben den für den Eisenbahnbau benötigten Flächen weitere Grundstücke zu erwerben, deren Vermarktung zusätzliche, die Ausgaben für den Straßenbau und der in diesem Zusammenhang auch notwendig werdenden Kanal- und Eisenbahnbrücken wieder relativierende Einnahmen versprachen.

 

Bemerkenswert ist dabei auch, dass neben der Eisenbahngesellschaft selbst auch deren leitende Herren sowie an der Ausführung des Bahngebäudes beteiligte Personen am Kauf von Grundstücken sowie dem Bau von Privathäusern beteiligten. So finden sich hier als Eigentümer der Wohnhäusern an der zunächst noch als "Platz vor dem Anhaltischen Thor" (ab 1844 Askanischen Platz) bezeichneten Platzanlage lt. Berliner Adressbuch in der Nr. 1 (dem Eckgrundstück der damaligen Hirschel- [heutigen Stresemann-]  und Bernburger Straße) ein Maurerpolier Götzer, in der Nr. 2 ein Stellmacher Wetter, in der Nr. 3 der königl. Agent der Anhalter Bahn, August Bloch, (welcher bereits im siebenköpfigen Komitee zur Begründung der Aktiengesellschaft der B.S.E. vertreten war), in der Nr. 4 (an der Ecke zur Schöneberger Straße) ein Kupferstecher Clar (vermutlich einer der Söhne des bekannten Kupferstechers Johann Friedrich August Clar, 1768 - 1844), und in der Nr. 5 (zwischen der Schöneberger- und der heute nicht mehr existierenden Bahnhofsstraße) ein Herrn Enderlein, Bürovorsteher der Anhalter Bahn.

 

Auch die jeweiligen Mieter sind vielfach Angestellte der Anhalter Eisenbahn. 1844 ändern sich die Hausnummern ab der Nr. 5. Das Haus des Bürovorstehers Enderlein erhält die Nr. 5 - 6, ein Jahr später schließlich die Nr. 6. Interessant ist dabei, dass in der nun vorhandenen Nr. 7 die Baudirektion der Niederschlesisch - Märkischen Eisenbahn, die seit 1842 an der Herstellung einer Verbindung zwischen Breslau (der damals zweitgrößten Stadt Preußens) und Berlin arbeitete, kurzfristig ihren Sitz hatte. 1848 wird das Gebäude immer noch als "der Berlin - Anhaltischen - Eisenbahn gehörig" geführt. 



Prominente Mieter

am Askanischen Platz



Der Askanische Platz war von Anfang an eine namhafte Adresse. Dies blieb auch in den folgenden Jahren so. Ab 1850 ist der einstige Kammergerichtsassessor und Mitglied der Direktor der B.A.E. und der Niederschlesisch - Märkischen - Eisenbahn, Friedrich Fournier, höchstselbst bei Enderlein in der Nr. 6 Mieter. In der Nr. 1 wohnt in jener Zeit der Regierungs - Baumeister Friedrich Nottebohm, (1808-1875) welcher gleichfalls wie Fournier der Direktion der B. A. E. angehörte. 1850 wurde Nottebohm kommissarisch in den Vorstand der Königlich- Preußischen - Telegraphen - Direktion berufen - just zur selben Zeit also, in der auch Werner Siemens diesem Gremium angehörte und in der Schöneberger Straße bereits seine Telegraphen - Bauanstalt betrieb.

 

Friedrich Nottebohm war in seiner Funktion als Vorstandsmitglied der Preußischen - Telegraphen -  Direktion für den Bau des ersten leistungsfähigen ober- und unterirdischen Telegraphennetzes zuständig. Zudem führte er in Preußen das Morsealphabet ein. Nicht immer war das Verhältniß zwischen Siemens und Nottebohm das Beste gewesen. Wegen Probleme mit der Isolierung der von Siemens hergestellten Guttapercha - Kabeln, für die Nottebohm das Unternehmen verantwortlich machte, und einer von Siemens hiergegen veröffentlichten Denkschrift entzog Nottebohm Siemens sämtliche Staatsaufträge. Ein schwerer Schlag.

 

Doch nicht nur mit der Eisenbahn verbundene Personen lebten in den Häusern am Askanischen Platz. So wohnt in den Jahren um 1850 in der Nr. 3 bei Bloch der durch die Freiheitskriege bekannt gewordene General und (bis 1848) Chef des Großen Generalstabs, Wilhelm von Krauseneck. 

 

Als Beispiel für den guten Ruf, welchen die Häuser rund um den Askanischen Platz genossen, sei auch auf Friedrich von Rönne verwiesen, welcher ab 1847 in der Nr. 7 lebte. Rönne war ausgebildeter Jurist am Berliner Kammergericht und wechselte im Anschluss zur Regierung nach Potsdam, wo er sich mit Handelsangelegenheiten, aber auch bereits mit völkerrechtlichen Fragestellungen beschäftigte. 1834 zum Ministerresidenten ernannt, vertrat er als Botschafter in Washington die Interessen Preußens. Sein Ansehen in den Staaten der Union war derart groß, das er als Schlichter im Streit mit Mexiko beordert wurde - doch einen Krieg konnte auch er nicht verhindern. Von Rönne wurde zum Initiator des preuß. Wirtschaftsministerium, das zunächst die Bezeichnung "Handelsamt" trug. 

