Berlin, Kreuzberg, Bruno Taut, Wohn- und Geschäftshaus, Kottbusser Damm 2 -3, heutiger Zustand

Bruno Taut. Haus Kottbusser Damm 1-2

und Blankenfelde - Mahlow



Bruno Taut. Teil 1

Berlin - Kreuzberg und Blankenfelde - Mahlow


Inhalt und Kapitelübersicht



Einleitung. Von Berlin - Kreuzberg 

nach Blankenfelde - Mahlow



Bild und Text: Lutz Röhrig 

…was verbindet einen im Berliner Stadtteil Kreuzberg Geborenen mit seiner neuen Wahlheimat Blankenfelde - Mahlow? Nun, da gäbe es so einiges. Zu diesen Dingen gehört auch ein Architekt: Bruno Taut. Verwundert wird sich mancher die Augen reiben, da Bruno Taut im allgemeinen für den Bau von progressiven Großsiedlungen wie der Britzer Hufeisensiedlung, der Gartenstadt Falkenberg (Tuschkastensiedlung) in Köpenick oder der Zehlendorfer Waldsiedlung steht.

 

Doch was hat Bruno Taut mit dem Stadtteil Kreuzberg oder der Berliner Umlandgemeinde Blankenfelde – Mahlow nun zu tun? Beide Örtlichkeiten stehen weder für den Beginn noch für das Ende von Tauts Œuvre, stellen jedoch wichtige Marker für das Früh- und Spätwerk Bruno Tauts dar. Machen wir uns also auf die Suche nach einem Stück Architekturgeschichte…

Berlin, Bruno Taut

| Bruno Taut. Aufnahme um 1910.



Eine Ruine am Kottbusser Damm

im Berliner Stadtteil Kreuzberg



Berlin, Kreuzberg, Bruno Taut, Wohn- und Geschäftshaus, Kottbusser Damm 2 -3, Ruine

| Die Ruine des Geschäfts- und Wohnhauses Kottbusser Damm 2 - 3, wie ich sie noch in meiner Kindheit kennengelernt habe. Bereits damals vorhanden: die Apotheke. Diese zog während der Rekonstruktion kurzzeitig in ein Nachbargebäude, ehe sie wieder an ihren ursprünglichen Ort zurückkehrte. Ganz rechts im Anschnitt noch zu erkennen: Ein Stück der Fassade des Kaufhaus "Bilka". Das alte, zur Hertie - Gruppe gehörende "Union - Kaufhaus" war im Krieg zerstört worden und wurde durch einen Neubau ersetzt.

Ich selbst sollte mit Bruno Tauts Werk bereits in frühester Jugend konfrontiert werden – genauer gesagt: zunächst mit einer Ruine. Am Planufer am Berliner Landwehrkanal geboren, waren es nur wenige Schritte bis zu meinem "Heimatboulevard“ wo ich auf Entdeckungsreise gehen konnte. Was gab es dort nicht alles zu sehen.

 

Und zu sehen und zu entdecken gab dort es eine Menge: Zwei Kinos, von denen eines bis heute existiert und das Älteste noch bestehende in Deutschland überhaupt ist (Moviemento), ein Spielwarenladen mit großer Modellbahnabteilung im Keller, ein Zoogeschäft und dessen Tiere, zwei Fotoläden, der Schiffsanleger an der Kottbusser Brücke mit den Ausflugsschiffen und der Gaststätte "Ankerklause", das ehem. Kaufhaus Bilka – und gleich daneben eben jene geheimnisvolle, damals noch immer imposante Ruine, die mich von den ersten Kindertagen bis in die Oberschulzeit begleiten sollte.



Bruno Taut und der

Kottbusser Damm



Taut war am 4. Mai 1880 in Königsberg als zweiter Sohn des Kaufmanns Julius

Taut geboren worden. In Königsberg absolvierte er auch den ersten Teil seiner Ausbildung zum Architekten an der dortigen Bauakademie. Danach war er in Hamburg und schließlich in Berlin bei dem bekannten, privat in Marienfelde lebenden Jugendstil – Architekten Bruno Möhring tätig.

 

Weitere Stationen waren Stuttgart und vor allem Unterriexingen bei Ludwigsburg, wo Taut 1906 seinen ersten Auftrag mit der Erneuerung der dortigen Dorfkirche erhielt. 1908 kehrte Taut wieder nach Berlin zurück, wo er an der TU die Fächer Kunstgeschichte und Städtebau belegt. 1909 gründete er zusammen mit Franz Hoffmann das Architekturbüro Taut & Hoffmann, in dem ab 1912 auch sein Bruder, Max Taut, arbeiten sollte. Bruno Taut hatte Hoffmann während seiner Tätigkeit im Büro von Heinrich (Heinz) Lassen kennengelernt und beide hatten dort auch den Entschluss gefasst, sich selbständig zu machen.

 

Gleich das erste Projekt des Büros Taut & Hoffmann, ein großes Wohn- und Geschäftshaus, war bereits in den Jahren 1909 – 1910 am Kottbusser Damm auf dessen Neuköllner Seite an der Ecke Bürkner- und Spremberger Straße entstanden. Das zweite Gebäude am Kottbusser Damm jedoch, das 1910 – 1911 schräg gegenüber dem Erstlingswerk auf der Kreuzberger Seite neben dem damaligen Kaufhaus Jandorf errichtete Wohn- und Geschäftshaus Kottbusser Damm 2-3, überlebte die Zeiten hingegen nur als Ruine. Bauherr war wie im Fall des an der Ecke zur Bürknerstraße errichteten Gebäudes der Architekten und Bauunternehmer Arthur Vogdt, für den Bruno Taut bereits im Büro Lassen tätig gewesen war.

 

Vogdt hatte sein Büro in der Linkstraße 9 - unweit der Nummer 20, in welcher das Büro Taut und Hoffmann zunächst ansässig war. Von Vogdt, Sohn des Architekten Paul Vogdt (Rathaus Charlottenburg), stammten im Übrigen auch die Grundrisspositionen der beiden Gebäude. Bereits 1902 hatte Arthur Vogdt unweit das Eckgebäude Karl- Marx- Straße / Hermannstraße an Stelle der historischen Gaststätte "Rollkrug" vermutlich selbst errichtet. Ein Vergleich des neuen Rollkrug- Hauses mit den beiden am Kottbusser Damm errichteten Gebäude zeigt deutlich den Wandel in der Architektur hin zu einer größeren Sachlichkeit. Sie sind zugleich aber auch ein Beleg für die Handschrift Tauts, welcher sich in der Suche nach einem neuen küstlerischen Ausdruck in der Architektur explizit der aufkommenden Moderne zugewandt hatte.

| Das von Arthur Vogdt 1902 vermutlich selbst errichtete sog. "Rollkrug - Haus" in Anlehnung an die historische Gaststätte an der Ecke Karl- Marx- Straße (links) und Hermannstraße. 

Berlin, Kreuzberg, Neukölln, Bruno Taut, Wohn- und Geschäftshaus, Kottbusser Damm, Bürknerstraße, Spremberger Straße, heutiger Zustand

| Das erste, vom Architekturbüro Taut & Hoffmann errichtete Gebäude, am Kottbusser Damm Ecke Bürkner- und Spremberger Straße. Das Wohn- und Geschäftsgebäude überstand den Krieg weitgehend unversehrt und war damit für uns Kinder bei weitem nicht so interessant, wie die Ruine des zweiten Taut - Hauses neben dem Kaufhaus "Bilka". 