 

1853 geht das Gebäude Nr. 6 wieder in den Besitz der Anhaltischen Eisenbahn, die nach wie vor auch das Haus Nr. 7 besitzt, über. Enderlein verbleibt als Mieter im Haus. 1854 zieht in das Haus Nr. 3 Theodor Goldschmidt ein, dessen Chemische Fabrik in der Nähe am Landwehrkanal (Planufer) lag, wo er sich später auch eine Villa errichtete. Goldschmidt betrieb neben seiner Fabrik am Planufer eine weitere in Essen. Heute sind die "Evonik Industries", in welcher die "Goldschmidt GmbH" als Hersteller von Spezialchemikalien aufging, der größte Arbeitgeber der Stadt Essen. Theodor Goldschmidts zweiter Sohn Hans sollte für den Eisenbahn- und U - Bahnbau weltweit Bedeutung erlangen: das von ihm entwickelte Thermitverfahren gilt bis heute als das beste Verfahrung zur dauerhaften Verschweißung von Metallen, insbesondere auch der Endlosverschweißung (d. h. der Verbindung von Schienen ohne "Schienenstöße) von Eisenbahnschienen. 1919 gründen die Theodor Goldschmidt AG zusammen mit der "AFA" (siehe Kapitel 9) die "Elektro-Thermit G.m.b.H." in Tempelhof (Firmensitz heute Halle/ Saale), welche das von Hans Goldschmidt entwickelte Verfahren weiterentwickelt und im Stahl- und Eisenbahnbau bis heute eine große Bedeutung besitzt.

 

1855 geht das Gebäude Askanischer Platz Nr. 3 in den Besitz des Staatssekretärs und preuß. Diplomaten, Karl Emil Gustav von Le Coq, über. Von Le Coq (1799-1880) war unter anderem preußischer Gesandter in Stockholm und Mitglied des Preußischen Herrenhauses. Fabrikant Goldschmidt bleibt Mieter des Hauses Nr. 3. 

 

Um 1860 wird ein "Rentier Dietz" Besitzer des Hauses Nr. 3. Im Hause wohnhaft ist bereits seit einigen Jahren der General der Infanterie, Karl Friedrich Ludwig von Hahn (1795-1865), welcher sich in den Befreiungskriegen sowie im Schleswig - Holsteinischen - Krieg mehrfach ausgezeichnet hatte.

 

Sieben Jahre später, 1867, wird der Kaufmann und Strohhutfabrikant d' Heureuse neuer Eigentümer des Hauses, dem 1870 der bekannte Hut- und Mützenfabrikant Borchert folgt. Eine Verbindung zu d' Heureuse, welcher im gleichen Metier wie Borchert arbeitete, ist als wahrscheinlich anzunehmen. Von den Erben Borcherts sollte schließlich die Fa. Siemens das tief in das Gelände reichende Grundstück übernehmen.  

 

Kein Zweifel also, die Häuser rund um den Askanischen Platz waren beim gehobenen Mittelstand gefragt. Doch wie kam es eigentlich zu dieser bemerkenswerten Entwicklung des abgelegenen, zuvor weitgehend unbebauten Gebietes zwischen dem Anhalter- und Potsdamer Bahnhof? Ursache hierfür waren, wie bereits angedeutet, die spekulativen Absichten der B. A. E. sowie der Käufer der von ihr nun veräußerten, von vorn herein nicht für den Bau von Eisenbahnanlagen vorgesehenen Grundstücke. Um das Ganze in geordnete Bahnen zu lenken, war die Schaffung einer Art "Bebauungsplanes" notwendig. Hierfür nominierte man keinen geringen als den Architekten Eduard Knoblauch, Vater Gustav Knoblauchs und Erbauer der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße...

| Friedrich von Rönne (1798-1865), 1862. Grafik von Hermann Scherenberg. Bewohner des Hauses Askanischer Platz Nr. 7.

| Theodor Goldschmidt (1817-1875), Chemie - Fabrikant. Sein durch ihn in Berlin begründetes Unternehmen erlangte später in Essen Weltruhm. Theodor Goldschmidts zweiter Sohn Hans entwickelte das "Thermitverfahren" zur dauerhaften Verschweißung von Stahl, welches insbesondere beim dauerhaften Verschweißen von Eisenbahnschienen bis heute Anwendung findet.

| Erzeugnisse aus der Berliner Hutfabrik Borchert waren weithin begehrt und anerkannt - selbst am Rhein und der dortigen Nähe französischer Erzeugnisse.

| Kein Mieter am Askanischen Platz, aber hier doch seine Spuren bis zur Bebauung durch Siemens hinterlassend, siehe Kapitel 3: Der Architekt Gustav Knoblauch.



Zweiter Teil

Kapitel 6 - 10

Die Entwicklung des Gebietes am Anhalter Bahnhof durch den Architekten Eduard Knoblauch. Der Bau der Siemens - Hauptverwaltung am Askanischen Platz Nr. 3. Der Verkauf der Hauptverwaltung an die AFA. Übernahme der AFA durch Günther Quandt. Bau der Siemens - Unternehmensrepräsentanz in der Schöneberger Straße. Die NS- Zeit und die Familie Quandt. 



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