Das Haus 

Kottbusser Damm 2 - 3



Berlin, Kreuzberg, Bruno Taut, Wohn- und Geschäftshaus, Kottbusser Damm 2 -3, heutiger Zustand. Gesamtansicht

| Das Gebäude Kottbusser Damm 2 -3 nach seiner Wiederherstellung. Gut sind nun wieder alle Merkmale der Fassadengliederung erkennbar. Doch statt eines Kinos zog - an Stelle einer zuletzt hier ansässigen Spielbank - inzwischen ein Biomarkt in die Räumlichkeiten des ehem. Saals ein.

Das Gebäude am Kottbusser Damm 2-3, das mich Jahrzehnte als Ruine begleiten sollte, gehörte also zusammen mit dem Wohnhaus an der Bürknerstraße zu Tauts Frühwerk - ein Umstand, der sich mir erst später erschließen sollte.

 

Taut gab dem Gebäude insgesamt eine für die damalige Zeit eher ruhigere sachlichere Fassade, da es zwischen einem Kaufhaus mit aufwendiger Stuckdekoration und einem fast schon nüchternen Renaissancegebäude lag. Diese Intention ist heute auf Grund des veränderten Umfelds kaum mehr nachzuvollziehen. Geschickt arbeitet Taut hier mit den Farben schwarz-weiß. Erd- und Zwischengeschoß erhielten eine Verkleidung aus schwarzen Klinkern, während die weißen Putzflächen der Obergeschosse wirkungsvoll durch dunkle Klinkersteine akzentuiert wurden.

 

Bewusst hatte Taut die Fassade so gestaltet, das sie bereits äußerlich erkennbar auf die vier Nutzungen des Gebäudes hinwies. Während die oberen Wohngeschosse eine weiße Verputzung erhielten, die durch dunkle Klinkersteine gegliedert worden war, hatte man das Ladengeschoss im Parterre als zweites Funktionsteil vollständig mit dunklen Klinkersteinen versehen. Dies traf auch auf die darüber liegende Büroetage als drittes Funktionsteil zu, die jedoch in ihrer Höhe erheblich kleiner gehalten worden war. Der durch das Kino genutzte mittlere Teil des Erd- und Bürogeschosses als viertes Funktionsteil war hingegen durch vier, beide Geschosse verbindende Rundbögen gekennzeichnet. 


Berlin, Kreuzberg, Bruno Taut, Wohn- und Geschäftshaus, Kottbusser Damm 2 -3, Grundriss, Erdgeschoss, Erbauungszeit

| Kottbusser Damm 2 -3. Grundriss des Erdgeschosses. In der Mitte gut zu erkennen die Eingänge und das Foyer des Kinos. Dahinter, getrennt durch eine gewellte Wand, der zwischen zwei Höfen liegende Kinosaal. Rechts und links Räumlichkeiten für Ladengeschäfte.

Berlin, Kreuzberg, Bruno Taut, Wohn- und Geschäftshaus, Kottbusser Damm 2 -3, Grundriss, Erbauungszeit, Erstes Obergeschoss

| Kottbusser Damm 2 -3. Grundriss des 1. Obergeschosses. Im Bereich des Kinos lagen hier der Vorführraum sowie die Zugänge zum Rang und weitere Toiletten. Links und rechts lagen hier - statt der Ladengeschäfte wie im Erdgeschoss - Büroräume.


| Das im Krieg zerstörte "Union - Kaufhaus" am Kottbusser Damm (heute Standort des ehem. Bilka - Kaufhauses), direkt gegenüber der Kottbusser Brücke und der dortigen Schiffsanlegestelle (Vordergrund). Das Tauthaus ist ganz links zu sehen. An der Werbefläche und den hohen Rundbögen erkennbar: das Kino "Eden - Palast". Rechts die Einmündung der Gräfestraße.


Das Filmtheater "Eden-Palast"

im Haus am Kottbusser Damm



Auch das ca. 500 Plätze fassende Kino des Gebäudes Kottbusser Damm 2 - 3 war vom Büro Taut & Hoffmann geplant worden. Eröffnet wurde es zusammen mit der Fertigstellung des Gebäudes im Jahr 1910 zunächst unter dem Namen "Kinomatographentheater am Kottbusser Damm“.

 

In den vier großen Mittelbögen der Gebäudefassade, welche das Kino auch von außen kenntlich machten, lagen die Eingänge zur Vorhalle, die Kinokassen, die Toiletten und die Treppenaufgänge zum Rang. Der Kinosaal selbst war durch eine gewellte Wand von der Vorhalle abgeschlossen. Die beiden Längswände des Kinosaals besaßen jeweils drei hohe Fensterreihen zu den Innenhöfen des Gebäudes, welche jedoch bis auf die Eingangstüren dauerhaft verschlossen waren.

 

Die Etage darüber enthielt den u-förmig der Leinwand gegenüberliegenden schmalen Rang, den Projektionsraum sowie eine weitere Toilette. Die Verbindung zwischen dem Parterre und dem Obergeschoss vermittelten zwei, den beiden äußeren der vier Rundbögen gegenüberliegende Treppen, welche durch in den oberen Teil der Rundbögen eingelassene Fenster mit Tageslicht beleuchtet wurden. Der Kinosaal besaß zudem eine beeindruckende Deckendekoration aus kreisförmigen Motiven, welche sich auch im Geländer des Rangs wiederholten. 1917 wurde das Kino in „Eden-Palast“ umbenannt. Einen Namen, den es bis zu seiner Schließung 1952 behalten sollte.

| Die Eingänge zum Foyer des "Eden - Palasts" lagen in den vier hohen, das Erdgeschoss und die Büroetage verbindenden Bogenportalen, mit denen Taut das Kino auch äußerlich gekennzeichnet hatte. Die Aufnahme stammt von 1927, als Asta Nielsens neuer Stummfilm "Das gefährliche Alter" erschien.


Berlin, Kreuzberg, Bruno Taut, Wohn- und Geschäftshaus, Kottbusser Damm 2 -3, Kino, Eden-Palast, Innenraum, Rang, Parkett

| Der "Eden - Palast". Blick von der gleichzeitig auch als Bühne dienenden Leinwand zum Rang und zum Parkett. Damals waren viele Kinos noch mit Holzgestühl versehen, so auch das "Movimento". 

Berlin, Kreuzberg, Bruno Taut, Wohn- und Geschäftshaus, Kottbusser Damm 2 -3, Kino, Eden-Palast, Innenraum, Bühne, Leinwand

| Der "Eden - Palast". Gegenrichtung. Blick aus dem Parkett zur Bühne.



Der "Eden-Palast" im Krieg

und die Zerstörung des Gebäudes



Berlin, Kreuzberg, Bruno Taut, Wohn- und Geschäftshaus, Kottbusser Damm 2 -3, heutiger Zustand, ehemalige Kinoeingänge, Biomarkt

| Über lange Jahre war nach der aufwendigen Sanierung, die im Grunde ein Neubau war, eine Spielhalle an Stelle des ehem. Kinos ansässig. Seit einiger Zeit befindet sich hier allerdings ein Biomarkt. 

Bewegende Geschichten ranken sich in unserer Familie um dieses Kino. Meine Großmutter berichtete oft von ihren Besuchen im Kino des gewaltigen Baus. In nächster Nähe gelegen, kam sie gern hierhin mit ihren beiden Kindern. Bei "Alarm“ hatte sie es dann nicht weit bis in den heimischen Luftschutzkeller am Planufer. In öffentliche Bunker ging sie nicht mehr seit einem grauenvollen Erlebnis im Fichtebunker, bei dem sie fast ihre Kinder im Gedränge des mehrfach überbelegten Bunkers verloren hätte.

 

Der Krieg war es schließlich auch, welcher den Taut – Bau fast vollständig zerstörte. Ausgehöhlt wie ein hohler Zahn stand die Ruine über Jahrzehnte unberührt neben dem Kaufhaus Bilka. Im Erdgeschoss waren ein paar Läden provisorisch untergebracht, darüber nisteten die unvermeidlichen Tauben.



Geplanter Abriss

und Wiederaufbau



Die endgültige Todesstunde jenes beeindruckenden Baus sollte dann Ende der 1970er Jahre kommen. Kunsthistoriker schrieben bereits den Nachruf, sonst schien das Thema niemanden weiter zu interessieren. Vorkriegsbauten gab es an jeder Ecke, Flächenabrisse ganzer Viertel waren an der Tagesordnung. Doch dann ein Wunder. Der neue Bauherr wusste um die Bedeutung des Gebäudes.

 

Das Architektenehepaar Inken & Hinrich Baller entwarf nun ein Konzept, welches im Grunde einen Neubau unter Erhalt der Fassade vorsah. 1978 begannen schließlich die Arbeiten. Seitdem müssen die Mieter in ihren Wohnungen Treppen steigen. Denn natürlich musste man passend zu den vorgegebenen Fenstern zumindest im Vorderhaus die alten Geschoßhöhen übernehmen. Im Hinterhaus kehrte man dann zu den üblichen Bauhöhen zurück, was ein paar kleine Stufen zwischen den im Vorderhaus und im Rückgebäude liegenden Zimmern der Wohnungen bedingte.

 

Noch heute überkommt mich ein zufriedenes Lächeln, wenn ich den Kottbusser Damm sozusagen auf den Spuren meiner Kindheit entlanggehe und mein Blick auf das markante Taut - Haus fällt.

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| Das Bürogeschoss im 1. Obergschoss erhielt schmale Fensteröffnungen mit einer auffälligen Wölbung. Eine Ausnahme bildete der obere Teil der vier Rundbögen des Kinoeingangs. Hier beleuchteten die Fenster die beiden seitlichen Treppenhäuser sowie den Umgang des Foyers. Heute dienen diese Bögen lediglich als Balkonfenster und erhielten den für das Büro Baller typischen Farbanstrich.



Das Taut - Haus

in Blankenfelde - Mahlow



Bruno Taut, Dahlewitz, Blankenfelde - Mahlow, heutiger Zustand, Taut - Haus

| Straßenansicht des Taut - Hauses im Blankenfelder - Mahlower Ortsteil Dahlewitz. Das Haupthaus ist auf dieser Seite halbkreisförmig ausgebildet worden. Das Treppenhaus wird durch Glasbausteine beleuchtet. Seitlich schließt sich der Wirtschaftsteil mit Garage an der Stirnfront an.

Bruno Taut, Dahlewitz, Blankenfelde - Mahlow, heutiger Zustand, Taut - Haus, Gartenseite

| Seitliche Fassade des Taut - Hauses. Grundriss und Lage des Gebäudes waren so gewählt, dass der großzügige Balkon selbst von den Nachbargrundstücken nur schwer eingesehen werden konnten. Durch den halbkreisförmigen "Bug" und dem an eine Kommandobrücke erinnernden Balkon des Hauses sollte, so Taut, der Eindruck eines in die Gartenlandschaft vorstoßenden Schiffs entstehen... 

Es ist ein seltsamer Zufall, das ich, viele Jahrzehnte nach meiner Kreuzberger Zeit, nunmehr auch an meinem jetzigen Wohnort Blankenfelde - Mahlow erneut auf einem Werk des Architekten Bruno Taut stoßen sollte. Diesmal, ähnlich wie bei uns selbst, sogar auf sein persönlichstes - dem eigenen Wohnhaus.

 

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war Taut privat ins Berliner Umland gezogen. Ab 1919 bis zu seiner Emigration nach Japan im Jahre 1933 lebte Taut in der heutigen Gemeinde Blankenfelde – Mahlow im Ortsteil Dahlewitz. Hier, wo er zunächst ein Sommerhaus besaß, errichtete er 1926/27 - für Taut begann nach seiner Rückkehr aus Magdeburg und ins Büro Taut & Hoffmann nun der zweiten große Teil seines Lebenswerkes - an der Wiesenstraße 13 sein eigenes Haus, das uns heute durch seine Formgebung im Bauhausstil seltsam vertraut und modern vorkommt – ganz im Gegensatz zu Tauts Frühwerk am Kottbusser Damm.

 

Von der Wiesenstraße aus erkennt man das dunkle, halbkreisförmige Haupthaus, an dem sich seitlich der längliche Wirtschaftstrakt mit Garage anschließt. Erst beim Betreten eines der Nachbargrundstücke erkennt man, dass das Hauptgebäude an der der Wiesenstraße abgewandten Seite spitz wie

ein Tortenstück zuläuft. Hier befindet sich im Obergeschoss der große, offene, in den weitläufigen Park gerichtete Balkon.

 

Tauts Vorstellungen eines modernen neuzeitlichen Bauwerks entspricht dabei auch dem Farbkonzept des Hauses, wie man es auch bei seinen Wohnsiedlungen findet. So wurde die Gartenseite des Haupthauses in weiß, die Straßenseite hingegen in schwarz gehalten. Zu den glatten Putzoberflächen des Haupthauses kontrastiert der seitliche Wirtschaftstrakt mit seinen rötlichen Klinkersteinen. Auch die fünf Wohnräume des Hauses weisen eine stark kontrastierende Farbgebung auf. Rote, blaue und gelbe Wandflächen finden sich im Arbeitszimmer, das Wohnzimmer besitzt hingegen eine leuchtend rote Decke und weinrote Wandflächen. Zusätzliche Kontraste stellen die farbig gehaltenen Heizkörper und Rohrleitungen dar. Dass das Farbkonzept Tauts heute wieder erlebbar ist, ist den Bemühungen der aktuellen Besitzerin zu verdanken, die das Gebäude aufwendig restaurieren ließ.

 

Bruno Taut sollte nur wenige Jahre Freude an seinem Haus haben. Fünf Jahre nach dessen Erbauung - inzwischen waren Wohnsiedlungen wie die heute zum Weltkulturerbe gehörende "Hufeisensiedlung" oder die Siedlung "Onkel Toms Hütte" fertiggestellt - musste er seiner politischen Haltung wegen emigrieren. Zunächst nach Japan, später in die Türkei, wo er am Heiligabend des Jahres 1938 in Istanbul verstarb.

 

Während die beiden Häuser am Kottbusser Damm zum Erstlingswerk des Büro Taut & Hoffmann gehören, markiert das Haus im Ortsteil Dahlewitz die kurze, wenn auch ergiebige, zweite Schaffensperiode Bruno Tauts - und deren Ende durch die Flucht Tauts ins Ausland. Ein bedeutender Verlust nicht nur für die deutsche Architektur. Übrigens: Bruno Taut war in erster Ehe mit Hedwig Wollgast verheiratet. Aus der Ehestammten stammten eine Tochter und ein Sohn. Die Tochter von Elisabeth Taut, Christine Hellwag heiratete 1966 den Rechtsanwalt und späteren Politiker Otto Schily. Im Taut - Haus jedoch lebte Bruno Taut indes mit seiner Lebensgefährtin Erica Wittich, mit der er auch eine gemeinsame Tochter hatte. Die Ehe mit Hedwig Wollgast indes wurde nie geschieden.


Bruno Taut, Dahlewitz, Blankenfelde - Mahlow, Taut - Haus, Grundriss, Erdgeschoss

| Grundriss des Taut - Hauses mit spitzwinkligem Haupthaus und seitlichem Wirtschaftstrakt.  

Bruno Taut, Dahlewitz, Blankenfelde - Mahlow, Taut - Haus, Grundriss, Obergeschoss

| Grundriss des zweiten Obergeschosses des Taut - Hauses mit großem Balkon und den Schlaf- und Arbeitsräumen.



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